Dieter Hecking beim VfL Wolfsburg: Rückkehr des Tatortreinigers
Dieter Hecking lässt bei seiner Premiere als Coach des VfL Wolfsburg vor allem eines: mauern. Für einen Punktgewinn gegen die TSG Hoffenheim reicht das sogar.
Oliver Baumann wird bei der TSG Hoffenheim regelrecht verehrt. Sein Konterfei mit einer großen „500“ prangt über dem Eingang zur Haupttribüne, die Fans feiern ihn, wenn er wie stets als erster Spieler aus den Katakomben kommt, um sich warmzumachen. Kein Wunder – schließlich hat der Nationalkeeper gegen Wolfsburg 384 von seinen nun nicht mehr 500, sondern 515 Bundesligaspielen für die TSG bestritten. 2014 war er aus Freiburg nach Nordbaden gezogen.
Der Mann hat also schon einiges erlebt in der Liga – einen solch defensiven Gegner wie am Samstag allerdings offenbar noch nicht so oft: „Wolfsburg hat genauso gespielt, wie wir das erwartet hatten“, sagte Baumann also nach dem wirklich zähen 1:1 gegen den VfL: „Defensiv“. Der Gast habe wirklich „sehr viel Personal hintendrin gehabt.“
So war es. Und so sollte es auch sein. Schließlich hatte beim massiv abstiegsgefährdeten VfL ja kurz zuvor Dieter Hecking das Traineramt übernommen. Und der hat sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als Tatortreiniger der Liga erworben. Das Geschäftsmodell des gelernten Polizisten ist es seither, junge (in Nürnberg Robert Klauß) oder experimentierfreudige (in Bochum Peter Zeidler) oder junge, experimentierfreudige Trainer (den Wolfsburger Daniel Bauer) abzulösen und deren Hinterlassenschaften neu zu justieren.
In Sinsheim zeigte sich beim 1:1 seiner Elf, dass er es nun in Wolfsburg nicht anders macht als zuvor in Bochum. Er hat, wie man es bei einem störrischen Handy macht, alle Einstellungen des Vorgängers zurückgesetzt und verordnete seiner Elf gegen die spielstarken Hoffenheimer erst mal eine brachiale Defensivtaktik im 5-4-1. Offensive Bemühungen gab es kaum zu bestaunen, sieht man einmal von nicht immer gut getimten Diagonalbällen des Routiniers Christian Eriksen ab, die kaum einmal bei den maximal zwei Kollegen jenseits der Mittellinie ankamen.
Brutale Versachlichung
Hecking selbst bat um Verständnis für den nicht ganz so attraktiven Spielansatz: „Wir haben gegen eine der positiven Überraschungen dieser Saison gespielt. Da wussten wir, dass es vielleicht das falsche Mittel ist, uns auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen.“
Baumann hingegen fühlte sich angesichts des Defensivbollwerks beim Gegner an „Bochum letztes Jahr“ erinnert. Dort hatte Hecking im November 2024 übernommen und den Versuch seines Vorgängers, aus einer spielerisch nicht unbedingt überdurchschnittlich gesegneten Equipe eine Ballbesitzinstanz zu machen, beerdigt und versachlicht.
Doch im Gegensatz zum VfL aus dem Pott hat Hecking, der im Übrigen im direkten Umgang eloquent und durchaus ironisch ist, beim VfL aus Niedersachsen einen Kader beisammen, der eher fürs Fußball-Spielen als für 90-minütige Abwehrschlachten ausgerichtet ist. Was man sich sonst bei der Kaderzusammenstellung dachte, dürfte das Geheimnis von Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen bleiben, der vergangene Woche ebenfalls gefeuert wurde.
So oder so: Wenn Hecking das Potenzial dieser Elf tatsächlich heben will, wird er ihr nicht nur das Verteidigen beibringen müssen. Er muss dann auch das Offensivspiel aktivieren. Das Problem daran: Es bleiben nur noch acht Spiele. Wenig Zeit also, und – das sah man in Hoffenheim nur allzu gut – noch sehr viel Arbeit.
Klare Hierarchie
Durchgehend konsequent war dort nämlich nicht einmal die Defensive. Denn obwohl der Strafraum proppenvoll mit Grün-Weißen war, verloren die anfangs jedes defensive Kopfballduell. Es sprach dann auch überhaupt nicht für den Hoffenheimer Auftritt, dass sie erst in der Schlussphase zum Ausgleich durch Grischa Prömel kamen (83.).
Zuvor hatte Konstantinis Koulierakis die „Niemals, niemals absteigen“-Rufe aus der Gästekurve erhört und einen Eriksen-Eckball zur Wolfsburger Führung genutzt (65.). Das passte, denn wie diese Mannschaft aus dem Spiel heraus Tore schießen will, wurde am Samstag nicht ersichtlich.
Das wäre allerdings auch zu viel verlangt gewesen, zumal sich ja bereits erste Fortschritte abzeichnen. So setzt Hecking auf eine klare Hierarchie. Ein solche schien es vorher gar nicht zu geben. Eriksen war in den Tagen vor der Partie einer von Heckings wichtigsten Ansprechpartnern, am Samstag trug er die Kapitänsbinde und fieberte auch nach seiner Auswechslung mit.
Das dürfte seinem Coach gefallen haben, den nach Amtsantritt „die leblosen Gesichter“ auf der Auswechselbank irritiert hatten. „Kraft seiner Erfolge wirkt er auf die Mannschaft“, lobte Hecking. „Auch wenn er nicht der ganz große Lautsprecher ist.“
Glaubt man den Betroffenen, gibt es zudem auch schon so etwas wie einen Stimmungsumschwung. Sportdirektor Pirmin Schwegler lobte jedenfalls, Hecking sei „sehr klar in der Analyse und in der Aufarbeitung“ und habe bereits zu vielen Spielern einen Draht gefunden: „Er tut uns gut.“
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