Die Kunsttipps der Woche: Zerfall von Geist und Welt

Dekonstruktionen gängiger Bilder von psychischen Störungen im Acud Kunsthaus, düstere Vorahnung in den Fotografien von Jamie Diamond.

Ausstellungsansicht: "Sieben Avant-Garden - Sieben Utopien"

Ansicht: „Sieben Avant-Garden – Sieben Utopien“ Foto: EAM Collection, Berlin

Der Aufstand der Schlafenden gegen den massiven Angriff der Gesellschaft an den Schlaf – schon die Idee von Barbora Kleinhamplovás wunderbarem „Sleeper’s Manifesto“ kann man sich in einem Moment eigener Ermattung zu Gemüte führen.

Das Video von 2014 zeigt langsame zehn Minuten mit Aufnahmen von Schlafenden, von auf Bänken und Kartons durch die Lohnarbeit vollkommen erschöpft weggenickten Menschen, die einen globalen Effekt (oder Infekt?) unseres liberalen Arbeitsmarkts abzubilden scheinen.

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Die Acud Galerie stellt die Video- und Installationsarbeiten der tschechischen Künstlerin mit denjenigen der Britin Sophie Hoyle gegenüber. Nun hängen Hoyles Zeichnungen von menschlichen Organen auf der einen Seite des Raumes, während auf der anderen Seite Kleinhamplovás 3D-Simulationen ebensolcher Organe langsam auf einer Reihe von Bildschirmen rotieren.

Beide Künstlerinnen dekonstruieren in „It’s not your fault“ – so der Titel der von Paula Durinova kuratierten Ausstellung – mit ihren multimedialen Arrangements das weit verbreitete Bild von psychischen Störungen als rein persönliches Problem. Vielmehr zeigen sie diese als Symptome einer auf Optimierung getrimmten Gesellschaft auf.

Acud Galerie:It’s not your fault“. Barbora Kleinhamplovás und Sophie Hoyle. Bis 16.10. Veteranenstr. 21. Do – Sa. 15 – 20 Uhr, Veranstaltungen: 9. 10. Performance Björnsonova, 16. 10. Participatory Evening mit der Sickness Affinity Group

Kewenig Warehouse:365 Days: 1938/2017“. Jamie Diamond. Bis 30. 10. Di- Sa 11- 18 Uhr, Wilhelmshavener Str. 7

EAM Collection:Sieben Avant-Garden – Sieben Utopien“. Mit Isidore Isou, Guy Debord, Asger Jorn u.a., Besuch nur nach Anmeldung unter info@eam-collection.de, Sybelstr. 62

Eine düstere Vorahnung zeichnet sich auf den Fotografien eines zufällig gefundenen Familienalbums von 1938 ab. Großformatige Abzüge daraus hängen von der Decke des historischen Umspannwerks in Moabit, in dem Kewenig seinen zweiten Berliner Standort hat.

Die Fotografin Jamie Diamond stellte die historischen Szenen aus dem ersten Berliner Lebensjahr eines Kindes kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach und überblendet mit den zeitgenössischen Aufnahmen aus ihrem Leben das Original.

Über die stolzen Kamerablicke der anonymen Mutter legt sie ihren eigenen, die wenig definierten Gesichtszüge eines Babies unter Rüschenhut und Korbwagen, bringt sie mit den darüber gelegten Aufnahmen ihres Kindes in geisterhafte Unschärfe. Der Zerfall der Welt in Totalitarismus und Krieg, der zwischen diesen zwei Zeitebenen stattfindet, wirkt in diese Bilder ein.

Die 1983 geborene New Yorkerin Jamie Diamond ist eine von vielen Künstler: innen, die im Rahmen des Gallery Weekend Discoveries erstmals in einer Berliner Galerie gezeigt werden. Und mit Henni Alftan bei Sprüth Magers, Mara Wohnhaas bei BQ, Megan Marrin und Claudia Hill bei Efremidis oder Daniel Hölzl bei Dittrich & Schlechtriem sind viele interessante, hier bislang kaum bekannte Positionen dabei.

Ob Asger Jorn wohl auch eine dunkle Vorahnung hatte, als er 1962 ein Portrait des Documenta-Leiters und späteren Gründungsdirektors der Neuen Nationalgalerie Werner Haftmann malte? „Dichter & Denker“ benennt er sein abstraktes und eher ins Monsterhafte geratene Konterfei des Kunsthistorikers, dessen seit 2019 sukzessive hervorkommenden Details aus der NS-Zeit vermuten lassen, dass der große Vermittler der abstrakten und expressionistischen Kunst der Moderne in der Nachkriegszeit damit auch eine frühe Form des art washings seines eigenen braunen Lebenslaufs betrieben hat.

Dies ist wohl die politische Entdeckung in der EAM Collection, auf die man jetzt zur Berlin Art Week aufmerksam werden konnte. Es gibt aber auch künstlerische Entdeckungen, für die sich ein Besuch in die privaten Charlottenburger Räumlichkeiten sehr lohnt: Die Sammlung hat sich einer politischen Kunst aus dem Paris der 1950er und 1960er Jahre verschrieben, den Wort- und Buchstabenspielen der Lettristen, den gesellschaftlichen Zustandserfassungen der Affichisten, den künstlerischen Vor- und Mitdenkern der Situationisten (eine Ausgabe von Guy Debords „guide psychographique de Paris“ liegt auch aus).

Eine wunderbare, in Berlin ganz ungewöhnliche Kollektion an Malereien, Postern, Publikationen oder Textarbeiten für und von den Straßen der Stadt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de