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Die WahrheitLeben auf der Straße von Hormus

Weimers neuster Trick: Eine Armee von gestrandeten Influencern aus Dubai soll die sichere Straße von Hormus noch sicherer sichern.

Die letzten Schiffspotter von Hormus Foto: reuters

„Die Straße von Hormus ist sicher“, spricht Ken Brödelmeyer am Strand des omanischen Hafenstädtchens Al-Chasab in sein Handy, während iranische Seeminen in der sanften Dünung dümpeln. Mit seinem weichen Zungenschlag wirkt der Influencer akustisch wie ein Wiedergänger des verblichenen Sozialstaatmaskottchens Norbert Blüm. Doch der Rüsselsheimer, der in den sozialen Medien als „KenChamp“ agiert, misst 1,93 Meter und besitzt Oberarme vom Umfang einer italienischen Mortadella.

Mit Beiträgen zu Proteinshakes, Bankdrücken und Kryptowährungen hat sich der Mittzwanziger eine beachtliche Anhängerschaft unter sehr dummen jungen Männern gesammelt, deren Gefolgschaft er mit kostenpflichtigen Coachings und einem schwer pyramidalen Anlageschema geschickt monetarisiert hat. Zuletzt residierte der Fitness-Guru wie viele Influencer mit Hang zur Steuer- und Demokratievermeidung in der Steueroase Dubai. Doch jetzt hat Trumps Krieg gegen den Iran Brödelmeyer aus seinem libertären Lebenstraum aufgeschreckt.

„Ich will auch einen Beitrag zur Verteidigung der freien Welt leisten“, erklärt der Influencer seinen Einsatz an der Seestraße von Hormus, auch wenn Zweifel bestehen, ob Brödelmeyer wirklich aus freien Stücken sein Luxusappartement im benachbarten Emirat Dubai verlassen hat. „Wir hatten nur minimale Schäden“, redet KenChamp den Raketenangriff auf seinen Wohnblock klein. „Mir hat's nur ein Fenster und eine Putzfrau zerhauen.“

Anschließend lobt der Hesse pflichtschuldig die weise Führung des Emirs Muhammad bin Raschid Al Maktum, der Influencern wie Brödelmeyer dafür die Einkommensteuer erlässt.

Dann jedoch …

Dann jedoch unterbricht eine Explosion die Aufnahme. Eine Kamikaze-Drohne der Iraner verfehlt einen tollkühnen griechischen Öltanker, der sich in die Meerenge gewagt hat, und schlägt kaum 20 Meter neben Brödelmeyers Ringlicht-Stativ am Strand ein.

„Die Straße von Hormus ist sicher“, wiederholt der Influencer vertragsgemäß, als sich der Rauch verzogen hat und pakistanische Gastarbeiter die Trümmer abgeräumt haben.

„Der Seewolfi möchte halt, dass ich die Märkte beruhige“, gibt KenChamp nach einer Weile zu.

Seine Künstleragentur, die zahlreiche deutsche Reality-Stars und Online-Zelebritäten betreut, wurde jüngst unters Kriegsrecht gestellt, sodass Brödelmeyer ab jetzt unter dem Kommando des deutschen Kulturstaatsministers Wolfram „Der Seewolfi“ Weimer postet.

Doch währenddessen …

Damit reagiert die Bundesregierung ungewohnt kreativ auf die Erpressung durch den US-Präsidenten Trump. Hatte der neulich im Interview mit dem Sender Fox News noch behauptet, Öltanker hätten in der Straße von Hormus „nichts zu befürchten“, will er nun Alliierte wie Deutschland zwingen, den Schifffahrtsweg gegen diese nicht existente Bedrohung militärisch abzusichern. Andernfalls stehe die Nato vor einer „sehr schlechten Zukunft.“

Sogar die transatlantisch extrem biegsame Bundesregierung flüchtete aus diesem Störfeuer surrealistischer Rhetorik in ungewohnte Eindeutigkeit. „Es ist nicht unser Krieg“, mäkelte der sonst chronisch kriegstüchtige Minister Boris Pistorius und weigerte sich, deutsche Fregatten ins bewaffnete Debakel zu schicken.

Als Ersatz mobilisierte Deutschland seine einzigen Truppen, die ohnehin schon in Bataillonsstärke am Golf abhingen und über mehr Expertise in Bullshitting und Etikettenschwindel verfügen als die braven Nachrichtenoffiziere der Bundeswehr: seine nach Dubai ausgewanderten Influencer.

Plötzlich

Die weisungsgewohnten Content-Kreatoren sollen den rasant gestiegenen Ölpreis im Bundesauftrag zurück in Grund und Boden schwafeln, damit die fossile Energiewende der Bundesregierung nicht vollends zur energiepolitischen Hausse gerät. Besonders die Diskurshoheit über die deutschen Zapfsäulen muss mit allen Mitteln verteidigt werden.

Hunderte Dampfplauderer, die ihre Knebelverträge mit Agenten nicht gelesen hatten, unterstehen nun dem ehrgeizigen Kulturautokraten Weimer. Täglich entwickelt dessen Writers Room in Berlin neue Scripts für Reels und Onlinefilmchen, die fossile Versorgungssicherheit und einen weitgehend ungestörten Welthandel simulieren sollen.

„Die Straße von Hormus ist sicher“, wiederholt Muskelpaket Brödelmeyer sein Mantra und besteigt den rostigen Seelenverkäufer einer griechischen Reederei, der schon im Tankerkrieg der Achtzigerjahre etliche Treffer abbekommen hat. Falls das Schiff erneut beschossen wird, soll Brödelmeyer den Überlebenskampf der Besatzung als spannende Fitness- oder Survivalchallenge erzählen. Dabei hat der Fitness-Influencer noch Glück gehabt.

Die ebenfalls in Dubai ansässige Promi-Familie Pooth hat der Weimer in ein knallrotes Gummiboot gezwungen. Morgen werden Verona, Ehemann Franjo und Sohn Rocco vom beliebten Badestrand Jumeirah aus in See stechen, um ein Gläschen Schweröl eigenhändig vom Persischen Golf bis nach Rotterdam zu paddeln.

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