Die Wahrheit

Bandwurm in Babyhand

Seit das Verkaufsverbot für Alkohol aufgehoben wurde, hat der irische Karfreitag ein wenig von seinem urwüchsigen Charme verloren.

Jims Mutter war gestorben. Am Karfreitag wurde sie auf dem berühmten Dubliner Prospect Cemetery begraben. Es war ein langer Trauerzug, vorneweg der Leichenwagen mit Jim auf dem Beifahrersitz, dahinter die schwarze Limousine mit diverser Verwandtschaft, gefolgt von den Autos der Freunde und Bekannten. „Als wir in Phibsboro am Einkauszentrum vorbeikamen, hielt der Leichenwagen plötzlich an“, erzählte Maeve. „Jim sprang heraus und lief einfach davon.“

Maeve rannte hinter ihm her, weil sie sich Sorgen machte. Das war unnötig. Jim sei schnurstracks in den Supermarkt gegangen und habe eine Flasche Whiskey gekauft, sagte Maeve erbost. Er meinte, man müsse es ausnutzen, dass man am Karfreitag Alkohol kaufen dürfe.

Das Verbot wurde erst im vergangenen Jahr aufgehoben. Es macht nun weniger Spaß, sich am Karfreitag zu betrinken. Als es noch illegal war, musste man sich das Vertrauen eines Gastwirts erschleichen, damit er das geheime Klopfzeichen verriet, das einem die Tür zum illegalen Gelage öffnete. Oder man kaufte sich eine Eisenbahnfahrkarte nach Irgendwo, denn Reisenden durfte in der Bahnhofsgaststätte kein Getränk verwehrt werden.

Manch andere Tradition ist schon länger nicht mehr in Gebrauch. So war es früher üblich, sich am Karfreitag die Haare zu waschen und zu schneiden. Dadurch war man angeblich gegen Kopfschmerzen gewappnet, und die Haare sollten doppelt so lang und kräftig werden. Ich habe es probiert, aber bisher hat sich bei meiner Halbglatze nichts getan. Auf eine andere Tradition habe ich lieber verzichtet: Wenn man sich die Füße wusch und das Schmutzwasser bis zum folgenden Karfreitag aufbewahrte, sollte es im Notfall Warzen und Hühneraugen heilen.

Ein ungeschriebenes Gesetz verbot es, am Karfreitag Hammer oder Nägel zu benutzen, denn damit wurde Jesus ans Kreuz genagelt. Stattdessen sollte man Obst und Gemüse pflanzen, das angeblich prächtig gedeihen würde. Ich habe einen Himbeerstrauch am Meer gepflanzt. Wenn der die salzhaltige Luft und die Atlantikstürme überlebt, wasche ich mir nächstes Jahr am Karfreitag die Füße.

Wer Glück hatte, bekam am Karfreitag ein Kind. Ließ man es am Ostersonntag taufen, konnte es Menschen von Bandwürmern heilen. Dazu musste man dem Kind während der Taufe einen Bandwurm in die Hand legen.

Aber auch ohne Säugling konnte man sich vor Krankheiten schützen. Man sollte am Karfreitag Napfschnecken und Seetang für das Abendessen sammeln. Aufs Meer hinaus durfte man aber nicht, denn es verlangte an dem Tag nach Opfern.

Heute hat man am Karfreitag zwar nichts mehr zu befürchten, aber der Spaß des illegalen Trinkens bleibt einem verwehrt. Jetzt sind die Pubs nur noch am Weihnachtstag geschlossen. Ich muss rechtzeitig mit dem Wirt meiner Stammkneipe ein Klopfzeichen vereinbaren.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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