Die Wahrheit: Sangesgewaltige Leckerbissen
Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (242): Lerchen sind selten geworden, singen aber immer noch auf offenen Feldern.
Jetzt müssten sie wieder jauchzen. „Welch ein Schwirren, welch ein Flug? / Sei willkommen, Lerchenzug! / Manche schwingt sich himmelan, / Jauchzend auf der lichten Bahn; / Eine, voll von Liedeslust, / Flattert hier in meiner Brust.“ So besang Ludwig Uhland „Die Lerchen“. Goethe sah diesen Vogel pragmatischer: „Es gibt nichts Schöneres auf Erden, als morgens eine Lerche zu hören und mittags eine zu essen“, meinte er zu Eckermann, der diese Einstellung als großer Vogelfreund missbilligte, aber nichts dazu sagte. Anlässlich eines Osterspaziergangs, auf dem Goethe wieder einmal einen Vogelruf falsch identifiziert hatte, konnte er sich jedoch nicht zurückhalten: „So ein großer Dichter und keine Ahnung von Vögeln“, schrieb er.
Auf dem Tempelhofer Flugfeld, wo sich in Berlin die hiesige Öko-Jeunesse doree mit allerhand Sportgeräten trifft, sollen trotz dieser Amüsiermassen noch etliche Lerchen jubilieren. Der Tagesspiegel, immer vorneweg, wenn es gilt, die „Poweracquisitions“ der Metropole herauszustreichen, meint sogar, dass „25 Prozent aller Berliner Feldlerchen auf dem ehemaligen Flughafengelände leben“.
Die Berliner Woche erwähnt jedoch Konflikte zwischen den dortigen Nutzergruppen: „Das Tempelhofer Feld ist nicht nur bei Freizeitsportlern sehr beliebt, sondern auch bei Feldlerchen. Zum Schutz dieser gefährdeten Vogelart dürfen deshalb seit dem 1. April bestimmte Flächen nicht mehr betreten werden. Bis zum August, dem Ende der Brutzeit, werden zwischen den beiden Start- und Landebahnen Bereiche abgesperrt bleiben, in denen die Bodenbrüter ihre Nester in selbstgescharrten Grasmulden verstecken. Insbesondere ist die Leinenpflicht für Hunde zu beachten.“ Für sie sind die Eier Leckerbissen und wie für Goethe auch die jungen Lerchen.
Namensgeber für Gebäck
An die Adresse der Lerchenfresser reimte Friederike Kempner 1903: „Die lieblichen Sänger des Feldes / Ach, nackt und zum Fraße bereit, / Ihr werdet doch Lerchen nicht essen? / Mein Gott, ihr wär’t nicht gescheit!“ Ihr Gedicht heißt „Leipziger Lerchen“ – dabei handelt es sich jedoch um Marzipangebäck. Die Bäcker in Leipzig bieten daneben auch noch „Pistazien-Lerchen“, „Herren-Lerchen“ und ab November „Winter-Lerchen“ an. Bei den „Stolberger Lerchen“ handelt es sich dagegen um kleine Würstchen, sie bestehen aus Schweine- und Rindfleisch.
Des ungeachtet werden die Bestände der Feldlerche, die früher zu den häufigsten Vogelarten in der offenen Feldflur gehörte, immer weniger, weil ihre Habitate im Zuge der industriellen Landwirtschaft schwinden. Einige Lerchenarten (von über 100) sind bereits ausgestorben. 2019 war die Feldlerche „Vogel des Jahres“. Ausgerechnet auf der Internetseite „landwirtschaftskammer.de“ heißt es: „Leider ist der Bestand seit den 80er Jahren um etwa 75 % zurückgegangen“. In Nordrhein-Westfalen wurde die Feldlerche inzwischen schon in die Rote Liste aufgenommen. Die Stiftungen Rheinische Kulturlandschaft und Westfälische Kulturlandschaft finanzieren deswegen ein Projekt namens „Feldlerchenfenster“: Damit sollen die Landwirte in NRW motiviert werden, Feldlerchenfenster (ca. 20 qm) in ihren Getreidebeständen anzulegen. Die Stiftungen versprechen: „Für den einzelnen Landwirt ist die Teilnahme am Projekt mit wenig Aufwand verbunden.“ Es fragt sich jedoch, ob die Lerchen diese Raumfenster auf den Äckern auch annehmen.
