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Keir Starmer in der KriseDie Akte Mandelson

Großbritanniens Labour-Premierminister steckt in seiner bisher schwersten Krise. Über den Mandelson-Skandal hat er die Kontrolle verloren.

Washington D.C., 26. Februar 2025: Botschafter Peter Mandelson und Premierminister Keir Starmer in der britischen Botschaft Foto: Simon Dawson/Avalon/imago

Die Stimmung in Chequers, Landsitz des britischen Premierministers nahe London, war düster. Keir Starmer empfing am Freitag die wichtigsten Spender seiner regierenden Labour-Partei und musste sich sagen lassen, dass ihr Vertrauen in ihn am Nullpunkt angekommen war. „Sie überbrachten ihm eine ziemlich klare Botschaft“, zitiert die Labour-freundliche Sonntagszeitung Observer einen Teilnehmer: „Die Leute sind wütend und finden, er ist am Ende.“

Am Vorabend hatte Starmer auf dem Anwesen die Labour-Fraktion empfangen – ein seltenes Event des als reserviert geltenden Premiers, der sich kaum je in lockerer Atmosphäre zeigt. Es gab als Stehimbiss Chilli und Reis, ungewürzt – „ein sehr starmerisches Essen“, lästerte der Journalist Matt Chorley und enthüllte, dass den Gästen lediglich die Außentoiletten zur Verfügung standen. „Ich bin genauso wütend und frustriert wie ihr alle“, soll Starmer laut Sunday Times den Anwesenden gesagt haben. So als sei er selbst Zuschauer bei seinem eigenen Niedergang.

Erst im Juli 2024 hatte Labour die britischen Parlamentswahlen souverän gewonnen und 14 Jahre konservative Regierungszeit beendet. Aufbruchstimmung ergriff Großbritannien. Der Labour-Jahresparteitag im Oktober war eine Siegesfeier. All das ist lange vergessen.

Denn wenig später traf Keir Starmer eine fatale Entscheidung. Er ernannte einige Wochen nach Donald Trumps Wahlsieg in den USA seinen engen Berater Peter Mandelson zum nächsten britischen Botschafter in Washington. Mandelson war ein Labour-Schwergewicht, eine prägende Figur des Modernisierungsprojekts „New Labour“ von Tony Blair und Gordon Brown von 1997 bis 2010. In Washington exzellent vernetzt, hatte Mandelson frühzeitig dazu geraten, gute Beziehungen zum Trump-Lager aufzubauen. „Peter wird konkurrenzlose Erfahrung in das Amt einbringen und unsere Partnerschaft zu neuer Stärke führen“, erklärte Starmer.

Immer neue schmutzige Details

Mandelson nahm im Februar 2025 sein Amt auf. Im September musste er wieder gehen, nachdem bekanntgeworden war, dass er dem US-amerikanischen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein noch nach dessen erster Verurteilung 2008 die Treue gehalten hatte.

Und nun haben die neuveröffentlichten Epstein-Files in den USA neue schmutzige Details ans Tageslicht gebracht. Mandelson erhielt demnach in seiner Zeit als Labour-Abgeordneter von Epstein Geld und verriet ihm in seiner Zeit als Labour-Minister Dienstgeheimnisse. Er lobbyierte für Epsteins Finanzinteressen und rühmte sich seiner guten Kontakte nach Moskau. Er übernachtete in Epsteins New Yorker Wohnung, als Epstein schon im Gefängnis saß. Die beiden waren ganz offensichtlich eng privat befreundet.

Mandelson saß von 1992 bis vor wenigen Tagen mit einer Unterbrechung im britischen Parlament, erst im Unterhaus und dann im Oberhaus. Jetzt nennen ihn Parteikollegen „Verräter“ und werfen ihm vor, er habe nicht seine Wähler vertreten, sondern einen Kinderschänder. Er hat seinen Oberhaussitz und seine Labour-Mitgliedschaft aufgegeben. Die Polizei ermittelt, am Freitag wurden zwei seiner Häuser durchsucht.

