Die Wahrheit: Das Ende der Kneipentour

Endlich dürfen wenigstens die Restaurants in Irland wieder öffnen – allerdings mit für die Inselbewohner herben Einschränkungen.

Schluss mit Kochen. Ab nächsten Montag dürfen Restaurants auf der Grünen Insel unter Einhaltung einer Abstandsregel von einem Meter wieder öffnen. Kneipen allerdings müssen sich als Restaurants tarnen, wenn sie Kundschaft empfangen wollen. Das heißt, sie müssen eine „reichhaltige Mahlzeit“ servieren. Wer trinken will, muss auch essen, so schreibt die Regierung vor.

Eine reichhaltige Mahlzeit bedeute nicht, dass sich „ein paar Freunde auf ein paar Biere treffen und eine Tüte Erdnüsse verspeisen“, erklärte ein Regierungssprecher. Die Mahlzeit müsse mindestens neun Euro kosten und Kartoffeln enthalten, denn ohne die irische Nationalknolle ist keine Mahlzeit komplett. Neun Tüten Kartoffelchips für je einen Euro zählen trotzdem nicht.

Wie im Restaurant, so muss man auch im Pub einen Tisch buchen. Den darf man nur verlassen, wenn man auf die Toilette muss. Das Herumlümmeln am Tresen ist verboten, man wird am Tisch bedient. Freunde am Nachbartisch darf man nur aus der Ferne grüßen. Und wer einen Cocktail bestellt, muss auf das dekorative Papierschirmchen verzichten. Nach 105 Minuten wird man aus dem Pub hinausgeworfen, um Platz für die nächste Schicht zu machen. Man muss eben etwas schneller essen und trinken.

Die irische Tradition des „pub crawl“, also einer „Pintenbekriechung“ genannten Kneipentour, erhält eine ganz neue Dimension. Neben einer Alkoholvergiftung riskiert man auch, sich gnadenlos zu überfressen, denn es reicht nicht, eine Mahlzeit zu bestellen und zu bezahlen. Man muss sie auch essen. Zwar hat man dann eine gute Grundlage für die folgenden Alkohol­exzesse, aber wenn sich vor den Kneipen dann reihenweise Menschen übergeben, liegt das wohl weniger am Alkohol.

Was bedeuten die Regeln für Fans, die zum Fußballgucken in eine Sportkneipe mit Großbildschirm wollen? Ein Spiel dauert 90 Minuten, das wusste schon Sepp Herberger. Dann kommt noch die Halbzeitpause hinzu, und schon sind 105 Minuten um. Wenn man jedoch Pech hat, gibt es eine Verlängerung und Elfmeterschießen. Geht man also erst zur zweiten Halbzeit ins Wirtshaus? Das könnte knapp werden, wird man doch vielleicht vor dem alles entscheidenden Elfmeter hinausgeworfen.

Wer ins Gourmet-Restaurant möchte, wird ebenfalls wenig Freude haben. Man muss fünf Gänge hinunterschlingen und wird womöglich vor dem exotischen Obstsalat mit Champagnertrüffel-Sahne an die frische Luft gesetzt. Die Wirte fragen sich, wer die Aufenthaltsdauer kontrollieren soll. Müssen sie „bouncer“ einstellen, jene kräftig gebauten Rausschmeißer, oftmals Polizisten im Nebenjob, die offiziell „Crowd Control Engineers“ – Techniker für Massenkontrolle – heißen?

Wer nur ein paar Biere trinken will, sollte bis zum 20. Juli warten. Dann dürfen auch die „wet pubs“, also Feuchtbiotope ohne Verzehrzwang, wieder öffnen. Aber auch ohne die Papierschirmchen im Cocktailglas.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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