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Disgusting Food MuseumE-kel-haft!

Im Disgusting Food Museum in Berlin kann man Essen sehen, schmecken und riechen, das manch einen zum Würgen bringt. Ein Ortsbesuch.

Das Auge isst mit – oder wird gegessen, wie bei diesem Exponat des Disgusting Food Museums Foto: Rosa Bame/Starface/imago

Es soll Leute geben, die im Restaurant Garnelen bestellen, sich aber vor der Spinne an der Zimmerdecke ekeln. Beide Tiere gehören zum Stamm der Gliederfüßer mit viel zu vielen Beinchen. Trotzdem machen wir zwischen ihnen einen Unterschied. Wir ziehen eine Grenze des guten Geschmacks, auf der einen Seite der Genuss, auf der anderen Seite das Naserümpfen.

Wie schwammig diese Grenze ist, zeigt das Disgusting Food Museum in Berlin-Mitte. Gleich am Eingang der Zweigstelle des ursprünglich aus Malmö stammenden Ekelmuseums dürfen mutige BesucherInnen kulinarische Eigenwilligkeiten probieren. Die müffelnde Durian, die nicht ohne Grund auch Stink- oder Kotzfrucht genannt wird, schmeckt nach einem Mix aus Vanille, Nuss und Zwiebeln. Die frittierten Buffalowürmer am Spieß kommen ein bisschen wie gesunde Erdnussflips daher. Und der von Milben bevölkerte Käse aus Würchwitz in Sachsen-Anhalt schmeckt fruchtig-zitronig.

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Einmal im Monat wird sogar eine Dose Surströmming geöffnet, bestialisch stinkender, fermentierter Fisch aus Schweden. An den anderen Tagen riecht es im Museum nach nicht viel. Der große helle Raum mit seinen polierten Edelstahltischen wirkt so steril, wie man sich eine Großküche wünschen würde. Auf den Tischen stehen Teller mit kulinarischen Spezialitäten aus aller Welt: Tarantelsuppe, Bullenpenis und frittierte Fledermaus hier, Blutwurst, Hackfleisch und Haggis – Schafsmagen – dort. Manche Exponate sind plastiniert, andere täglich frisch. Einige kommen mit Pröbchen daher, an denen man vorsichtig schnuppern kann.

Mutige BesucherInnen stellen sich dem Ekelreflex. Sie verziehen das Gesicht, stöhnen und husten, nehmen Reißaus. „Für den Notfall geben wir statt der Eintrittskarte eine Spucktüte aus, aber wirklich gebraucht hat die noch niemand“, sagt Alexandra Bernsteiner. Sie ist vor vier Jahren von Wien nach Berlin gezogen, als das Museum eröffnete, und übernahm die Stelle als Direktorin. Einen besonderen Bezug zum Ekel hatte sie keinen, sonderlich empfindlich war sie auch nicht. „Ich komme aus Österreich, wir essen alles“, sagt Bernsteiner schmunzelnd.

Ekel als Störung

Abstoßend findet sie eher die moralische Flexibilität, die Menschen bei der Herstellung und Zubereitung einiger Gerichte an den Tag legen. Sie erinnert daran, was man Gänsen antun muss, um Foie Gras, Stopfleber, zu erhalten, und berichtet von Virgin Boy Eggs, die im Urin von Kindern gekocht werden und in China als immaterielles Kulturerbe gelten. „Es ist erschreckend, was sich Menschen alles ausdenken. Inzwischen wundert mich gar nichts mehr.“

Durch ihre Aufgabe sei Bernsteiner aber immer neugieriger geworden. „Wir wissen relativ wenig darüber, wie Ekel genau funktioniert und wie er individuell ausgelöst wird“, sagt sie. „Dabei gehört das Gefühl zu unseren Basisemotionen“ – neben Freude, Angst, Trauer, Wut.