Die Polizei durchsucht am Freitag, den 6. Februar, das Haus von Lord Peter Mandelson in Wiltshire, England Foto: Ben Birchall/ap

Fassungslosigkeit im Parlament

Keir Starmers Behauptung, er habe von Mandelsons Epstein-Nähe nicht gewusst, als er ihn berief, hielt nicht lange. Bei der wöchentlichen Fragestunde im Unterhaus am vergangenen Mittwoch blieb Starmer zunächst bei seiner Linie: „Hätte ich damals gewusst, was ich jetzt weiß, wäre er niemals in die Nähe der Regierung gekommen“. Die konservative Oppositionsführerin Kemi Badenoch bohrte nach: „Erwähnte die vorgelegte amtliche Sicherheitsüberprüfung Mandelsons andauernde Beziehung mit dem Pädophilen Jeffrey Epstein?“

Starmer gestand: „Ja, das tat sie. Als Ergebnis wurden ihm Fragen gestellt.“

Die anschließende Fassungslosigkeit im Plenum brachte Badenoch auf den Punkt: „Wie kann er sich hinstellen und sagte, dass er es wusste, aber dann bloß Peter Mandelson fragte, ob es stimmt oder nicht?“

Fassungslos ist nicht nur die Opposition. Keir Starmers Schwachpunkt war schon vor dem Labour-Wahlsieg 2024, dass er sich mit einem kleinen Zirkel von Machtpolitikern aus der Ära Blair umgab. Zu diesen gehörte Mandelson, dem viele Vertraute Starmers ihre Karriere verdanken.

Etwa Morgan McSweeney, Direktor des Starmer-Thinktanks „Labour Together“, dann Starmers Wahlkampfleiter 2024 und seit Oktober 2024 Starmers Kabinettschef. McSweeney begann seine Parteiarbeit 2001 als Mandelsons Praktikant in der Labour-Wahlkampfzentrale und soll ihn 2024 als Botschafter durchgedrückt haben. Das Außenministerium, damals unter David Lammy, hätte lieber die amtierende Botschafterin Karen Pierce behalten.

Mandelsons Berufung zum Botschafter in Washington galt als Geniestreich – er passte so gut zu Trump

Heute sagt David Lammy, inzwischen Vizepremierminister, er habe Starmer 2024 vergeblich vor Mandelson gewarnt, ebenso wie seine Vorgängerin als Vizepremierministerin Angela Rayner. Damals schwiegen sie öffentlich. Mandelsons Berufung galt als Geniestreich – er passte so gut zu Trump.

Aber heute hat Angela Rayner mit Keir Starmer eine Rechnung offen. Im September 2025 musste die damalige stellvertretende Premierministerin und Labour-Vizechefin ihre Ämter niederlegen, wegen Vorwürfen der Steuerhinterziehung. Die schlagfertige und volksnahe Liverpooler Politikerin sinnt seitdem auf Rache, und die Mandelson-Affäre gibt ihr die Steilvorlage.

Angela Rayners Rache an Keir Starmer

Denn als Starmer am Mittwoch zugeben musste, von Mandelsons Epstein-Freundschaft gewusst zu haben, sagte er auch zu, sämtliche interne Regierungskorrespondenz zu Mandelson freizugeben – außer wenn sie sicherheitsrelevant sei. Die konservative Opposition witterte eine Vertuschungsaktion. Sie beantragte, alle sicherheitsrelevanten Akten dem Geheimdienstausschuss des Parlaments zu übergeben. Als Angela Rayner, jetzt aufsässige Labour-Hinterbänklerin, das unterstützte, knickte die Regierung ein.

Seitdem ist klar: Keir Starmer hat über die Mandelson-Affäre die Kontrolle verloren. Denn den Prozess, alle bis zu 100.000 Mails und Handy-Nachrichten mit Mandelson-Bezug zu prüfen und freizugeben, leitet jetzt nicht 10 Downing Street, sondern das Parlament. Der Labour-Vorsitzende des zuständigen „Intelligence and Security Committee“ (ISC), Verteidigungsexperte Lord Beamish, hat Starmer damit nun in der Hand.

„Ausschließlich Sache des Ausschusses“

Der Schriftwechsel zwischen ISC und 10 Downing Street liegt der taz vor. Das Büro des Premierministers, schrieb Lord Beamish am Donnerstag, muss dem Ausschuss alle sicherheitsrelevante Papiere ohne Schwärzungen vorlegen, darf nichts zurückhalten und muss genau sagen, welche Passagen aus welchem Grund nicht veröffentlicht werden sollen. Der Ausschuss wird dann aber frei entscheiden.

