Digitales Theater für Schulen und Kitas: Die Matsch-Erforschung

Was Kinder interessiert, daran wollen Thea­ter­päd­ago­g*in­nen anknüpfen. Das ist im Lockdown aber schwer, sagen zwei der Berliner Schaubude.

Susanne Olbrich

Die Puppenspielerin Susanne Olbrich kommt als „Wackelzahnfee“ auf die Monitore der Laptops in den Notgruppen vieler Kitas Foto: Susanne Olbrich

Die Theaterhäuser sind geschlossen. Während manche Ensembles immerhin noch coronakonform proben, ist die Tätigkeit der Jugendeinrichtungen der meisten Theater komplett heruntergefahren. In freien Institutionen wie etwa der Berliner Schaubude versuchen die Theaterpädagoginnen Susann Tamoszus und Franziska Burnay Pereira dennoch so viel Programm wie möglich für Kinder und Jugendlichen anzubieten.

Und so erscheint die Puppenspielerin Susanne Olbrich als „Wackelzahnfee“ auf den Monitoren der Laptops in den Notgruppen vieler Kitas sowie den elterlichen daheim. Olbrich tritt live in der Schaubude auf. Nur die Tech­ni­ke­r*in­nen für Licht, Ton und Kamera sind anwesend.

Theaterpädagogin Susann Tamoszus führt erst ein in den Livestream, übergibt dann an die Künstlerin und führt nach der Vorstellung noch ein kurzes Gespräch zur Inszenierung. „Unser Livestreamprogramm wird sehr gut angenommen. Es kommen jetzt auch Gruppen aus ganz anderen Stadtteilen“, erzählt Tamoszus der taz.

Das Format aus Livespiel mit Einführung und Diskussion hat sich bewährt. Die Schaubude will das Digitalprogramm auch nach dem Lockdown beibehalten. Den beiden Theaterpädagoginnen sind aktuell aber auch enge Grenzen gesetzt. Gern würden sie bei den Künst­le­r*in­nen­ge­sprä­chen die Kinder zu Wort kommen lassen.

Das Dilemma des digitalen Pandemiealltags

„Aber das geht nicht. Videokonferenzplattformen wie Zoom sind aufgrund von Sicherheitslücken vom Berliner Senat für Schulen und Kindergärten nicht zugelassen. Bei Jitsi ist die Übertragung nicht stabil. Und BigBlueButton bietet aufgrund der großen Nachfrage nur Slots von 60 Minuten an“, schildert Burnay Pereira das Dilemma. Eine Stunde sind zu wenig für Vorstellung und Nachgespräch. Das sind die kleinen Herausforderungen im digitalen Pandemiealltag.

Viel härter trifft die Thea­ter­päd­ago­g*in­nen aber, dass der Kern ihrer Tätigkeit derzeit so gut wie nicht möglich ist. Denn der besteht eben nicht nur darin, Theaterbesuche zu flankieren, sondern den Kindern und Jugendlichen Raum für eigene ästhetische Erfahrungen zu geben. In Berlin existieren dafür die Programme TUSCH – Theater und Schule – sowie Tuki – Theater & Kita. Burnay Pereira betreut gerade eine Tuki-Forscher-Partnerschaft mit einer Kita in Prenzlauer Berg zum Thema Matsch.

„Dazu bildet sich ein Forscherteam in der Gruppe. Es geht darum, was die Kinder interessiert. Ich gehe auf ihre Impulse ein und bereite daraus dann die nächsten Treffen vor. Es geht also gar nicht ohne Feedback. Genau das ist aber so schwierig momentan“, sagt sie. Natürlich weiß sie sich zu helfen, gibt Aufgaben per PDF, Audio oder Videoaufnahme. „Das ist unsere Forscherpost.“

Mit der werden die Kinder zum Beispiel animiert, eigene Bilder vom Schlammspringer zu zeichnen. Das sind Fische, die im Schlamm von Flüssen leben, sich mit ihren besonders geformten Flossen aber auch springend am Ufer bewegen können.

Von Matschforschern und Schlammspringern

Die Matschforschergruppe ist zwar schon geübt in Mikrofonaufnahmen, sodass Burnay Pereira auf diese Art ein Feedback erhält, wie die Kinder solche Aufgaben fanden. Aber der gemeinsame kreative Moment lässt sich so nur schwer herstellen. Immerhin konnten im Herbst noch einzelne Schlammspringersessions im Außenbereich der Kita abgehalten werden.

Bis zum Herbst kam auch Kollegin Susann Tamoszus noch in die Partnerschulen. „Ich hatte da Handwerkerstatus“, erzählt sie. Seit dem zweiten Lockdown ist aber selbst damit Schluss. Und statt gemeinsamer Erfahrungen wie Theaterproben oder Workshops zum Schöpfen von Papier kann auch sie nur Aufgaben in die Schule geben.

„Da bekommen wir aber auch die Rückmeldung, dass es extrem schwierig ist. An den Schulen gibt es jeden Tag andere Gruppen, auch die Erzieherinnen wechseln. Es gibt einfach keine Kontinuität“, klagt Tamoszus. Wie Burnay Pereira und Tamoszus geht es vielen Kolleg*innen. Viele, die an den großen Häusern arbeiten, hat es noch schlimmer getroffen. Denn hier sind die AGs und Theaterjugendklubs komplett eingestellt. Dabei sind sie „ein außerschulischer Lernort“, wie Tamoszus betont.

Daher setzt sich der Arbeitskreis Theaterpädagogik der Berliner Bühnen auch für eine Öffnungsperspektive ein. In einem Brief an die Se­na­to­r*in­nen für Kultur und Bildung schlägt der Arbeitskreis vor, dass Vorstellungen für jeweils eine Schulklasse unter Pandemiebedingungen möglich sein sollten. Auch für die Aufnahme des Probebetriebs der Jugendensembles werben sie.

Vorgeschlagen werden auch so sinnvolle Dinge wie ein Theaterbus, der Schulklassen sicher in die Theater transportieren soll sowie die Entwicklung einer digitalen Plattform, die von Schulen und Theater genutzt werden kann. Laut Tamoszus signalisierte Kultursenator Lederer Gesprächsbereitschaft. Bedauerlich ist allerdings, dass nicht schon längst vonseiten der Verwaltung Konzepte ausgearbeitet wurden, die dem außerschulischen Lernort Theater gerecht werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de