Die Wahrheit: Mittelmeer oder weniger
Hier werden „41 Rezepte für deinen Sommer“ angepriesen – und doch muss leider wegen Produktenttäuschung gewarnt werden. Wegen einer Zutat!
H eute kröne ich meinen Einkauf bei Rewe damit, dass ich an der Kasse das neue Deine-Küche-Magazin einstecke. Das Kundenblatt des Handelsriesen präsentiert Rezepte, Verbraucherinfos, appetitliche Fotos und naive PR-Texte wie die teuren Food-Zeitschriften früher, bloß dass es nichts kostet! Die früheren Ausgaben, immerhin in Auflagen von knapp 100.000 erschienen, habe ich leider verpasst. In der Urlaubszeit aber lässt mir allein der Titel das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Auf dem Foto eines Mosaiks aus bunten Melonen- und Schafskäsewürfeln mit Minzblättchen werden „41 Rezepte für deinen Sommer“ angepriesen sowie das Schwerpunktthema „Essen wie am Mittelmeer“ – clever und für mich deutlich attraktiver als zum Beispiel „Essen wie im Mittelalter“ oder „im Schicksalsjahr 1941“!
Zunächst verschaffe ich mir jedoch einen Überblick über die Rezepte, die doppelseitig angeteasert werden. Aus der Vielzahl der Köstlichkeiten gucke ich mir „Bohnen-Hummus mit Auberginen“, „Melonen-Pizza“ und „Quinoa-Pizza mit Spinat“ aus. Dass ich letztlich nichts davon zubereiten kann, liegt an der grotesken Behandlung des mediterranen Themas. Auf vier Seiten erklären die studierten Ernährungswissenschaftlerinnen Anna und Jana, dass im Mittelmeerraum „Essen mehr als Nahrungsaufnahme“ sei, nämlich „eine Leidenschaft, eine Art zu leben“. Von der sie aber offenkundig nichts verstehen!
Sonst würden sie nicht auf der Praxisseite unter der Schlagzeile „Nimm dies statt das!“ – versteckt zwischen „Olivenöl als Alternative zu Butter“ und „Frisches selbstgemachtes Pesto anstelle von Fertigsoße“ – allen Ernstes raten: „Vollkornbrot statt helle Weizenbrötchen“, angeblich punktet es mit Proteinen und Ballaststoffen. Das ist himmelschreiender Unfug.
No, no Follecorne, no
In keinem mir bekannten Mittelmeerland gibt es außerhalb von Schweineställen Vollkornbrot. Zum Frühstück ist den Anrainervölkern ja selbst Weißbrot zu gesund, weshalb sie fettiges Blätterteiggebäck mit Zuckerüberzug dazulegen. Einem Magazin, das uns Vollkornbrot als „Mittelmeerernährung“ verkauft, kann man nicht trauen. Das Problem ist nur: Was mache ich jetzt?
Früher hätte ich damit gedroht, bei der nächsten derartigen Verfehlung das Abo zu kündigen. Das geht bei einem gratis verteilten Magazin nicht. Und Rewe zu boykottieren, wäre irgendwie Kanonen auf Spatzen. Mit ihren Produkten bin ich doch überwiegend zufrieden – allein das Deine-Küche-Magazin folgt dem publizistischen Trend zum mutwilligen Fake. Es lügt uns den Mittelmeerraum zurecht, damit er zu den ernährungswissenschaftlichen Ratschlägen passt.
Bestimmt will es eines Tages ein Apothekenmagazin werden. Die haben inzwischen Millionenauflagen.
Die Wahrheit auf taz.de
Die Wahrheit
ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
Die Wahrheit
hat drei Grundsätze:
Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.
Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert