Die These: Nicht heulen sondern kämpfen

Die zögerliche Klimaschutzpolitik hat damit zu tun, dass nur All­er­gi­ke­r*in­nen die Folgen schon sehr spüren. Sie müssen auf die Barrikaden!

Junge Frau sitzt im Bett und schneuzt in ein Taschentuch

Wer unter Heuschnupfen leidet kann die schönste Zeit des Jahres im Bett verbringen Foto: filadendron/getty images

Es wird der Tag kommen, an dem sich die graue Winterwolkendecke verzieht und die Menschen aus ihren Isola­tions­höhlen kriechen. Wenn mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen auch eine Herdenimmunitätshoffnung auf den blassen Nasenspitzen kitzelt. Wenn es leichter ums bedrückte Herz wird, die Singdrosseln trällern und der zu Bilderbuchpoesie aufgelegte Frühling sein „blaues Band“ flattern lässt.

An diesem nicht so fernen Tag werde ich mich in meiner doppelglasversiegelten Altbauwohnung verschanzen, in meinem frischluftfreien Allergiker-Vakuum, ausgerüstet mit dem bewährten Antihistaminika- und Kortison-Arsenal.

Ja, ich bin Pollenallergiker, schon immer. Und viele, die dies lesen, werden mich nun einen Mitleid heischenden Weichling nennen, der seinen Heuschnupfen zum gesellschaftlichen Drama hochjammert. Denn Allergiker, das sind nach weitverbreiteter Ansicht die Sensibelchen, die in ihrer Kindheit mehr Dreck hätten fressen sollen. Die Unabgehärteten, die von überbesorgten Propeller-Eltern aus dem keimbelasteten Sandkasten gehievt wurden. Die Ungestillten, denen die herzlose Mutter die Brust verweigert hat und deren hysterisches Immunsystem nun auf lächerlich harmlose Stoffe reagiert.

All das sind Mythen, die die Wissenschaft längst entkräftet hat. Ja, es gibt zwar eine bekannte Bauernhofstudie, nach der Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden, seltener an Heuschnupfen erkranken als andere. Doch das gelte nur für traditionelle Bauern, nicht für moderne Landwirtschaftsbetriebe, erklärt die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann vom Helmholtz-Zentrum München. Viel entscheidender sei die Diversität der mikrobiologischen Umwelt, in der wir aufwachsen. Und genau da, beim Thema Umwelt, beginnt das Problem.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Der Grund, weshalb ich mein Leiden bisher still ertragen habe, war die Tatsache, dass es ein temporäres Leiden war. Es gab eine Allergie-Saison, in der ich mein Kortison-Spray inhalierte, die aufgequollenen Augen mit Tropfen beruhigte, Antihistaminika schluckte und das mit chronischer Müdigkeit bezahlte, in der ich nicht ich selbst war. Doch das war okay, denn eine Saison nennt man deshalb eine Saison, weil sie irgendwann endet – mit etwas Glück wie die Bundesliga im Mai.

Doch dann veränderte sich etwas. Die sogenannte „Natur“ begann, verrückt zu spielen. Die Pollen hielten sich immer weniger an den vom Polleninformationsdienst herausgegebenen Pollenflugkalender. Die Hasel fing schon im Januar an, ihren Samenstaub in die Luft zu ejakulieren. Die Birke ging im Februar bereits zum Bombardement über. Die Gräserpollen ließen sich von ihrem verschwörerischen Gehilfen Wind durch den Sommer pusten.

Und dann tauchte im Herbst noch ein neues Allergen auf: Ambrosia, die „Speise der Götter“, die treffender „Kraut des Teufels“ hieße. Sie brachte mir wenig göttliche Symptome bis in den November. Und es überraschte mich nicht, zu erfahren, dass Ambrosia-Pollen unter dem Elektronenmikroskop wie Abrissbirnen aussehen, die tief in die Lunge eindringen können.

So wurde aus der Allergiesaison ein Allergie-Jahr. Ein immerwährendes Vivaldi-Katastrophenkonzert mit verstimmten Violinen. Eine Horrorversion der „vier Jahreszeiten“, wobei das muntere Allegro in ein albtraumhaftes Allergio mutierte.

Allergiker zu sein, das bedeutete für mich nicht nur, Birken zu hassen. Es bedeutete auch, den Blick schamvoll nach innen zu richten. Wenn ich an der Außenwelt litt und andere nicht, dann musste es – logisch – an mir und meinem schwächlichen Körper liegen. Deshalb musste ich mich therapieren, mich „hyposensibilisieren“, mir Allergene injizieren lassen.

