Die Wahrheit: Mein Söder

Lebenslänglich Bayer: Der CSU-Chef hat gerade mächtig Oberwasser. Was macht den Politfex aus Nürnberg bloß so unwiderstehlich?

Danke, danke! Keine Ursache. Gern geschehen. Was man halt so sagt, wenn einem jemand gratuliert. Ich bekomme in diesen Tagen viele Glückwünsche. Dabei habe ich gar nichts gemacht. Ich komme nur aus dem gleichen Bundesland wie Markus Söder. Der ist ja der aktuelle Superstar der deutschen Politik.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal die CSU loben würde, aber dein Ministerpräsident – alle Achtung!“, heißt es dann. Oder: „Eins muss ich dir lassen, dein Söder macht wirklich eine gute Figur.“ Ich nehme die Glückwünsche selbstverständlich an – so viele bekomme ich schließlich nicht. „Mein Söder!“ So weit ist es also gekommen. Da wird ein Mann zum Politüberflieger erklärt, weil er Nazis als das bezeichnet, was sie sind, als Nazis. Und weil er ein bisschen was für die Bienen macht. Merkwürdige Zeiten sind das.

Söder wird in diesen Tagen ja alles zugetraut. Manch einer sieht in dem Mann bereits den nächsten Bundeskanzler. Wenn man ihn gelassen hätte, die Regierungskrise in Thüringen hätte er sicher ganz schnell gelöst, so wie er alle Probleme löst, den Klimawandel zum Beispiel, oder die Krise der deutschen Automobilindustrie und die der Bienen natürlich. Wie wäre es überhaupt mit so etwas wie der „Coburger Lösung“ für Thüringen?

1918 nach dem Krieg und in der Folge der Novemberrevolution war aus dem Herzogtum Sachsen-Coburg der Freistaat Coburg entstanden. Da stellte man schnell fest, dass man alleine nicht lebensfähig ist und entschied sich für einen Anschluss an Bayern. Ganz einfach war das. Kein Mensch vermisst den kleinen Freistaat heute. Und wahrscheinlich wäre auch Thüringen bald vergessen.

Und weil man ja davon ausgehen kann, dass Markus Söder das ganz gut hinkriegen wird im braunen Herz Deutschlands, könnten bald schon andere Bundesländer folgen. Braucht es Sachsen? Oder wäre das Land nicht besser als bayerischer Regierungsbezirk aufgehoben? Will wirklich jemand, dass Brandenburg auf immer und ewig existiert? Ab nach Bayern! Dann klappt es auch mit Tesla.

Auch Berlin gehört nach Bayern. Der Görlitzer Park wäre schnell landesweit für seine Honigbienen bekannt. Propolis statt Cannabis! Söder würde das schon schaffen. Nordrhein-Westfalen wäre dem Freistaat da längst beigetreten. Kein Wunder bei der Armut in dem Land, in dem es nichts gibt – außer Kandidaten für den CDU-Vorsitz. Söder müsste demnach gar nicht Kanzler werden, er würde als bayerischer Ministerpräsident über ganz Deutschland herrschen. Und wenn er mal in Aachen ist, könnte er ja im Dom vorbeischauen und sich auf den Kaiserthron setzen. Gäbe es eine würdigere Sitzgelegenheit für den König der Franken?

Zur Weltherrschaft ist es dann auch nicht mehr weit. Zur Herrschaft über den Weltraum auch nicht. „Bavaria one“ und so. Überall in der Galaxie würden dann Kreuze angebracht. Schon vergessen? Das mit dem Kruzifixerlass, das war euer Super-Söder. Halleluja, sage ich, und: gern geschehen. Wie gesagt.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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