Ich habe sie auf dem Flugfeld noch nie gehört, den letzten Lerchen-Gesang hörte ich vor zwölf Jahren in Pritzwalk bei der Beerdigung des arbeitslosen Melkers Günter Schinske, Sprecher der berüchtigten Prignitzer „Viererbande“, der sich nach Auslaufen seiner AB-Maßnahme, enttäuscht vom Kapitalismus, in wenigen Wochen tot gesoffen hatte. Links vom Friedhof befand sich eine große Wiese. Auf dieser stieg eins ums andere Mal eine Lerche im Singflug auf. Sie wurde aber dann zu meinem Missvergnügen von einem Trompeter am Grab mit falschen Tönen übertrumpft. Der Künstler Peter Kubelka meinte einmal zum Biologen Cord Riechelmann in einem Interview: „Die Lerche kann besser musizieren als ich, sie hat einen ganz anderen Apparat dafür. Sie kann viel komplexere Melodien singen. Sie hat eine größere Ausdrucksfähigkeit als jeder Mensch. Für sich kann sie daraus auch ableiten, dass sie die Krone der Schöpfung ist und dass alle anderen nur Viecher sind.“
Besungen von Dichtern
Was ist sie aber denn nun selbst für ein Viech? „In der europäischen Kultur haben Dichter wie Shakespeare, Blake, Shelley und viele Musiker vor allem den Gesang der Feldlerche gefeiert“, heißt es auf Wikipedia über diese artenreiche Familie in der Ordnung der Sperlingsvögel und der Unterordnung Singvögel. Die Mehrzahl der Arten dieses meist unscheinbar gefiederten Vogels kommt in Afrika vor, eine, die Ogadenlerche, steigt beim Singflug über ihrem Revier bis zu 100 Meter hoch. Einige Lerchen tragen ihren Gesang in mondhellen Nächten vor. Wegen ihres Gesangs hat man die Feldlerche auch in Australien eingeführt. Lerchen werden selten als Käfigvogel gehalten. Eine Ausnahme stellt die Mongolenlerche dar, die in ihren Gesang die Rufe zahlreicher anderer Vogelarten einflicht. Sie wurde noch in den 1920er Jahren in großer Zahl auf Vogelmärkten in Peking gehandelt und wegen ihres variantenreichen Gesanges „Hundert Melodien“ genannt.
Der MDR berichtet, dass Lerchen schon im Morgengrauen munter werden, weswegen die Frühaufsteher unter den Menschen als „Lerchentypen“ bezeichnet werden, während man die Spätaufsteher „Eulentypen“ nennt. Um von beiden „Typen“ zu profitieren, heißt ein Kreuzberger Café „lerchen & eulen“. Bei diesen handelt es sich meist um alte Kreuzberger Linke, bei jenen um neu zugezogene Laptoper, früher auch „Dachgeschosslumpen“ genannt.
Auf der „biologie-seite.de“ erfährt man, dass Lerchen auf dem Boden nicht wie die Spatzen hüpfen, „sondern laufen“. „Lerchen sind Charaktervögel“, heißt es in „Die Lerchen der Welt“ (1994), damit ist jedoch weniger eine Ich-Stärke oder Individualität gemeint, sondern dass sie zum Charakter einer bestimmten Landschaft gehören – eben der offenen Feldflur. Wenn es sie nicht mehr gibt, fehlt dieser Landschaft Wesentliches, oder anders gesagt: Wenn die offene Feldflur verschwindet, gibt es auch die Feldlerchen nicht mehr. Mit diesem Charaktervogel verschwindet also das Charakteristische der Flur.
Das ist nicht immer der Fall: Der Charaktervogel der Rhön ist der Rotmilan, der Charaktervogel des Wattenmeers die Brandgans. Auch wenn diese beiden Vögel verschwinden, bleibt die Rhön die Rhön und das Wattenmeer das Wattenmeer. Das macht die Lerche zu einem besonderen „Charaktervogel“.
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