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Die WahrheitAnkratzen mit Salatbar

Scherben bringen Glück: Ein Gericht für Politiker und Amtsträger nach antikem Vorbild muss her.

Die politische Unordnung wächst mit jedem Tag, die Zahl der inkompetenten Politiker ist Legion und mit jeder Wahl schwindet die Hoffnung, dass es noch mal besser wird. Warum besinnt man sich nicht auf tradierte Mittel, um Politiker dazu zu bringen, eine alles in allem enkeltaugliche Politik zu machen? Im alten Athen gab es ein Gremium, vor dem sich jeder Amtsträger am Ende seiner meist einjährigen Regierungszeit für sein Tun oder Nichtstun rechtfertigen und sich einem Urteil beugen musste.

Das war eine gewichtige Instanz, da hat keiner an Tyrannei, Lüge oder Idiotie gedacht, sondern lieber ein paar unauffällige Dinge auf den Weg gebracht, wie beispielsweise eine neue Stadtmauer geplant und gebaut, ein paar funktionierende Streitwagen angeschafft, eine Vermögensteuer eingeführt oder ein Fest für alle gestiftet mit freiem Wein und „All you can eat“-Salatbar. Dafür gab es dann die Note Drei plus, der Anführer wurde entlastet und konnte sich wieder wie zuvor als Gemüsehändler oder Philosoph beschäftigen und hatte total Influence.

Zu herrschen war damals eine mühselige Angelegenheit. Ein Wahlkampf und die Erlangung von Popularität dauerten lange. Die Leute waren manchmal nicht zu Hause, man musste öfter vorbeikommen. Flugpapyri wurden von Poeten abgenommen und mit Versen überschrieben. Es sind kaum politische Forderungen aus der Zeit um 500 v. Chr. erhalten geblieben, Slogans wie „Nieder mit Sparta“, „Frieden mit den Persern“, „Niedrige Weinpreise“, „Levante für alle“, „Prostatavorsorge ab 40“ oder Ähnliches. Stattdessen viele Werke von Homer, Herodot oder Aischylos.

Im schlimmsten Fall blieb der Amtsinhaber blass. Sparta protzte wie eh und je mit sich selbst, Perser waren nicht gern gesehen, kein Arzt konnte was mit einer Prostata anfangen und das Fest zu Ehren des Anführers fand ohne Salatbar statt und war langweilig. Womöglich hat sich der Herrschende, aus Mangel an geistreicher Führung, ein 76 Meter hohes Monument zu seinen Ehren bauen lassen – ein Vorgang, der des Öfteren geschah und jedes Mal wuchs das Bauwerk, das vom Gremium nach Vergabe der Note Sechs abgerissen wurde.

Latten am Zaun

Eine Weile lang kam eine andere Form des Urteils über öffentliche Personen in Mode, der Ostrakismos, das sogenannte Scherbengericht. Es trafen sich mindestens 6.000 Bürger Athens nahe der Akropolis auf einem Hügel, erfanden bei der Gelegenheit den Parteitag und am Ende gab es eine Abstimmung, um denjenigen abzustrafen, der sinnfrei einen Krieg angezettelt, ein Monument in Auftrag gegeben, nicht mehr alle Latten am Zaun hatte oder unkontrolliert Scheiße erzählte und alles und jeden beleidigte.

Zentrales Element des Ostrakismos waren Tonscherben. Diese lagen damals massenhaft herum. Athen hatte die Demokratie erfunden, aber von einem Amphoren-Mehrweg-Pfandsystem war man noch weit entfernt, auch wenn das Problem quasi vor den Füßen lag. Jeder nahm eine Scherbe zur Hand und ritzte den Namen eines unbeliebten Anführers rein. Manchmal schabten die Leute auch noch beleidigende Äußerungen dazu, um den Grad ihrer Verärgerung kundzutun.

Kratzten die Anwesenden alle den gleichen Namen, war die Sache klar und der Anführer hundertprozentig unfähig, unbeliebt, vielleicht sogar irre. Bei mehreren Namen zählte die einfache Mehrheit. Der Angekratzte musste Athen für zehn Jahre verlassen. Er behielt seinen Besitz, seine Rechte und nach der Zeit durfte er wiederkommen und es noch mal mit der Politik probieren.

Kaff im Nirgendwo

Eine Verbannung war vermutlich damals die höchste Strafe. Athen war die coolste Stadt der Welt, in der man nach 22 Uhr noch was zu trinken bekam. Wer Bürger Athens war, hatte was erreicht. Plötzlich vor den Toren der Stadt zu stehen, bedeutete, sich in irgendeinem popeligen Kaff irgendwo im Nirgendwo niederlassen zu müssen, vielleicht als menschliche Pferde-Aufsteighilfe bei den Persern oder in Sparta als Sparringspartner für dreijährige Krieger-Aspiranten oder als lebendes Wandmosaik in Karthago.

Wie ließe sich denn heutzutage ein solches Scherbengericht organisieren? Ein Losverfahren, wie es auch schon die alten Athener praktizierten, wäre nützlich. Man wählt also in Anlehnung an das klassische Verfahren 6.000 Bürger, karrt diese in eine Stadt und steckt sie in eine Turnhalle oder ein Eventcenter bei Stulle und Tee vom Sponsor. Dann lässt man die infrage kommenden Politiker, was eine ganze Menge sein werden, auftreten und sie in 60 Sekunden dauernden Vorträgen erklären, was sie alles Großartiges geleistet haben.

Selbstkritische Eingeständnisse dürfte es vermutlich keine geben. Nach den Erklärungsrunden folgt eine Schnellzusammenfassung, die von einer KI zusammengeschustert wird, und die Teilnehmer erhalten Blatt und Papier und vermerken einen Namen. Schreiben die 6.000 alle den gleichen Namen, ist die Sache klar und der Politiker eindeutig unfähig, unbeliebt, vielleicht sogar irre.

Bei mehreren Namen werden einfach die Plätze eins bis zehn für zehn Jahre oder länger in einer nach objektiven Maßstäben schlimmen Gegend der Welt exiliert. Je nach Schwere des politischen Scheiterns kann ein Entzug von Vermögenswerten als Schadenersatz erwogen werden sowie ein Verbot jedweder politischen Tätigkeit bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Es klingt zu schön, um wahr zu werden.

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