Deutschland und die Verschlossenheit: Auf, zu, auf, auf, zu

Deutschland ruft nach Öffnungsstrategien. Unsere Autorin will auch, dass wir endlich aufmachen, aber an ganz anderer Stelle.

Geklingertes Haus mit zwei Fenstern - geschlossene Rollläden

Braune Wand, Rollladen runter: Deutschland weiß, wann es dichtmacht und wann nicht Foto: imago

Es geht viel ums Öffnen gerade. Auch ich öffne das Internet oder eine Zeitung und lese von Öffnungsstrategien. Deutschland möchte nach einer Zeit der Abgeschlossenheit endlich wieder raus, beziehungsweise rein, durch Türen, die nicht in die eigene Wohnung oder an den Arbeitsplatz führen, sondern in Bars, in Restaurants, in Fußballstadien, in Museen und Theater. Orte, an denen wir vorher nicht genau wissen, was uns erwartet.

Ich vermisse das auch, wenn ich zum Beispiel eine Dosensuppe öffne oder meinen Briefkasten. Vielleicht ist die Sehnsucht nach Öffnung gerade noch größer, weil es so bitterkalt ist, dass man die Fenster kaum noch länger als fünf Minuten aufmachen mag.

Wenn Po­li­ti­ke­r:in­nen ein Gespräch über Öffnungen fordern, geht das meist nur mit Verweis auf das „normale“ Leben. Die Botschaft lautet, man will wieder zurück dorthin, wo wir vorher waren, natürlich kontrolliert und mit Plan. Wie absurd das Wort „Öffnungsstrategie“ klingt, wenn es gar keine richtige Schließungsstrategie gab. Wie absurd es klingt, zurück ins Vorher gehen zu wollen, wenn das Nachher unausweichlich ist.

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht ein sehr verschlossenes Land. Verschlossen sind zum Beispiel die meisten Hotels für Obdachlose im Winter. Außerdem hätten viele gern, dass dieses ganze Kapitel Nationalsozialismus endlich abgeschlossen ist – ist ja lange her und wir hatten das ständig in Geschichte und so.

Alles zu

Auch verschlossen: Die NSU-Akten. (Außen-) Grenzen. Notausgänge. Und die Türen, hinter denen sich Männer allmorgendlich auf ihre Macht fläzen wie auf das Ledersofa, auf dem sich bereits eine perfekt geformte Kuhle für ihr Gesäß gebildet hat. Zu.

Offen hingegen sind Büros und Fabriken. Offen sind allerlei Ausnahmen für diejenigen, die mit dem nötigen Geld dafür bezahlen. Selbstverständlich geöffnet sein sollen die Lebensgeschichten derer, die auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen sind und solcher mit Migradingsbums.

Sie sollen so offen sein, dass sie beinahe durchsichtig werden. Viele haben so oft erklärt, woher sie kommen, dass sie vergessen haben, wohin sie wollen. Sie legen ihre Biografien in Schnellheftern auf Schreibtische oder schmettern sie euch ins Gesicht. Egal ob höflich oder wütend, für die Emp­fän­ge­r:in­nen alles Nuancen von Storytelling. Derweil öffnen Ge­richts­me­di­zi­ne­r:in­nen die Körper der Opfer des Anschlags von Hanau, während deren Angehörige nicht um Erlaubnis gefragt wurden.

Auf, zu, auf, auf, zu, auf, das wirkt fast beliebig, ist es aber nicht. Deutschland hat schon sehr lange eine Schließungsstrategie für all die Dinge, die man eben unter Teppiche kehrt: Was Schatten wirft, soll weg. Wenn jetzt also von Öffnungsstrategie gesprochen wird, dann kann ich nicht anders, als an die unrechtmäßig weggeschlossenen Dinge zu denken. Wenn wir über Öffnungen sprechen, warum nicht hier anfangen?

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Redakteurin der taz am wochenende. Schreibt alle 14 Tage die Kolumne poetical correctness für taz2.

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