Die Wahrheit: Scheißfreiheit auf dem Bürgersteig
Nach der Hundekotgesetzreform des Bundestags müssen Halter und Halterinnen keine Kacke mehr aufsammeln.
Irene Kowalski kann ihr Glück kaum fassen. „Endlich muss ich mich nicht mehr bücken“, freut sich die 78-jährige Rentnerin aus Darmstadt und schaut ihrem Hund Balou versonnen dabei zu, wie er im Sandkasten auf dem Spielplatz sein großes Geschäft verrichtet. Ungezählte Male hat Irene Kowalski sich bislang ächzend hinuntergebeugt – „die Scheißhüfte“ – und Balous Hinterlassenschaft in einem Plastikbeutel verschwinden lassen. „Das hat mich ganz schön angepisst“, gibt die Seniorin zu.
Doch alles hat ein Ende – und in diesem Fall auch die Wurst: Der Bundestag hat auf Initiative der Bundesregierung eine länderübergreifende Reform des Ordnungswidrigkeitengesetzes auf den Weg gebracht und die „Beseitigungspflicht von Hundekot“ ersatzlos gestrichen. Wer ihr nicht nachkam, musste bislang je nach Bundesland mit teils hohem Bußgeld rechnen wegen „Verunreinigung des öffentlichen Raumes“.
„Wir geben den Menschen und ihren besten Freunden die Freiheit zurück, selbst Verantwortung für den Zustand ihres Gemeinwesens zu übernehmen“, sagt Thorsten „Wie der Name schon sagt“ Frei. Der Chef des Bundeskanzleramts besitzt selbst einen Hund, einen Cockapoo. Da ihm meist die Zeit fehle, mit „Leo“ Gassi zu gehen, obliege es seiner – also Freis – Frau, „den Dreck wegzumachen“. Der CDU-Politiker lacht. „Aber das ist sie ja von mir gewohnt.“
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Die Wahrheit
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Es gehe um Freiwilligkeit, nicht um Zwang. „Dass das ein heikles Thema ist, sehen wir ja bei der Debatte um den Wehrdienst.“ In beiden Fällen gelte es, „deutschen Boden rein zu halten“. Den Vorwurf, dass er mit dieser Wortwahl der AfD in die Karten spiele, weist Frei zurück. „So lasse ich mir nicht ans Bein pinkeln!“
Was Merz sagt
Bundeskanzler Friedrich Merz fügt hinzu: „Es ist unverzichtbar, dass sich Bürger mit ihrem Land infi… identifizieren. Dazu gehört, es selbstbestimmt in Ordnung zu halten. Das ist eine Frage des Stadtbildes, auch auf dem Dorf.“ Er sei selbst Hundebesitzer, seit er die Patenschaft für einen Seehund an der Nordsee-Station Friedrichskoog übernommen habe. „Putziges Kerlchen. Der macht einfach ins Wasser. Sauber!“
Die Reform biete zudem weitere Vorteile. Die Einsatzkräfte der Ordnungsämter, die bisher mit „haufenweise Kontrollen“ beschäftigt gewesen seien, könnten sich nun dringenderen Problemen widmen, zum Beispiel „komische Figuren“ kontrollieren und Platzverweise aussprechen. „Das ist auch eine Form von Drecksarbeit“, so Merz, und erhöhe das Sicherheitsgefühl der Bürger signifikant: „Es ist eben ein Unterschied, ob in der Fußgängerzone mal ein Häufchen oder ein Haufen Elend im Weg herumliegt.“
Überdies spare man Unmengen von Plastik ein. Thorsten Frei, der auch Bundesminister für besondere Hausaufgaben ist, rechnet vor: „Eine Studie der Technischen Universität Berlin hat ergeben, dass ein Durchschnittshund im Schnitt zweimal pro Tag Kot absetzt. In Deutschland leben etwa zehn Millionen Hunde. Das ergibt zwanzig Millionen Plastiktüten pro Tag! Dagegen sind die Hemdchenbeutel im Supermarkt, in die Sie Ihre Bananen einwickeln, ein Fliegenschiss.“
Dass dieser „Wahnsinn“ ein Ende habe, freut auch Bundesumweltminister Carsten Schneider von der SPD. Er gehe davon aus, dass im Zuge der Hundekotreform nun auch eine weitere Verordnung besser akzeptiert werde: Seit rund zwei Jahren gilt, dass Plastikdackel fest mit Flaschen aus Kunststoff verbunden sein müssen. Viele Verbraucher seien davon genervt. „Aber die alten Plastikdackel gibt es in riesigen Mengen in unseren Meeren. Die verschmutzen die Strände, das Wasser, schaden Tieren.“ Er ertrage „lieber den Dackel an der Flasche als am Strand“, sagt der Minister, der gern auf Mallorca urlaubt.
Wo kein Hund, da auch kein Dosenfraß
Aber all diese Neuerungen gehen manchen Beteiligten im politischen Berlin noch nicht weit genug: Hinter vorgehaltener Hand sprechen sie davon, dass aus Klimaschutzgründen endlich ein Haustierverbot verhängt werden müsse. „Wo kein Hund, da kein Haufen. Wir sprechen schließlich von über etwa 800.000 Tonnen braune Scheiße im Jahr, die AfD nicht mitgerechnet“, flüstert im Treppenhaus des Bundestages ein Grünen-Abgeordneter, der nicht genannt werden will. „Und wo kein Hund, da auch kein Dosenfraß und somit millionenfach eingespartes Kohlendioxid. Aber das sagt natürlich niemand laut. Wer wagt es schon, dem Deutschen seinen Deckel … äh, Dackel wegzunehmen?“
Dem kann Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nur zustimmen. Wenn er Fotos von sich und seiner Hündin „Molly“ poste, bekomme er ausschließlich positive Reaktionen. Söder zitiert aus Instagram: „So goldig! Total sweet! Bitte werden Sie Bundeskanzler!“ Er lacht. „Unter ein Bild von ‚Molly‘ könnte ich sogar ‚Ausländer willkommen‘ schreiben, sie ist ja schwarz, und die Leute würden es lieben.“
Irene Kowalski und Balou sind inzwischen von der Gassi-Runde in ihre Reihenhaussiedlung zurückgekehrt. „Ich hab’s ja immer gewusst – wie gut, dass der Merz ein Geschäftsmann ist!“, lobt die Rentnerin. Dann schnuppert sie in der Luft, hebt schließlich das rechte Bein, betrachtet ihre Schuhsohle und winkt lachend ab. „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Wer hat das noch mal gesagt? Der Hitler, oder?“
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