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Bewegungstermine in BerlinViel los im Weglaufhaus

Das selbstverwaltete Weglaufhaus „Villa Stöckle“ hat im Winter besonders viel zu tun. Zum 30. Geburtstag in diesem Jahr sind Spenden hoch willkommen.

Gegen eine Pychiatrie, die Pa­ti­en­t:in­nen wegsperrt: Das Weglaufhaus ist aus der Psychiatriebetroffenenbewegung entstanden Foto: dpa

W eihnachten und Silvester sind vorbei, aber die kalte und dunkle Jahreszeit dauert noch an. Die Temperaturen gehen aktuell vor allem nachts in den ein- bis zweistelligen Minusbereich. Das selbstverwaltete Weglaufhaus „Villa Stöckle“ berichtet im Winter von steigenden Anfragen. Dies liege auch daran, dass etwa nichtbinäre oder Trans*-Personen in anderen Notunterkünften oder Wohnungsloseneinrichtungen schlechte Erfahrungen machen würden, berichtet eine Mitarbeiterin des Weglaufhauses.

Die progressive Kriseneinrichtung im Norden Berlins ist hierzulande die einzige explizit antipsychiatrische Anlaufstelle für wohnungslose Menschen. Ein Unikum, das es zu erhalten gilt. Die Antipsychiatrie setzt der Psychiatrie seit einigen Jahrzehnten eine selbstbestimmte Alternative der Bewältigung und des Umgangs mit belastenden Lebenssituationen entgegen. Menschen in Konflikten oder Krisen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind und das psychiatrische System verlassen haben oder dieses meiden wollen, finden im Weglaufhaus einen Anlaufpunkt.

Das Weglaufhaus ist aus der politischen Selbsthilfe und der Psychiatriebetroffenenbewegung entstanden und es geht maßgeblich um Betroffenen- und Nutzer:innenkontrolle. Ziel ist der Weg in die Selbstständigkeit, etwa durch die Durchsetzung von sozialrechtlichen Ansprüchen und die Entwicklung und Planung neuer Lebens- und selbstbestimmter Wohnperspektiven. Alles ohne Zwangsbehandlungen, stigmatisierende Diagnosen und Psychopharmaka.

Das Weglaufhaus feiert dieses Jahr dreißigjähriges Jubiläum. Was sich das Team der Einrichtung wünscht, ist klar. Gerade jetzt, da das Weglaufhaus hoch frequentiert ist, brauche die Einrichtung dringend finanzielle Unterstützung – der Kontostand sei niedrig, so schreibt das Team des Weglaufhauses in einem Aufruf zur Spende per Mail. Normalerweise, so heißt es weiter, würde der Aufenthalt von Personen im Weglaufhaus durch das zuständige Sozialamt gedeckt. Die Übernahme der Kosten werde allerdings nicht selten doch abgelehnt oder nur anteilig bewilligt – und das nachdem die Personen schon länger im Weglaufhaus lebten.

Die progressive Kriseneinrichtung im Norden Berlins ist hierzulande die einzige explizit antipsychiatrische Anlaufstelle für wohnungslose Menschen

Dringender Spendenbedarf

Somit kommt es zum Teil zu nicht finanzierten Aufenthalten. Auch Be­woh­ne­r:in­nen ohne staatliche Absicherung unterstützt das Weglaufhaus finanziell bei dringenden Anliegen. Die ehrenamtliche antipsychiatrische Beratungsstelle in der Kreutzigerstraße ist auf Spenden angewiesen. Und auch für Sanierungsarbeiten am Weglaufhaus benötigt man finanzielle Unterstützung, so gibt es aktuell dringenden Bedarf an der Trockenlegung des Kellers und an einer neuen Küche.

Wer etwas spenden möchte, findet hier alle nötigen Informationen Der Verein ist als gemeinnützig und mildtätig anerkannt. Auf Wunsch wird eine Spendenquittung ausgestellt. Wer Ideen hat, wie die soziale Einrichtung und der kleine Verein anderweitig finanzielle Unterstützung erhalten können, möge sich an das Weglaufhaus-Team wenden.

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Desiree Fischbach
Jahrgang 1984, Magistra Artium Kunstgeschichte/ Theaterwissenschaft, FU Berlin. In der taz seit 2011: Webentwicklung Abteilungsleiterin. Hauptthemen Subkultur und soziale/ politische Bewegungen in Berlin. Foto: Maximilian König
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