Die EM im Zeichen des Regenbogens: Bunte Gründe

Ordner konfiszieren in Baku eine Regenbogenfahne, Sponsoren dürfen nicht in LGBTIQ-Farben werben. Die Uefa wird das Thema Vielfalt nicht los.

Zwei dänische Fans mit einer LGBTIQ-Fahne, dahinte zwei Orner

Ordner in Baku kurz bevor sie eine LGBTIQ-Fahne einkassieren Foto: Darko Vojinovic/dpa

MÜNCHEN taz | Die Farben der Uefa sind wieder die alten. Auf ihren Social-Media-Kanälen präsentiert sich die Europäische Fußballunion nun wieder in ihren traditionellen Farben Blau und Rot. Zuvor hatte sich der Verband kurz mal in Regenbogenfarben gekleidet, um zu zeigen, dass er gar nicht so schlimm ist, wie zu befürchten war, als er der Beleuchtung des Münchner EM-Stadions zum Spiel der deutschen Mannschaft gegen Ungarn nicht zugestimmt hatte.

Jetzt steht die Uefa schon wieder im Verdacht, ihren in Werbekampagnen mit dem Titel „Respect“ oder „Equal Game“ zur Schau getragenen Menschenfreundlichkeit zuwider zu handeln. In den Spielorten St. Petersburg und Baku, wo am Wochenende jeweils ein Viertelfinalspiel stattgefunden hat, wurde es den Sponsoren untersagt, die Werbebanden, so wie sie es in anderen Stadien getan haben, regenbogenfarben zu unterlegen. In Baku wurde zudem ein dänischer Fan vor Ordern im Stadion dazu gezwungen, die Regenbogenfahne, die er gezeigt hatte, gefälligst abzugeben.

Einmal mehr steht also der Regenbogen über der Kritik an der Uefa. Hatte die nicht gesagt, Regenbogenfahnen im Publikum zu zeigen, sei kein Problem? Zu einem Spiel in Ungarn, dessen homophobe Gesetzgebung für die Stadt München der Anlass war, ein regenbogenfarbenes Stadion präsentieren zu wollen, hatte der Verband noch festgestellt, dass er nichts gegen die bunten Fähnchen im Stadion habe. In München hätte sich ein solches sowieso auch nur schwer durchsetzen lassen, nachdem Tausende deutsche Fans zum Spiel nach Ungarn mit Regenbogenfähnchen ins Stadion gekommen waren.

Auch die regenbogenfarbene Kapitänsbinde, mit der der deutsche Spielführer Manuel Neuer aufgelaufen war, hat die Uefa für zulässig erklärt, nachdem sie zunächst dagegen ermittelt hatte. Am Ende konnte der DFB mitteilen, dass die Uefa die bunte Binde „als Zeichen der Mannschaft für Vielfalt“ anerkannt habe, was einen „good cause“ darstelle, einen guten Grund. Ein politisches Statement, wie es die Regeln der Uefa verbieten, stellen die Farben demnach nicht dar. Zumindest nicht überall.

Homophobe Landesgesetze

Denn am Wochenende hatte der Volkswagen-Konzern mitgeteilt, ihm sei verboten worden, seine Reklamebanden in Russland und Aserbaidschan mit den Farben der LGBTQI-Bewegung zu hinterlegen. Was für VW, Heineken, booking.com oder tiktok in anderen EM-Stadien möglich war, sei in den beiden östlichen Austragungsstädten nicht gestattet. Die jeweilige Landesgesetzgebung würde das verbieten, erklärte die Uefa. Wenn es die Gesetze nicht erlauben, dann ist ein Zeichen für Vielfalt ganz schnell kein „good cause“ mehr.

Wie die Uefa sich zum Fall der einkassierten Regenbogenfahne von Baku verhält, bleibt spannend. Sie werde den Fall untersuchen, hieß es. „Die Uefa hat zu keinem Zeitpunkt Ordner angewiesen, Regenbogenflaggen zu konfiszieren – in Baku nicht und auch nicht in einem anderen Stadion“, teilte der Verband mit.

Die betroffenen Fans seien stark betrunken gewesen, haben die Verantwortlichen aus Baku der Uefa berichtet. Sie hätten für Ärger gesorgt, sogar trotz ihres Zustand im Stadion bleiben dürfen. Der dänische Verband dementiert, dass die Fans betrunken waren. Eigentlich sei es auch egal, was die Untersuchungen noch so alles zutage fördern, ist zu hören. Die EM ist nach dem Viertelfinale aus Baku weggezogen. Alle weiteren Spiele, Halbfinale und Finale, finden nur noch in London statt.

Wie vergiftet die Diskussion in den Ländern mit LGBTIQ-feindlicher Gesetzgebung ist, zeigt ein Blick nach Russland. Dort gab es heftige Diskussionen um Manuel Neuers Armbinde. Der Duma-Abgeordnete Witali Milonow von der Kreml-Partei Einiges Russland forderte, die Übertragung von Deutschlandspielen auszusetzen. Sie würden dem Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ widersprechen.

Andauernde Scharfmacherei

Dieses ist einst auf Initiative Milonows hin formuliert worden. Der Scharfmacher fühlt sich wohl gut in seiner Rolle als Schwulenhasser. Vor den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi hatte er gesagt, man solle Sportler wegsperren, die sich der sogenannten Schwulenpropaganda schuldig machten. Beim Thema Regenbogen und Fußball ist er ein in vielen Medien gern zitierter Gesprächspartner.

Scharfmacher in den Redaktionen schüren traditionell die Stimmung gegen Schwule und Lesben. Gerade hat die russische Biosupermarktkette VkusVill einen Werbebeitrag auf ihrer Seite veröffentlicht, in dem sie gesunde Familienrezepte präsentiert. Eine Familie, die da vorgestellt wird, besteht nur aus Frauen. Ein Unding für den bewährten Wutkommentator der russischen Boulevardpostille Komsomolskaja Prawda, Sergej Mardan.

Der bedauerte in seinem jüngsten Beitrag das Fehlen einer Zivilgesellschaft in Russland, die die Läden boykottieren und zum Streik unter den Beschäftigten aufrufen würde. So müsse es eben ein starker Staat regeln. Dass es keine Regenbogenbanden im russischen EM-Stadion gab, hat er geregelt. Die Uefa hat sich den Regeln unterworfen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de