Die Wahrheit: Lob des Dorfgasthofs

Was es braucht, um mit einer charismatischen Lokalität im mittelfränkischen Neuendettelsau mitzuhalten: nicht viel eigentlich.

Der Gasthof Zur Sonne

Leicht schief, trotzdem schön: der Gasthof Sonne Foto: wikimedia commons/strathw

In diesen glänzenden Zeiten, in denen die Volksbeglücker und Sadomaskisten regieren, ist der bei Sinnen gebliebene Mensch zwangsläufig Trotzkist und geht darob „trotz“ (ha!) allem und am besten rund um die Uhr in den Dorfgasthof.

So ein Dorfgasthof muss natürlich erst einmal vorhanden, also gewissermaßen vor Ort sein, idealiter fußläufig erreichbar. In dem hier zu beschreibenden Fall ist das im Sinne der besten aller denkbaren Welten vollumfänglich gegeben.

Der Weg zum Dorfgasthof führt durch einen, sagen wir, neunhundert Quadratmeter großen, fröhlich gedeihenden Garten, der von ähnlich anheimelnden, lediglich leidlich gepflegten Gärten gesäumt wird. In diesem halb wilden, halb mit herrlichen Blumenrabatten und -spalieren bestückten Garten (Glockenblume, Fette Henne, Phlox, Federmohn, Husarenknopf, Malve, Sonnenhut, Wegwarte) halten sich ein uralter Pflaumenbaum und ein ebenso würdevoller Apfelbaum auf, den die vierzig Frau und Mann starke Spatzenbande als Spielstätte fürs beseelt sinnlose Herumrandalieren nutzt. Zudem der Hausrotschwanz muss singen (dito gegeben).

Am Ende des Gartens geht’s durch eine hüfthohe grüne Tür eines Zauns, der auf einem wunderbar betagten, etwas rissigen Mauerfundament steht, in dem sich allerlei Insekten zu Hause fühlen. Dann durchs schattig duftende Schulgässchen und vorne an der Hauptstraße rechts rum. Dergestalt hat der Gang zum Dorfgasthof einen Taug.

Gegenüber der Kirche

So ein Dorfgasthof muss gegenüber der Kirche platziert sein, da gibt es kein Vertun. „Da gehört es hin, da hat es immer hingehört“ (Faltblatt zu fünfhundert Jahren Gasthof Sonne), das Dorfwirtshaus, das auf einem Grund errichtet wurde, auf dem vermutlich bereits 1170 der Urhof Nummer eins des Gemeindewesens stand.

Schon im 17. Jahrhundert war der Dorfgasthof sowohl Wirt­statt (es werde bewirtet) als auch Schenkstatt (es fließe Bier). Die Tradition erhielt sich eisern gegen jeden Schwachsinn, den die Weltgeschichte ausbrütete, im 19. Jahrhundert bekam der Sauladen den Titel „Wirtschaftsgut mit Brauerei und Taferngerechtigkeit [Tavernenrecht]“ verliehen, und 1881 übernahm die Familie Bischoff die sagenhaft schöne olle Bude, deren gnadenlos richtig gestaltete, sanftgelb-weiße Fassade mit den Geranien vor den Sprossenfenstern den Verweil- und Ansprachebedürftigen Tag um Tag aufs Freundlichste grüßt. Mit begründetem, obgleich zurückhaltendem Stolz zeigt das Originalwirtshausschild an: Gasthaus zur Sonne von Johann Bischoff.

So ein Dorfgasthof braucht selbstverständlich eine schöne Wirtstochter. Die nämliche Anforderung ist im in Rede stehenden Fall geradezu spektakulär und auf schier unglaubwürdige Weise übererfüllt. Das geheimnisvoll schwarze Haar, die Beine, vor denen jede Serengetigazelle aber sehr alt aussieht – say no more, say no more. Am Tag des von Markus Thomas Theodor Söder in seiner unermesslichen Güte gewährten Lock-ups waren wir die Ersten, die sich um Punkt 17 Uhr ein Freiluftbier unter der achttausend Jahre auf dem Buckel habenden Kastanie vor dem Haus servieren lassen durften, von der, so muss es sein, schönen Wirtstochter in graubraunmelierten Jeans.

Grund- und Hochsympathen

So ein Dorfgasthof braucht obendrein eine nicht minder augenweidliche Chefin und einen allzeit zuvorkommenden und plauderwilligen Allroundboss. Dann braucht es ungeheuer flinke und warmherzige portugiesische und pakistanische und germanische und ägyptische Kellner und, ja, bitte sehr: -kellnerinnen, und es braucht zirka drei Stammtische, an denen sich ein geübter Schweiger, mehrere Grund- und Hochsympathen, eine rhetorische Dampfmaschine, Metzger Adam, eine verkörperte Ortstageszeitung, zwei bis sechs Grantler, ein lachender Chronist, mindestens vier Handwerker und anderweitige Spezialcharaktere zwecks Formierung eigenwilliger Sozial­konstellationen regelmäßig einfinden.

Will man bisweilen mal für sich sein, hockt man in der von Rustikalität und Geschmack, Erdverbundenheit und Stil zeugenden Stube an einem abgesonderten Holztisch, lugt in die Leere, lugt und lugt noch ein wenig und hört plötzlich in der Wärme der Räumlichkeit einen Satz herüberwehen: „Ich trinke nicht mit dem Kopf, sondern mit der Seele.“

Der sodann erreichte Zustand lässt sich notdürftig als „inwendige Tranquilität“ (Gerhard Polt) plus Weltaufmerksamkeitsschärfung umschreiben, und zu verdanken ist dieses unvergleichliche Wohlgefühl dem Dorfgasthof Sonne in Neuendettelsau im gut und gerne einigermaßen akzeptablen Mittelfranken – sowie Martina, Christina und Willi Bischoff, deren Tun zu preisen uns kein Wort zu viel erscheint.

Man widerspreche nicht.

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