Die Wahrheit

Der Riss

Der Zusammenhalt hält nicht mehr: Quo vadis diese unsere Republik? Ein geschwollener Bocksgesang auf aussterbenden Kitt.

Illustration: Rattelschneck

Kein Zweifel: Der Gesellschaft droht das gesellschaftliche Aus, weil der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren zu gehen droht. Davor warnen Politiker und ihnen angeschlossene Journalisten mit sehr viel Recht, denn wenn der Gesellschaft das gesellschaftliche Aus durch fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt droht, so ist das kein Pappenstiel, über den Politiker und Journalisten zur Tagesordnung übergehen können, sondern ein Thema! Und dieses Thema ist eben der gefährdete gesellschaftliche Zusammenhalt, der kein Thema wäre, wenn er nicht durch den schwindenden Zusammenhalt der Gesellschaft den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden würde.

Mehr noch: Dass der gesellschaftliche Zusammenhalt verloren zu gehen droht, wie seriöse Politik und wichtiger Journalismus fieberhaft und gebetsmühlenartig betonen, heißt zugleich, dass Staat und Gesellschaft in ihren Grundlagen erschüttert würden, deren Fundament eben der gesellschaftliche Zusammenhalt ist, auf dem Staat und Gesellschaft ruhen und der damit dem Staat und seiner Gesellschaft die nötige Sicherheit gibt, wenn die Menschen zusammenhalten und so eine sichere Gesellschaft und einen Staat garantieren, der vor ihnen sicher ist. Das gilt auch und gerade für die Unterschicht, die nun mal auch zur Gesellschaft gehört und deshalb für den gesellschaftlichen Zusammenhalt besonders verantwortlich ist, indem auch und gerade sie den Staat und seine Gesellschaft stützt und fördert und nicht verantwortungslos gefährdet durch verantwortungsloses Fordern!

Mittelschicht der Mitte

Stattdessen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden, würde, weil es den Zusammenhalt der Gesellschaft bedroht, ganz besonders und allen voran die Mittelschicht gefährden und damit den Mittelstand als die gesellschaftliche Mitte bedrohen, die in besonderem Maße in der goldenen Mitte der Gesellschaft steht und deshalb auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt angewiesen ist, um als Mittelstand die goldene Nase der Gesellschaft zu bilden und zu sichern, wie wichtige Politik und Gebetsmühlen fieberhaft schwören. Den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bedrohen, ist deshalb genau das Falsche, wenn es um den Zusammenhalt geht, der deshalb genau das Richtige ist, um die Gesellschaft vor einer Spaltung zu bewahren. Der Zusammenhalt und nicht die Spaltung ist schließlich das Fundament des Zusammenhalts, soll heißen, auch von Wirtschaft und Wohlstand des Mittelstands als Garanten des Zusammenhalts der Mittelschicht!

Mantra der Mühle

Wenn hier also von fieberhaften Politikern sowie der gebetsmühlenartigen Mittelschicht als dem Mittelstand qua gesellschaftlicher Mitte der gesellschaftliche Zusammenhalt wie in einem Mantra beschworen wird, so ist das kein Mantra, weil der gesellschaftliche Zusammenhalt zu wichtig ist, um in einem Mantra beschworen zu werden. Er ist vielmehr ein seriöses Thema, das seine Wichtigkeit durch die Wichtigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhalts gewinnt, der als Kitt die Gesellschaft, und das heißt: alle verschiedenen gesellschaftlichen Schichten zusammenhält, und zwar auch diese Unterschicht da! Auch diese Unterschicht hat deshalb uneigennützig ihren Anteil zu leisten, damit nicht die Spaltung die Gesellschaft spaltet, sondern der gesellschaftliche Zusammenhalt zusammenhält und nicht durch die Unterschicht gefährdet wird.

Wichtiger als Zusammenhalt ist darum nur eins: noch mehr Zusammenhalt! Gibt es aber nicht mehr Zusammenhalt, dann wird nicht nur der Spalt spaltengroß sein, sondern der Zusammenhalt wird auch nicht eng genug sein, nicht zukunftssicher genug, nicht fieberhaft genug, und die Gebetsmühle als Garant des Zusammenhalts sowie besonders der Mittelschichtler als Inbegriff des Zusammenhälters müssten gewärtigen, dass der Zusammenhalt und damit sie selbst gefährdet werden, wie oben von Politik, Journalismus und goldiger Mittelschicht bewiesen und was niemand wollen kann, der es nicht will. Aller Willen und Wollen muss deshalb auf ein Ziel gerichtet sein müssen: den gesellschaftlichen Zusammenhalt unser aller Gesellschaft gebetsartig zu festigen und zusammenzuhalten!

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