Deutsche Wirtschaft wächst kaum: Weniger Exporte, wenige Investitionen und weniger Kredite
Trotz Wirtschaftswachstums steckte die deutsche Industrie 2025 noch in der Krise. Die Flaute schlug sich dabei auch im Kreditgeschäft der Banken nieder.
Die Talsohle scheint erreicht: Nach zwei Jahren des Schrumpfens ist die deutsche Wirtschaft 2025 leicht gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt legte nach Abzug der Inflationsrate um 0,2 Prozent zu, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag auf Grundlage vorläufiger Schätzungen mit. Angekurbelt wurde die Konjunktur dabei vor allem vom Staat und den Menschen im Land. „Das Wachstum ist vor allem auf die gestiegenen Konsumausgaben der privaten Haushalte und des Staates zurückzuführen“, sagte die Präsidentin des Statistischen Bundesamtes, Ruth Brand.
Demgegenüber hätten die Exporte erneut nachgeben, und auch die Investitionsschwäche der Unternehmen habe angehalten. Das schlägt sich auch im Kreditgeschäft der Banken nieder, wie Statistiken der Bundesbank zeigen, die der taz vorliegen.
Insbesondere die Kernbereiche der deutschen Exportindustrie litten unter den von den USA angezettelten Zollschlachten und der verstärkten Konkurrenz aus China. Die Ausfuhren in beide Länder gingen um 7,8 beziehungsweise 11,9 Prozent zurück. Insgesamt schrumpften die deutschen Exporte vergangenes Jahr um 0,3 Prozent.
Besonders Fahrzeuge, Maschinen und chemische Erzeugnisse verkaufte die deutsche Industrie weniger ins Ausland, wobei diese Waren etwa 40 Prozent der gesamten Ausfuhren ausmachen. Folglich herrschte vor allem in der Industrie weiterhin Flaute. Die Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe ging auch dieses Jahr noch mal zurück. Das Minus betrug 1,3 Prozent. Nur im Baugewerbe war es mit minus 3,6 Prozent größer.
Die Schwäche der Industrie schlägt sich mittlerweile auch auf dem Arbeitsmarkt nieder. Meldungen von Stellenabbau waren in den vergangenen Monaten nicht selten. In der Industrie sank die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent, während sie insgesamt mit 46 Millionen Beschäftigten nahezu unverändert blieb.
Unternehmen als Hemmschuh
Während Staat und private Haushalte mehr Geld ausgaben und damit die Konjunktur stützen – ihre Ausgaben stiegen um 1,5 beziehungsweise 1,4 Prozent –, machte sich diese Entwicklung auch in einer Investitionsschwäche der Unternehmen bemerkbar. Insbesondere für Ausrüstung (minus 2,3 Prozent) sowie Maschinen (minus 3,3 Prozent) gaben sie weniger aus und erwiesen sich so im vergangenen Jahr als Hemmschuh für die Konjunktur.
Die Investitionsschwäche schlägt sich auch im Kreditgeschäft der Banken nieder: Während die Finanzinstitute der Eurozone den Unternehmen kräftig frisches Geld gaben – die Buchkredite legten vergangenen November im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,4 Prozent zu – verlief das Kreditgeschäft in Deutschland eher mau, wie Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) und Bundesbank zeigen. Hierzulande wuchs der Wert der Kredite an Unternehmen in den Bilanzen der Banken um lediglich 0,39 Prozent. Damit ist Deutschland nach Luxemburg Schlusslicht in der Währungsunion.
Wie es mit den Krediten läuft, ist ein wichtiger Konjunkturindikator, weil frisches Geld sozusagen das Schmierfett der Wirtschaft ist. Unternehmen leihen sich Geld von Banken, nicht nur um finanzielle Engpässe zu überbrücken. Viel wichtiger sind Darlehen sogar bei der Ausweitung des Geschäftes. Viele Investitionen werden nicht nur mit eigenem, sondern auch mit dem Kapital von Banken getätigt. Damit kurbeln sie die Konjunktur an und schaffen Arbeitsplätze.