Grundsätzlich ist Ekel dafür da, nicht zu sterben. Er hält uns von Krankheitsherden und giftigen Nahrungsmitteln fern. „Was in unseren Körper gelangen soll, muss ungefährlich sein“, erklärt der Psychologe Dr. Jakob Fink-Lamotte. Der Spezialist für Zwangsstörungen und Juniorprofessor für Klinische Psychologie an der Universität Potsdam weiß aber auch, dass Ekel zu viel Raum einnehmen kann. Einige seiner PatientInnen leiden unter einem zu starken Gefühl von Ekel vor Mitmenschen, vor Dingen, vor sich selbst.

Der Ekel, den wir erleben, sobald wir Schimmel sehen oder Fäulnis riechen, ist hingegen evolutionär sinnvoll. „Wir verziehen das Gesicht und gehen auf Abstand. Wir kneifen die Augen zusammen, damit nichts in sie hineinkommt.“ So entstehen etwa beim Naserümpfen Falten, in denen davonrinnen kann, was nicht in den Mund oder die Nase gelangen soll.

Ekel als Alarmsignal

Ob wir Eingeweide sehen, Verwesung riechen, jemanden kotzen hören, versehentlich etwas Schleimiges anfassen: Alle unsere Sinne sind auf Ekel trainiert, sagt Fink-Lamotte. Die darauf folgende Körperreaktion ist nicht gelernt, sie ist angeboren. Neugeborene empfinden Ekel genauso, wie sie zwischen süß, sauer und salzig unterscheiden können. Sie verschmähen zunächst Essen, das grün ist oder bitter schmeckt – Indizien dafür, dass eine Frucht noch nicht reif oder ungenießbar ist.

Erst nach und nach lernen wir, diesen Alarmsignalen Ausnahmefälle hinzuzufügen. Vor Bohnen, Brokkoli und Spinat müssen wir nicht flüchten. Auch lernen wir, in einer Welt voller Keime jene zu dulden, die uns vielleicht nicht ganz so krank machen. Der eigene Dreck ist nicht so schlimm wie der von anderen, erklärt Fink-Lamotte: „Was uns ähnlich und vertraut ist, macht eine geringere Gefahr aus. Für die meisten ist es darum unproblematisch, in der Familie vom gleichen Teller zu essen oder aus dem gleichen Glas zu trinken.“ Es soll Verliebte geben, die sich sogar die Zahnbürste teilen. Es ist halt Geschmackssache.

Ekel als universelles Gefühl

Denn obwohl Ekel eigentlich eine unverhandelbare Schutzfunktion ist, hat sich im Empfinden diplomatischer Spielraum breitgemacht. Und der variiert weltweit. Gelten die im Museum zur Schau gestellten Kuriositäten wie Schafsaugen in Tomatensaft, schleimige Jahrhunderteier und Maden im Käse hierzulande den meisten als eklig, hört das beim Anblick von Innereien oder Kaviar auch schon wieder auf – oder bei Lebensmitteln, die so künstlich erzeugt sind, dass sie durch ihre Konservierungsstoffe vermutlich das Ende der Welt überstehen würden.

So verschieden die Geschmäcker auch sein mögen, der Ekel vor den Vorlieben der anderen wiederum scheint universell. Hierzulande lehnen die meisten Leute frittierte Spinnen und Insekten ab, anderswo würde niemand vergorenes Eutersekret von Wiederkäuern – auch als Joghurt, Kefir oder Buttermilch bekannt – anrühren oder sich zermüllerte Schlachtabfälle namens Wurst aufs Brot schmieren. Die Grenzen sind fließend und willkürlich, wie zwischen Datteln mit Speck und wurmstichigem Steinobst.

„Wir mögen, womit wir aufwachsen“, sagt Alexandra Bernsteiner. „Das ist mal abhängig vom Land, mal von der Zeit.“ Mal sind Hummer und Froschschenkel für arme Leute, mal für Gourmets. Erst gilt roher Fisch als ungenießbar, dann erlebt er als Sushi einen ungebremsten Hype. Japans Run auf Mettigel ist da bestimmt auch nur eine Frage der Zeit.

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