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Die Ukraine hat nach Polen die meisten Holocaust-Opfer zu beklagen. Noch heute ist das Land voller Massengräber. Gedenken ist mühsam

Foto: Henning Langenheim/akg/picture alliance

Von Klaus Hillenbrand

In den weiten Feldern um die zentralukrainische Kleinstadt Berdytschiw zeichnet sich eine leichte Erhebung neben einer Senke ab. Diese verläuft gradlinig, wie mit einem Lineal geschnitten. Links und rechts von ihr bestellen die Landwirte ihre Felder. Betritt einer der seltenen Besucher das Gras an der Senke, so knirscht es unter den Füßen. Es sind keine Muscheln vergangener Meere, die dieses Geräusch verursachen, sondern es sind die Knochen von Menschen. Das Feld bei Berdytschiw ist einer von etwa 2.000 Orten in der Ukraine, an dem die SS, deutsche Polizisten und einheimische Helfer ihre jüdischen Opfer zuerst erschossen und dann in Massengräbern verscharrten. Manche dieser Mordstätten sind mit kleinen oder größeren Erinnerungen ausgestattet, andere wie das Grab in Berdytschiw blieben ganz ohne Kennzeichnung.

An manchen Orten hat das von der SS gebildete „Kommando 1005“ noch vor dem deutschen Rückzug aus der Ukraine 1944 die Leichname geborgen und verbrannt, auf dass keine Erinnerung an die Tat bleiben sollte. Die Knochen wurden in einer extra dafür konstruierten Knochenmühle gemahlen. Doch es waren zu viele Mordstätten, der Rückzug ging zu rasch vonstatten und das Kommando 1005 kam mit der Bergung nicht hinterher. Deshalb liegen viele der Ermordeten noch heute bisweilen unbeachtet irgendwo in der Ukraine in einem Massengrab.

Mord am Fließband und per Handarbeit

Die NS-Führung machte bei dem ab 1941 erfolgten Massenmord an Jüdinnen und Juden keine geografischen Unterschiede. Egal ob in Belarus oder der Ukraine, den Niederlanden oder in Griechenland – die Opfer verloren unterschiedslos ihr Leben. In Osteuropa geschah dies nur in seltenen Fällen in den Mordfabriken selbst, die auf deutsch besetztem polnischen Territorium errichtet wurden, in Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Sobibor oder Belzec. In der Ukraine, in Russland oder Belarus war der Holocaust Handarbeit. Vor allem Einsatzgruppen, die extra dafür aus SS-Männern und ganz normalen Polizisten gebildet wurden, töteten hinter der Front an kaum zählbaren Orten Millionen Jüdinnen und Juden. In manchen Fällen hatten die Nazis die Menschen zuvor in Ghettos gesperrt, in anderen nicht. In der Ukraine war vor allem die „Einsatzgruppe C“, bestehend aus 700 bis 800 Personen, mit dem Massenmord beauftragt. Alleine dort gab es mehr als eine Million Opfer. Wobei bei einer regionalen Untersuchung der Nazi-Taten nicht vergessen werden darf, dass die Ukraine früher ganz andere Grenzen hatte als heute. So zählte der Westen des Landes damals noch zu Polen, der Süden war zum Teil unter der Kontrolle Rumäniens.

Effizient töten, qualvoll sterben

Der Schutzpolizist Erwin C. gab 1962 in einer Vernehmung zu Protokoll, er und seine Kollegen seien „lediglich“ für das Erschießen zuständig gewesen: „Die jüdischen Opfer wurden in Reihen zu etwa zehn an den Grubenrand gestellt, und wir hatten diese auf Kommando mit Karabinern zu erschießen. Zwei Mann von uns mussten jeweils auf ein Opfer schießen. Wenn zwei bis drei Reihen erschossen waren, traten die nächsten Kollegen vor und erschossen wieder zwei bis drei Reihen.“ Nur die wenigsten Täter sind später vor Gericht zur Verantwortung gezogen worden.

Die Juden von Berdytschiw starben im August 1941. Nur sehr wenige konnten sich rechtzeitig verstecken und überlebten den Holocaust. Kurz darauf, am 29. und 30. September 1941 kam es zum Massenmord in der Schlucht von Babyn Jar. Dabei wurden 33.771 Jüdinnen und Juden ermordet. Die genaue Zahl ist deshalb bekannt, weil die Nazis damals extra einen Mann zum Zählen der Opfer abgestellt hatten. Ab Ende 1941 kamen im „Reichskommissariat Ukraine“ dann Gaswagen zum Einsatz, in denen die Opfer durch die in den Innenraum geleiteten Abgase des Motors qualvoll getötet wurden. Juden aus dem Westteil der Ukraine wurden in das Vernichtungslager Belzec verschleppt und dort umgebracht.

Späte Erinnerung

Nach 1945 durfte es zu Sowjetzeiten keine explizite Erinnerung an den Holocaust geben. Die Opfer wurden als „friedliche Sowjetbürger“ bezeichnet, ohne Verweis auf ihre Religion. Ein gemeinsames jüdisches Gedenken war strikt verboten. Erst ab 1991 änderte sich das. Die Initiative „Erinnerung bewahren“ hat an einigen der Mordstätten ein würdiges Erinnern ermöglicht. Menschen aus den nächsten Dörfern kümmern sich darum, dass die Gedenkstätten gepflegt bleiben. Denn auch die Ukraine ist nicht gegen Plünderer gefeit. Es hat schon Fälle gegeben, bei denen „Holocaust-Knochen“ zum Verkauf angeboten worden seien, berichtete 2019 ein Rabbiner.

Archäologen, die mit der Untersuchung von Massengräbern betraut waren, berichteten ebenfalls von wiederholten Plünderungen, vor allem vor Beginn des aktuellen Kriegs mit Russland. Offenbar hoffen Grabräuber Gold zu finden. Dahinter könnte die antisemitische Mär vom reichen Juden stecken.

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