So waren in Deutschland eben sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Investitionen der Unternehmen in ihre Ausrüstung im Vergleich zum Euroraum unterdurchschnittlich. „Dazu passt die verhaltene Kreditvergabe“, schrieb die Bundesbank der taz auf Anfrage. Im Gegensatz zum Euroraum, wo die Erholung des Buchkreditgeschäfts mit nichtfinanziellen Unternehmen bereits 2024 einsetzte, sei im Firmenkundengeschäft der Banken in Deutschland bisher keine Erholungstendenz erkennbar. „In den vorangegangenen drei Quartalen war die Kreditvergabe an inländische nichtfinanzielle Unternehmen per Saldo sogar leicht negativ“, so die Bundesbank.
In Griechenland wächst die Wirtschaft
Anders verlief es etwa in Griechenland. Dort stieg der Wert der Buchkredite im November um 10,2 Prozent, auch die Ausrüstungsinvestitionen legten zuletzt im September um 12,8 Prozent zu. „Das ist kein Wunder. In Griechenland läuft die Wirtschaft richtig gut“, sagt Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der taz. Anders als in Deutschland würden beim einstiegen Sorgenkind Europas auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Im Sommer wuchs dort die Wirtschaftsleistung um 2 Prozent, während es hierzulande 0,3 waren.
Für Finanzexpertin Tober liegen die Gründe für das stockende Kreditgeschäft nicht nur in der Investitionszurückhaltung der Unternehmen: „Die Banken sind auch strenger bei der Kreditvergabe.“ Nachdem die Wirtschaft bereits 2023 und 2024 geschrumpft und vergangenes Jahr auch nur moderat gewachsen sei, würden die Banken das Ausfallrisiko bei Krediten höher einschätzen als zu Zeiten, als die Konjunktur noch rund lief. Das würde neues Kapital für die Unternehmen teurer machen, falls sie überhaupt Geld von der Bank kriegen, und so Investitionen noch mal erschweren.
Tober spricht sich deswegen für weitere Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank aus. Das würde die Finanzierungskosten für die Unternehmen senken und so die Konjunktur ankurbeln. Zumal die Inflationsrate im Dezember weiter nachgelassen hat und im kommenden Jahr unter dem 2-Prozent-Ziel der EZB liegen dürfte. Denn die hohen Energiepreise und Handelskonflikte würden weiterhin Risiken für die Konjunktur sein.
Doch ein Indikator, dass die Konjunkturflaute auch 2026 weitergeht, ist die maue Kreditvergabe nicht. „Die Stagnation wird nicht anhalten. Dafür ist der staatliche Impuls mit dem geschaffenen Sondervermögen für öffentliche Investitionen und den gestiegenen Verteidigungsausgaben zu stark“, sagt Tober. Sie und ihre Kolleg*innen vom IMK gehen von einem Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent aus. Deshalb, so Tober, würde in diesem Jahr auch das Kreditgeschäft vermutlich wieder wachsen.
Optimismus für 2026
Mit diesem Optimismus sind Tober und ihre IMK-Kolleg*innen nicht allein. Auch andere Wirtschaftsinstitute gehen davon aus, dass die Konjunktur dieses Jahr wieder anzieht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet etwa mit einem Wachstum von 1,3 Prozent, das Münchner Ifo-Institut ist mit 0,8 Prozent etwas skeptischer.
Ein Umstand stimmt Expertin Tober indes zusätzlich positiv: Anders als das Geschäft mit kurzfristigen Darlehen ist jenes mit langfristigen Krediten zuletzt wieder um 2,48 Prozent kräftig gewachsen. Und Unternehmen leihen sich vor allem für eine Sache langfristig Geld von den Banken: für Investitionen.
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