Die Coronamythen der Autokraten: Harmlos, aufgebauscht, erfunden

Autokratische Regierungschefs verbreiten Verschwörungstheorien – mit Folgen für die Bevölkerung. Ein Überblick unserer KorrespondentInnen.

Hintermann von Bolsonaro, Olavo de Carvalho

Der „Bolsonaro-Flüsterer“: Möchtegern-Philosoph Olavo de Carvalho zu Hause in den USA Foto: Jay Westcott/Polaris/Laif

Ohne gezielte Desinformation wäre Donald Trump wahrscheinlich nie US-Präsident geworden. Seinen Wahlkampf startete er mit einer Verleumdungskampagne gegen Barack Obama. Mit dem ihm treu ergebenen rechten TV-Sender Fox News behauptete er pausenlos, Obama sei im Ausland geboren und möglicherweise sogar ein Muslim – und deswegen kein legitimer US-Präsident.

Seitdem Trump ins Weiße Haus eingezogen ist, nimmt er es mit der Wahrheit keineswegs genauer. Im Gegenteil: Er bedient sich weiter dieser Masche. Die New York Times zählt, dass er allein im vergangenen Jahr 145-mal verschwörungstheo­­retische Behauptungen in die Welt gesetzt hat.

Die Pandemie hat Trumps Versagen als Präsident deutlicher gemacht als jeder andere Moment der vergangenen drei Jahre. Er hat die Warnungen seiner eigenen Geheimdienstler und medizinischen Experten sowie das Virus selbst verharmlost.

Er hat bestritten, dass es sich in den USA ausbreiten würde, hat dessen Verschwinden „wie durch ein Wunder“ im April angekündigt und behauptet, es gäbe genügend Tests, Schutzkleidung und medizinische Geräte. Doch das stimmte nicht. Zugleich hat er auf diese Weise wertvolle Zeit verstreichen lassen.

Gewalt gegen Asian Americans

Wie verheerend es ist, wenn ein Staatschef wie Trump eine Pandemie verharmlost und Lügen verbreitet, zeigen die Zahlen. Laut Johns-Hopkins-Universität verzeichnen die USA aktuell fast 90.000 Tote in Verbindung mit dem Corona­virus. Über 1,48 Millionen bestätigte Infektionen werden gezählt – mehr als in den danach am schwersten betroffenen Ländern Russland, Großbritannien, Brasilien, Spanien, Italien und Frankreich zusammen.

Trotzdem versucht Trump weiter fast täglich, mit Verschwörungstheorien und Sündenböcken – darunter die „Fake Medien“ und die Demokratische Partei – von dem Debakel abzulenken. Trumps potenziell gefährlichste Verschwörungs­theorie ist die Behauptung, China sei verantwortlich.

Damit hat er im eigenen Land bereits eine Welle von Gewalt gegen asiatische Amerikaner ausgelöst. Weltpolitisch gefährdet er mit dieser Behauptung den Frieden. Eine Leitlinie für eine Pandemie-Strategie bietet er keine.

Er ist nicht der einzige, der so vorgeht. Von einer „Fantasie“ sprach Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, als sich Covid-19 Anfang März auch in seinem Land ausbreitete. Als das Virus nicht mehr zu leugnen war, ging der rechtsradikale Präsident dazu über, von einer „kleinen Grippe“ zu sprechen und sagte, die Medien machten das Thema größer, um ihm zu schaden.

**Dorothea Hahn, New York**

Brasiliens Youtube-Guru

Er selbst, erklärte er in einer skurrilen TV-Ansprache, müsse sich keine Sorgen um seine Gesundheit machen, da er früher Athlet gewesen sei. Außerdem werde Brasilien weitestgehend verschont bleiben, da „der Brasilianer in Abwasser baden“ könne, ohne sich Krankheiten einzufangen.

Die Zahlen zeigen auch in Brasilien ein anderes Bild: Mit mehr als 240.000 Infektionen registriert Brasilien nun nach den USA und Russland die meisten Infizierten, etwa 16.000 Menschen sind an Covid-19 gestorben.

Seit dem Amtsantritt von Bolsonaro haben Verschwörungstheorien in Brasilien Konjunktur. Dahinter steht der ideologische Flügel der Regierung, deren Politiker*innen den Weisungen des rechtsextremen Gurus Olavo de Carvalho folgen. Durch Youtube-Kurse und Bücher hat es der in den USA lebende Ex-Kommunist zu einiger Bekanntheit gebracht. Seit Jahrzehnten wettert er gegen „Globalismus“, „Genderideologie“ und „Kulturmarxismus“.

