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Dokumentarfilm „No Mercy“Die Härte ist bloß der Anfang

Im Dokumentarfilm „No Mercy“ fragt die Regisseurin Isa Willinger ihre Kolleginnen nach Gewalt in Bildern und im Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

„Ist der Blick von Frauen härter?“, fragt der Film „No Mercy“ Foto: Real Fiction

Am Anfang stehen eine Frage der Regisseurin und der Verdacht beim Zuschauenden, dass diese Frage nicht der beste Aufhänger für einen Dokumentarfilm über das Schaffen von auf verschiedene Weise feministisch informierten Regisseurinnen ist: Machen Frauen die härteren Filme? Die Frage hat eine Filmemacherin, Isa Willinger, von einer anderen, Kira Mouratova, 2001 am Strand des Schwarzen Meeres in Odessa gehört, als Aussagesatz. Es sei so, hat Mouratova, eine der großen Vergessenen des ukrainischen Kinos, gesagt.

Willinger hat sie dann mit sich herumgetragen, 2013 ein sehr gutes Buch über Muratova geschrieben („Kino und Subversion“, erschienen im Herbert von Halem Verlag) und rund zehn Jahre später die These als Frage zum Ausgangspunkt für ihren Film „No Mercy“ gemacht, der Gnaden- oder eigentlich Schonungslosigkeit und eben Härte zum Hauptmerkmal von Filmen erklärt, die von Frauen gemacht werden.

Material, das die These stützt, findet sich genug, und „No Mercy“ ruft die entsprechenden Bilder auf, in Interviews und Bildzitaten. Wenn Virginie Despentes im Gespräch über ihren Film „Baise-moi – Fick mich“ von ihrer Vergewaltigung erzählt, dann in einer Sprache, in der die Scham bereits die Seite gewechselt hat, ergänzt durch die Szene aus „Baise-moi“, in der eine der Hauptfiguren einem Mann mit einem Stöckelschuh das Gesicht zerstampft.

Der Film

„No Mercy“. Regie: Isa Willinger. Deutschland/Österreich 2025, 104 Min.

Despentes spricht in den Interviews abgeklärt, aber nicht resigniert, die Regisseurin Mouly Surya wirkt vor der Kamera beim Räsonieren über die Gewalt der Bilder heiter. In ihrem Rape-and-Revenge-Western „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ zieht die Heldin mit dem abgetrennten Kopf ihres Vergewaltigers durchs Land. Die rape scene ist anders gefilmt als zum Beispiel die transgressiv gemeinte Gewaltpornographie etwa in „Wer Gewalt sät“ oder „Irreversible“.

Schauen auf Objekte vor der Kamera

Die Frage nach dem männlichen und dem weiblichen, oder besser, nicht-männlichen Blick spielt in „No Mercy“ zwangsläufig eine zentrale Rolle. Vor allem Nina Menkes, die mit „Brainwashed: Sex-Camera-Power“ einen der kanonischen Filmessays zum Thema gedreht hat, und die französische Filmemacherin Céline Sciamma sprechen über die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Schauen auf das, was man sich zum Objekt vor der Kamera nimmt. Am Anfang ihrer Karriere habe sie versucht, die Sprache des Erzählkinos, die als eine natürliche gilt, zu imitieren, erzählt Sciamma.

Am Ausgangspunkt aller Gespräche in „No Mercy“ steht die Gewalt, als Bild und als Wirklichkeit im Verhältnis zwischen den Geschlechtern (Catherine Breillat berichtet als Grande Dame des französischen Transgressionskinos, wie sie als junge Frau die Scham die Seite hat wechseln lassen, indem sie einen Vergewaltigungsversuch mit einer beherzten Hodenquetschung beendet hat).

Die Skepsis gegenüber der Legitimität der Frage, ob Frauen jetzt die krasseren Filme machen, löst sich in der Montage Willingers, in der Vielzahl der Stimmen, die um die Bilder kreisen, bald auf. Skeptisch kann man sein, weil mit ihr, wenn sie alles wäre, wieder nur Überbietungslogik und Schwanzvergleich ins Geschehen Einzug halten würden. Sie wird aber weder bejaht noch verneint.

Im Sprechen über sie entsteht eine Art dokumentarisches Kaleidoskop aus Kurzinterviews, Filmausschnitten und wenigen Zwischenbildern, das formal über die Form einer von arte mitproduzierten Talking-Heads-Doku hinausgeht. Die Schnittgeschwindigkeit und die Kürze der Statements wirken am Anfang noch wie eine Verkürzung. „No Mercy“ zielt aber auf Bilderrausch und den Eindruck von Fülle. „Man sollte die Namen nennen, damit die Ahninnen und das Erbe nicht vergessen werden“, sagt Jackie Buet, Gründerin und bis heute Leiterin des 1979 gegründeten „Festival de Films des Femmes“.

Ausschluss als Problem

Durch den gesamten Film ziehen sich wie ein Gerüst Szenen aus den heute tatsächlich weitgehend vergessenen Filmen Kira Muratovas, die damit zu einem exemplarischen Fall werden: als Filme einer Regisseurin, die nicht viel mehr im Sinn hatten, als in einer eigenen, eigensinnigen Bildsprache den Alltag von Frauen zu beschreiben und damit in der Sowjetunion verboten wurden oder nur stark eingeschränkt gezeigt werden konnten.

Heute ist das Problem nicht mehr Zensur, sondern Ausschluss. Wenn man den quantitativen Ausstoß von Filmemacherinnen und Filmemachern vergleicht, sieht man, wo das Geld wie selbstverständlich hinfließt und wo nicht.

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Trailer „No Mercy“

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„No Mercy“ versucht die Rekonstruktion eines anderen Blicks auf Gewalt und Sexualität. Die Härte ist nur Ausgangspunkt, die Härte der Erfahrungen, die Frauen machen und Männer nicht. Sie wird auf ganz unterschiedliche Weise ins Bild gesetzt. In Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ löst sie sich in der liebenden Berührung zweier Frauen auf, bei Despentes und Surya eignen die weiblichen Figuren sie sich an, in den Filmen von Nina Menkes und Valie Export wird sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Ein eigener Blick auf die Welt

Laut Alice Diop, in deren Court-Drama „Saint Omer“, einem der drei besten Filme des Jahres 2022, alle Frauen als Subjekte auftreten, geht es darum zu dekonstruieren, „wie Frauenkörper bisher betrachtet wurden“. „Lass mich nie das sein, was er gesagt hat“, heißt es in Nina Menkes' „Magdalena Viraga“ von 1986.

„No Mercy“ erzählt auch davon, welche Möglichkeiten sich auftun und entfalten lassen, wenn die Beschränkungen dessen, was so als natürlich gilt, graduell (und symbolisch) aufgelöst werden und die Festschreibungen an Macht verlieren. Das erstmalige oder das Wiedersehen von Filmen, die einen anderen Blick auf Körper, Sexualität und Macht und damit auch auf Liebes- und Arbeitsbeziehungen ermöglichen.

Damit ist die Beschäftigung mit ihnen etwas im guten Sinne Eigennütziges, auch für Zuschauer. Man sieht in den Filmen von als Frauen sozialisierten Menschen potenziell andere Dinge als in Filmen von männlich sozialisierten Menschen. Einen Blick auf die Welt, dessen Voraussetzung nicht sozialisationsbedingte Verpanzerung, Härte- und Größenphantasien sind. Die Erleichterung und der Druckabfall sind enorm.

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