Die Wahrheit: Drunk January
Die Jugend zu unterstützen, ist eine ureigene Aufgabe der Älteren – besonders beim entwicklungsnotwendigen Erwerb von Alkoholika in trockenen Zeiten.
M ein Einkaufswagen war voll mit Wein und Bier, denn voriges Jahr hatte ich einen Dry January absolviert, weshalb ich zur Abwechslung nun einen Drunk January durchführen wollte, da fragte mich ein junger Mann in der Kassenschlange, ob ich die Flasche Bier hier für ihn mit einkaufen könne, er sei bereits sechzehn, habe bloß seinen Ausweis nicht dabei. Aus dem notdürftig mit den Pflegeprodukten von Clearasil abgedichteten Gesicht guckten mich zwei treuherzige Augen an. Ich guckte streng zurück wie ein Staatsbürger, dem der Begriff Jugendschutz nicht unvertraut ist, und sagte: „Ach, das soll ich glauben. Sechzehn!“
Er war etwas größer als ich, doch was heißt das schon. Die heutige Jugend wächst so vor sich hin wie einst die Karpfen in den Kühlwasserteichen des Atomkraftwerkes Greifswald. Äußerlich lässt sich kaum einschätzen, ob die sechzehn sind oder erst sechs. Als ich elf war und im Ferienkino von Prerow „Excalibur“ gucken wollte – manche erinnern sich vielleicht noch an die Sexszene zwischen König Artus und seiner bösen Halbschwester, obwohl ich mich nicht ganz genau daran erinnern kann, weil meine Mutter, die im Kino neben mir saß, mir dabei ihre Hand vor das Gesicht hielt –, war ich am Kinoschalter auch schon sechzehn. Und ist es denn nicht so, dass wir Älteren uns nicht endlich solidarisch mit den Jüngeren zeigen sollten?
Ich nahm die beiden Fünfzig-Cent-Stücke an, die er mir hinhielt als Bezahlung für das Pilsener Urquell. Er war so dankbar, dass er sich gleich anerbot, die Flaschen aus meinem Einkaufswagen auf das Laufband zu legen. Doch so nett dieses Ansinnen gemeint sein mochte, ich verzichtete lieber darauf, weil das der Kassiererin unter Umständen etwas seltsam erschienen wäre. Am Ende denkt sie noch, ich sei so ein perverser Onkel, der Minderjährige mit Alkoholika zu sich nach Hause lockt.
Er wich mir dann allerdings nicht von der Seite, wodurch dieser Eindruck jetzt auch nicht unbedingt abgeschwächt wurde, anstatt draußen auf mich zu warten, wo ich die konspirative Bierübergabe durchzuführen im Sinn gehabt hatte. Traute er mir etwa nicht über den Weg?
Sicher, eine Flasche Bier ist eine Flasche Bier. Wenn ich die behalte, würde der junge Mann lernen, dass solche Geschäfte mit einem dahergelaufenen Bierdealer nicht immer den Verlauf nehmen, wie sich das sein jugendlicher Kopf so ausgedacht hat. Aber sollte ich nicht froh sein, dass sich jemand aus der GenZ überhaupt noch für Alkohol interessiert? Außerdem begehrte er nicht „Eberpils“ oder „5,0“ wie mein Lesebühnenkollege, der sich bereits komplett aufgegeben hat. Diese junge Leber lässt sich noch formen, indem wir sie behutsam bei dem Genuss von gutem Alkohol unterstützen.
Ich wurde meiner Verantwortung gerecht, ohne dem Generationenkonflikt Nahrung gegeben zu haben – nur ein bisschen zu trinken.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!