Auch in der Coronakrise meldet sich Carvalho zu Wort und behauptet, der „vermeintlich tödliche Virus“ sei nicht mehr als eine „Horrorstory“, um die Bevölkerung einzuschüchtern.

**Niklas Franzen, São Paulo**

Russische Propaganda gegen Bill Gates

Das behauptet Russlands Präsident Wladimir Putin zwar nicht. Doch auch aus seinem Umfeld werden jede Menge Falschmeldungen verbreitet. Bis Ende Januar überwog im Land die Darstellung, das Coronavirus stamme aus geheimen militärischen US-Laboratorien. Kurze Zeit später zogen es auch Russlands Verschwörer vor, das Virus zu verharmlosen.

Corona sei lediglich die Neuauflage einer veränderten Grippeerkrankung, hieß es zwischenzeitlich. Die Bevölkerung griff die Erklärung bereitwillig auf. Die soll beruhigen und die auffallend niedrige Todesrate unter den Infizierten in Russland erklären. Diese wird offiziell mit 2.700 angegeben, bei allerdings über 290.000 Infizierten.

Angesichts der hohen Infiziertenzahlen halten sich russische Politiker mit Virus-Äußerungen derzeit eher zurück. Für Unruhe sorgte kürzlich jedoch die Sendung „besogon TV“ (Dämonenvertreibung), die Filmregisseur Nikita Mi­chal­kow für Russlands wichtigsten Nachrichtensender „Rossija24“ dreht. Er zählt zu den Getreuen des Kremlchefs Wladimir Putin.

Nikita Mikhalkov russischer Regisseur und Verbreiter von Verschwörungserzählungen Foto: Vyacheslav Prokofyev/Imago

Der Regisseur berichtete über den US-Milliardär Bill Gates, der beabsichtige, alle Erdenbewohner impfen zu lassen. Nur aus diesem Grund sei das Virus auch ­erfunden worden. Allerdings hätten diese Eingriffe nichts mit den früheren Schulimpfungen zu tun, deutet der Regisseur an. Heute ginge es um die Gleichschaltung aller Individuen.

**Klaus-Helge Donath, Moskau**

Land des ausgehenden Virus

China, wo das Virus als Erstes auftauchte, müsste um umfassende Aufklärung bemüht sein – sollte man denken. Doch dem ist nicht so. Stattdessen setzt der aufmüpfige chinesische Außenministeriumssprecher Lijian Zhao federführend Verschwörungstheorien über den Ursprung des Coronavirus in die Welt.

Er behauptet: Es könnte die US-Armee gewesen sein, die die Epidemie nach Wuhan gebracht hat. „Seien Sie transparent! Machen Sie die Daten öffentlich!“, schrieb der 47-jährige Parteikader Mitte März auf Twitter. „Die USA schulden uns eine Erklärung.“

Zhao Lijan bei einer Pressekonferenz Foto: Carlos Garcia Rawlins/reuters

Jene Aussagen spiegeln nicht zwangsläufig die Position der Pekinger Zentralregierung wider, dennoch handelt es sich auch nicht um Einzelmeinungen. Wann immer Washington seinerseits rhetorische Angriffe gegen die Volksrepublik richtet, dreht Peking seine Desinformationskampagne wieder auf: Vornehmlich auf Twitter streuen chinesische Botschafter und staatliche Medien Zweifel darüber, dass das Virus wirklich aus China stamme.

Ablenkung von der eigenen Inkompetenz

Die Intention liegt auf der Hand: Die chinesische Regierung hat zwar das Virus im Land mittlerweile erfolgreich unter Kontrolle gebracht, doch während der ersten Wochen nach Ausbruch der Epidemie diese durch Vertuschungsaktionen und Inkompetenz der Lokalregierung in Wuhan erst eskalieren lassen.

Peking versucht nun die mediale Aufmerksamkeit von jener ersten Phase weg zu lenken. Unter chinesischen Internetnutzern hat die Vorstellung des Virus als ausländische Bedrohung durchaus verfangen – nicht zuletzt, weil die streng kontrollierte Informationshoheit in China überhaupt erst ein Vakuum für jede Menge Verschwörungsmythen und Gerüchte geschaffen hat.

**Fabian Kretschmer, Peking**

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