Die Wahrheit: Die Zärtlichkeit der Scheiße
Den Frühling zeigen nicht nur die Krokusse, sondern auch die schlenkernden Kotbeutel in den Händen der Hundehalter an.
U nvermittelt ist es Frühling geworden, morgens war ich noch im Wintermantel mit dem Rad zur Arbeit gefahren, nachmittags kam ich raus und war plötzlich viel zu warm angezogen. Auf dem Heimweg sah ich den ersten Zitronenfalter, die Fledermäuse waren vom Winterschlaf aufgestanden und unter der Sonne begann die ganze Stadt, intensiv nach Scheiße zu riechen. Wie wenn in einer Büroküche gegen Mittag die zu Hause vorgekochten Mahlzeiten in der Mikrowelle aufgewärmt werden und die Aromen sich durch den Flur bis in die einzelnen Büros hinein verbreiten.
Als an Kontrastreichem geschulter Ästhetiker kann ich durchaus als „interessant“ würdigen, was für Arrangements um diese Jahreszeit am Wegesrand entstehen: Wilde Schnittlauchbüschel scheinen direkt aus Hundehaufen zu sprießen. Ein bizarres Osternest aus Krokussen mit einer sorgfältig darum gelegten Kackwurst.
Weitaus poetischer noch als solche Stillleben sind indes andere Bilder: Ein junger Mann geht flotten Schrittes auf der Uferpromenade einher, an der Leine in seiner Hand springt ihm ein fesches Hündchen voran, die andere Hand hängt lässig herab und lässt ein gefülltes Kottütchen baumeln, das im Rhythmus der forschen Gangart mit jedem Schritt gegen den sportlichen Oberschenkel klatscht.
Begegnungen am Mülleimer
Zwei attraktive Hundemenschen sind nicht bis zum Mülleimer gekommen, weil sie sich auf dem Weg getroffen und festgeredet haben, und während sie reden und ihre Hunde sich beschnuppern, halten sie je einen gefüllten Kotbeutel in der Hand. Wie viele Paare sich wohl bei solchen Gassi-Begegnungen im Zwischenraum öffentlicher Mülleimer kennengelernt haben, wie viele Liebesgeschichten mit Gesprächen begannen, bei denen das Kottütchen an der Hüfte baumelte?
Ein Freund erzählte mir, er trage das verpackte Hundewürstchen im Winter manchmal bis zur nächsten Entsorgungsgelegenheit – im Wald zum Beispiel gibt es ja nicht alle paar Meter eine – als Handwärmer in der Manteltasche, das sei sehr angenehm. Nun, das ist jetzt nicht mehr nötig, es ist Frühling!
Ein junger Elegant – Thomas Mann hätte ihn wohl einen „Stutzer“ oder „Geck“ genannt – kommt daher, führt gleich am ersten lauen Sonntag nebst einem frisch vom Hundefriseur gestutzten Modedackel seinen extravaganten zitronengelben Sommeranzug spazieren, dazu blütenweißes Hemd, cognacbraune Schnürschuhe. Und in diesem aparten Aufzug sammelt der Dandy den Hundekot nicht bloß ins Tütchen ein, nein: Er lässt ihn gar nicht erst auf der Straße ankommen, sondern fängt ihn direkt aus dem Hund mit dem Tütchen auf, zapft ihn sozusagen an der Quelle ab.
All das ist nicht etwa grotesk, es sind Bilder lauterer Schönheit: Sinnbilder der Zärtlichkeit, der Fürsorge, der praktischen Liebe für den öffentlichen Raum.
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