„Der ISC wird wie immer völlig unabhängig von der Regierung handeln und wir behalten uns vor, zu entscheiden, wie wir mit dem uns zur Verfügung gestellten Material umgehen“, schreibt Lord Beamish. „Dies muss ausschließlich Sache des Ausschusses sein, und der Ausschuss kann das selbstverständlich nicht entscheiden, bevor er die Papiere sieht.“ Die Regierung möge daher „jetzt“ mitteilen, wann die Papiere übermittelt werden.

Keir Starmers Büro antwortete am Freitag, dies werde der Kabinettssekretär – der höchste britische Beamte – mit dem Ausschuss klären, und betonte, dass es um „ein voraussichtlich sehr erhebliches Volumen“ gehe. Das sorgt nun für neue Kritik, denn der amtierende Kabinettssekretär Chris Wormald war 2024 für die Sicherheitsüberprüfung von Peter Mandelson zuständig. Es gibt Vorwürfe, er habe damals Informationen zurückgehalten.

Starmer könnte sich nun gezwungen sehen, seinen Kabinettssekretär auszutauschen, und eventuell noch mehr. Sein Stabschef McSweeney erklärte am Sonntagnachmittag seinen Rücktritt: Er habe Mandelson als Botschafter empfohlen „und ich übernehme dafür die volle Verantwortung“, sagte er.

Selbstzerfleischung wie einst bei Theresa May

Mit dem gelungenen Vorstoß, die Kontrolle über die Mandelson-Papiere dem Parlament zu übergeben, hat sich Angela Rayner als Favoritin für die mögliche Nachfolge Starmers etabliert. Sie wird vom linken Parteiflügel unterstützt, der rechte Parteiflügel steht eher hinter Gesundheitsminister Wes Streeting. Um eine Abstimmung über Labours Parteiführung herbeizuführen, die Starmers Rücktritt erzwingen könnte, muss ein Fünftel der Fraktion – das wären aktuell 81 Abgeordnete – dies beantragen. Sowohl Streeting als auch Rayner wird zugetraut, diese Zahl zusammenzubekommen.

Das wäre eine spektakuläre Selbstzerfleischung Labours, ähnlich wie bei den Konservativen in deren letzten Jahren an der Macht. Damals fing es damit an, dass die meuternde konservative Parlamentsfraktion der Regierung von Premierministerin Theresa May die Kontrolle über die Brexit-Verhandlungen entriss. Der Umgang mit den „Mandelson Papers“ durch die meuternde Labour-Parlamentsfraktion nutzt dieselben Verfahren.

Nun muss Starmer zusehen, wie eine Mandelson-Enthüllung nach der anderen seine Position weiter schwächt. Am Samstag berichtete die Financial Times, Mandelson habe Starmer im Februar 2025 bei dessen USA-Besuch beim umstrittenen Datenverarbeitungsunternehmen „Palantir“ eingeführt. Palantir, für seine Überwachungstechnologie berüchtigt, war damals Kunde einer von Mandelson gegründeten Lobbyfirma und erhielt wenig später einen Großauftrag des britischen Verteidigungsministeriums.

Kein Wunder, dass die Wut über das Starmer-Mandelson-Geflecht in den eigenen Reihen steigt. Labour steckt in der Krise. Die Aufbruchstimmung von 2024 verflog schnell angesichts von Sparpolitik und wirtschaftlicher Stagnation. Schon beim Wahlsieg 2024 hatte Labour zwar eine Mehrheit im Parlament errungen, aber nur enttäuschende 34 Prozent der Stimmen. Inzwischen liegt die Partei im Umfragedurchschnitt unter 20 Prozent – weit hinter den Rechtspopulisten von Reform UK, die seit ihrem Sieg bei den Kommunalwahlen vom Mai 2025 auftrumpfen.

Die nächste Nachwahl zum Unterhaus im Arbeiterwahlkreis Gorton & Denton im Großraum Manchester am 26. Februar dürfte Labour verlieren. Ein weiteres Debakel droht am 7. Mai, wenn die Regionalregierungen von Schottland und Wales sowie zahlreiche englische Kommunalvertretungen neugewählt werden.

Spätestens dann, so viele Labour-Politiker jetzt, ist Starmer fällig. Mandelson selbst bleibt derweil nicht untätig. Zuletzt versuchte er per Anwaltsschreiben alle Medienanfragen zu unterbinden. Das als „streng vertraulich“ markierte Schreiben wurde prompt veröffentlicht.

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