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Die WahrheitDie scheußliche Goaßmass

Lebenslänglich Bayer: Es ist Kommunalwahlkampf in Bayern, und der hat etwas mit einem Getränk zu tun, das nicht einmal Ziegen trinken sollten.

D er Brunner Sepp ist ein geiler Typ. Das sagt der Bauer aus dem Landkreis Straubing-Bogen über sich selbst. Wer unbedingt mag, kann das bei Instagram nachlesen. Da bekommt der junge Mann, den man getrost gwampert nennen kann, ohne dabei das Terrain der politischen Korrektheit zu verlassen, so voll ist sein Leib, meistens um die 200 Herzchen, wenn er etwas postet. Nun ist er mit einem Video, das er für Ewald Seifert, den Landratskandidaten der CSU in Straubing-Bogen, gedreht hat, eine Art regionale Berühmtheit geworden.

Es zeigt ihn hinter einem Masskrug mit brauner Flüssigkeit, in die er aus einer Flasche Kirschlikör noch ein wenig Geschmacksverstärker gibt. Er glaube, sagt er da in schönstem Niederbairisch, dass ein jeder weiß, was in eine Goaßmass hineingehöre. Und was auch jeder wisse: dass man am 8. März Ewald Seifert zum Landrat wählen muss. Es ist Kommunalwahlkampf in Bayern. Da wird mit harten Bandagen gekämpft. Und wenn es eben sein muss, auch mit einer Goaßmass.

Das ist jenes typische bayerische Getränk, bei dem zu einem halben Liter Bier und einem halben Liter Cola noch ein Stamperl Kirschlikör geschüttet wird. Darüber, warum die Goaßmass nach einer Goaß, einer Ziege, benannt ist, gibt es verschiedene Theorien. Eine sagt, dass das süßliche Gemisch eher ein Frauengetränk sei. Und in Bayern, wo die Gedanken bisweilen so finster sind wie die Farbe einer Goaßmass, sind Frauen für viele Mannsbilder eben Ziegen.

Aber da gibt es noch eine Erklärung. Eine Goaßmass wird gern für einen ganzen Tisch bestellt, auf dass sie reihum gehe. Die Regel besagt dann, dass derjenige der den vorletzten Schluck trinkt, die nächste Mass bezahlen muss. Ein Trinkspiel, das dazu führt, dass oft schon einer der ersten in der Reihe das Gesöff in einem Zug in sich hineinschüttet. Wenn ihm dann schnell der Schwips unter den Schopf steigt, dann schaut er so dämlich drein wie eine Ziege, eine Goaß. Brauchtum ist nicht wirklich immer ein Vergnügen.

Goaßmasskönigin von Straubing

Aber gerade in Niederbayern nehmen sie es ernst mit der Goaßmass. Sogar eine Goaßmasskönigin wird seit ein paar Jahren gewählt. Beim Straubinger Gäubodenfest im August steht die nächste Wahl an. Gesucht wird „eine richtig kernige Bayerin, die die bayerische Lebensfreude verkörpert“, wie Thomas Mayer meint, der unter dem Namen Vogelmayer als Musikkabarettist auftritt und Initiator der Goaßmassmisswahl in Straubing ist.

Dort halten die Wirte offenbar nicht besonders viel von dem Bier, das sie da ausschenken, sonst würden sie ja kaum zulassen, dass es mit Cola gemischt wird. Die Straubinger Karmeliten-Brauerei, die es seit 1367 gibt, schreitet auch nicht dagegen ein, dass man im Festzelt Lechner eine Goaßmass bestellen kann. Aber wer weiß, was man im 14. Jahrhundert in Niederbayern schon beim Brauen alles ins Bier geschüttet hat? Das Reinheitsgebot stammt aus dem Jahr 1516. Es wird schon seine Gründe gehabt haben, warum man es erlassen hat. Prost!

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Andreas Rüttenauer
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