Ich musste meine Ernährung umstellen, Intervallfasten und Verzicht lernen, alles weglassen, was Kreuzallergien auslösen kann: Nüsse, Mandeln, Äpfel, Birnen, Steinobst, Erdbeeren, Karotten, Sojabohnen, Erdnüsse. Mitunter auch Bananen, Avocado, Tomaten, Paprika, Zwiebel, Knoblauch, Hopfen, Petersilie, Basilikum. Zucker und Weizen sind für mich ohnehin tabu. Fisch, Fleisch und Milchprodukte? Schwierig. Mir bleibt im Großen und Ganzen: Dinkel, Kohl und Wasser.

Doch ich bin nicht allein. Mit mir leiden Millionen. Hochrechnungen zufolge ist in Deutschland schon fast je­de*r Dritte von einer Allergie betroffen. Ihnen allen wird die schönste Zeit des Jahres versaut mit Atemnot, tränenden Augen, triefenden Nasen, dröhnenden Kopfschmerzen.

All­er­gi­ke­r*in­nen leiden unterm Klimawandel

Und alle diese Millionen ertragen das still. Und leise. Es scheint ja auch niemand dafür verantwortlich. Kein Gesundheitsminister, der wegen grober Versäumnisse den Hut nehmen müsste, keine Histaminikalobby, vor deren Zentrale man hätte randalieren können.

Nun aber meldet sich die Wissenschaft und erklärt den Allergikern und Allergikerinnen, dass ihr immer schlimmer werdendes Leid nicht durch eigenes oder elterliches Versagen begründet ist, sondern durch den Klimawandel, die Umweltverschmutzung und das Schwinden biologischer Vielfalt.

„Wenn es wärmer wird, fliegen die Pollen auch im Winter – und es fliegen immer mehr davon“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. Ökosysteme verändern sich. Neue Pollen kommen hinzu, siehe Ambrosia. Schadstoffe machen uns allergischer und – wie im Fall von CO2-Stickoxiden – die Pflanzen allergener. „Allergien werden nicht nur zunehmen. Die Menschen, die an Allergien leiden, werden auch mehr Symptome haben.“

Was also, wenn wir All­er­gi­ke­r*in­nen nicht die degenerierten Weichlinge wären, sondern die evolutionäre Vorhut, die die Folgen der lokalen und globalen Erhitzung eben schon etwas früher spürte, „am eigenen Leib“, wie man sagt?

All­er­gi­ke­r*innen dieses Landes, vereinigt euch!

Was würde geschehen, wenn die All­er­gi­ke­r*in­nen sich endlich dessen bewusst würden, dass ihr Leid mutwillig in Kauf genommen wird, dass sie es mitunter auch selbst verschulden, weil sie glauben, die Ausscheidungen ihres SUV würden vielleicht den einen oder anderen Gletscher zum Einsturz bringen, aber nicht etwa die unschuldige Birke vor dem eigenen Fenster zum Aggressor machen? Würden sie dann mit Äxten durch die Städte ziehen und die gedankenlos in sie hineingepflanzten Birken abholzen? Oder würden sie eine Partei gründen, damit endlich jemand in ihrem Namen spräche? Die PAPD vielleicht, die Pollen-Allergiker-Partei Deutschlands?

Thorsten Glotzmann ist Journalist, Autor und Regisseur. In seinen Texten und Filmen versucht er, den Menschen zu verstehen.

Es heißt oft, die deutsche Klimapolitik wäre auch deshalb eine so mutlose, weil wir die Auswirkungen der Krise nicht spürten, nur indirekt durch Bilder von brennenden Wäldern, ausgebleichten Korallen oder überschwemmten Küstenstädten am anderen Ende der Welt. Das stimmt so aber nicht. Millionen unter uns spüren die Klimakrise bereits. Sie wissen es nur noch nicht. Weil das bisschen Niesen und Jucken, das bisschen Asthma-Anfall und Hautausschlag bagatellisiert und individualisiert wird.

Deshalb braucht es nun ein paar Mutige, die zum Aufstand aufrufen: „Allergiker*innen dieses Landes, vereinigt euch!“ Wir werden die Allergien nicht abschaffen können. Aber wir werden darüber sprechen müssen, wie wir die Städte so umgestalten können, dass Feinstaub und Stickoxide aus ihnen verschwinden.

Vor allem aber werden wir die Klimakrise bekämpfen müssen. Und Druck auf die Politik ausüben, weil es um unser Leben geht. All­er­gi­ke­r*in zu sein, das bedeutet heute, vom Bagatellisierer zum Rebellen zu werden, der mit jedem Niesen daran erinnert, dass alle ihr Leben grundlegend ändern müssen. Sonst sitzen wir eines sonnigen Tages alle hinter versiegelten Fenstern.

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