piwik no script img

Die WahrheitDämmerstündchen mit Obstler

Plötzlich ist das Internet weg und Großmutter da, nicht virtuell, sondern in der Erinnerung an sie und die Stromausfälle der Kindheit.

A ls ich von der Arbeit heimkam, hatte ich plötzlich kein Internet mehr. Mein Router blinkte in allen Farben des Regenbogens, und der Nachbar hatte sein Passwort geändert, so dass ich auch sein Internet nicht mehr mitnutzen konnte.

Kein Internet! Ich erinnere mich noch an die Zeit, als das der Normalzustand der Welt war und wir das Internet nicht vermissten. Wir hatten nicht einmal Telefon. Dafür hing an jeder Wohnungstür ein kleiner Notizblock mit Stift, so dass man eine Nachricht hinterlassen konnte, wenn niemand da war. Oder man klapperte gleich die einschlägigen Kneipen ab, wo man mit großer Wahrscheinlichkeit die gesuchten Leute antraf, im angeregten Gespräch.

Tief drinnen empfinde ich deshalb das Internet noch immer als etwas Ephemeres, etwas, das jeden Moment wieder aus meinem Leben verschwinden könnte, so wie an diesem Abend. Meine Großmutter hatte eine ähnliche Einstellung dem elektrischen Strom gegenüber, war sie doch in einer Zeit aufgewachsen, als es noch keinen gab und man ihn nicht vermisste. Unvorstellbar für uns mit unseren Kühl- und Waschaggregaten und dem ganzen anderen Plunder, der ohne Strom tot in der Ecke liegt. Wobei mein Staubsauger in der Regel auch tot herumliegt, wenn Strom verfügbar ist, aber das hat andere Gründe.

Meine Großmutter besaß bis zuletzt weder Kühlschrank noch Waschmaschine. Zum Fernsehen stand sie bei uns im Wohnzimmer an der Tür, die Klinke in der Hand, und schlug alle Angebote, sich zu setzen, aus. Oft strafte sie das Programm ohnehin mit Nichtachtung, ging nach oben in ihre Küche und schaute aus ihrem Fenster dem Dunkelwerden der Welt zu. „Dämmerstündchen“, nannte sie das.

Die einzige Abhängigkeit vom elektrischen Strom, die sie akzeptierte, bestand in den nackten Glühbirnen, die über ihrem Küchentisch und in der Schlafkammer hingen, denen sie aber einen erheblichen Vorrat an Stearinkerzen zugesellte. Außerdem ging sie abends oft zu Freundinnen, um Strom zu sparen. Ab und an kamen sie zu ihr. Alkohol gab es in Form von Hustensaft und Melissengeist.

Wenn dann tatsächlich einmal der Strom ausfiel, was in meiner Jugend gar nicht so selten vorkam, stand Großmutter triumphierend in der Tür, eine Kerze in der Hand, und schaute auf den Fernseher, der jetzt die Welt beim Dämmerstündchen zeigte, während sie sich mit meinen Eltern unterhielt.

Eigentlich könnte ich den Regenbogen am Router ignorieren, ich habe ja noch das Handy. Doch da ich genauso sparsam bin wie meine Großmutter und mein Datenvolumen nicht vor Monatsende aufbrauchen will, werde ich beim Nachbarn klingeln und ihn fragen, ob er noch Internet hat. Falls es nur an meinem Router liegt, kann ich ihm vielleicht entlocken, was sein neues Passwort sein könnte. Außerdem ist er im Grunde ein netter Kerl und lädt mich bestimmt auf einen Obstler ein.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Gisbert Amm
Aufgewachsen in Gießübel im Thüringer Wald. Militärzeit in Meiningen; danach Öffentlichkeitsarbeiter am Meininger Theater. Studium der Theaterwissenschaft in Leipzig. Insgesamt 15 Jahre Leben in Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Karlsruhe in verschiedenen Berufen (u.a. Spanplattenleimverkäufer, Bäumegießer, Telegrammbote und Journalist); ab 1998 Softwareentwickler. Lebt seit 2009 in Joachimsthal (Schorfheide) und betrieb dort von Mai 2016 bis Oktober 2022 das Lyrikhaus. Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien - u.a. mehrfach Jahrbuch der Lyrik (Schöffling). Bücher: jahresringen (Gedichte) mit Zeichnungen von Uta Kühn, Verlag Bullauge, Edition Kuhhaut (2016); Glückscode (Gedichte) mit Zeichnungen von Miguel Ruibal, Corvinus Presse (2021); Das Fingerzeighaus (Gedichte) mit nachgelassenen Zeichnungen von F.W. Bernstein, Bübül Verlag Berlin (2022); Semper (Gedichte) mit Grafiken von Marlen Melzow, fabrik.transit Wien (2023); Die Verbuchstaberei der Wörter (Sprachspiele) mit Zeichnungen von Petrus Akkordeon, Bübül Verlag Berlin (2024)
Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!