Die Wahrheit

Gscheid gscheid

Lebenslänglich Bayer: Die Kinder sind strunzdumm. Kein Wunder, sie haben ihr Abi ja auch in Berlin gemacht und nicht da, wo es sich gehört.

Ich mag meine Söhne. Sehr sogar. Gerade deshalb tun sie mir leid. Sie sind Berliner und waren deswegen gezwungen, das Berliner Schulsystem zu durchlaufen. Sie sind groß, stattlich, können – wenn sie wollen – nett sein, aber sie haben ein Problem. Sie sind brunzdumm. Für einen wie mich, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, ist das nicht einfach. Es macht mich schlicht traurig. Ich weiß, meine Söhne können nichts für ihr schier unermessliches Unvermögen. Sie sind in Berlin zur „Schule“ gegangen. Mir dagegen ist die Gnade der südlichen Geburt zuteil geworden. Ich habe 1987 das Gymnasium mit einem bayerischen Abi­tur abgeschlossen. Man kann es einfach nicht anders sagen: Ich bin wahnsinnig gescheit.

Gerne teile ich mein Wissen mit meinen Mitmenschen. Findet sich im Urlaub bei der Besichtigung einer Kirche eine lateinische Inschrift, so bin ich gerne bereit, diese aus dem Stegreif zu übersetzen. Ein Tempel, eine Herrscherstatue irgendwo auf der Welt ist für mich Inspiration genug für einen rhetorischen Ausflug in die Geschichte des jeweiligen Landes. Wie kam es zum Aufstand der Griechen gegen den türkischen Sultan, welche Prinzipien Metter­nich’­scher Politik wurden in der Folge missachtet und welche Rolle spielte bei alldem der Großmufti von Ägypten? Gerne erinnere ich mich an diese Frage, die mir ein Geschichtslehrer bei einer mündlichen Prüfung einst gestellt hat. Natürlich bin ich heute genauso in der Lage, sie wie damals fehlerfrei zu beantworten. Und manchmal frage ich mich, ob aus mir im Leben überhaupt etwas geworden wäre, wenn ich auf diese Frage keine Antwort gehabt hätte.

Qualität kommt von Qual

Die mehrdimensionale Analysis ist mir in meiner Schulzeit ebenso ans Herz gewachsen wie der Umgang mit dem durativen, dem punktuellen sowie dem resultativen Verbalaspekt in der altgriechischen Sprache. Das sichere Zitieren der gesammelten Werke von Goethe und Schiller sowie die Beurteilung der Relevanz selbiger für die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehört beinahe schon zu meinen Steckenpferden. Was ich darüber weiß, habe ich samt und sonders an einer baye­rischen Schule gelernt. Auch meine Ausgeglichenheit habe ich der bayerischen Schule zu verdanken. Es hat meinen Biorhythmus gewiss nicht geschadet, dass ich nicht wie meine bemitleidenswerten Söhne mal im Juni und mal bis in den September hinein in die Sommerferien geschickt wurde.

Ich kann verstehen, dass all die klugen Menschen, die es in der CSU gibt, all jene Weisen vom Schlage eines Söder, eines Scheuer oder einer Bär, die ebenso wie ich mit Klugheit in ihrer Schulzeit nur so gefüttert wurden, nun alles daransetzen, die Qualität des bayerischen Abi­turs zu bewahren.

Und alle jene, die wie meine Söhne das Pech hatten, außerhalb des humanistisch gestählten Bayerns geschult zu werden, mögen Trost finden in jener alten lateinischen Weisheit, die da lautet: Errare humanum est. Zu Deutsch: Seid zu den ­Irren menschlich!

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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