Derby zwischen dem HSV und St. Pauli: Schale Stadtmeisterschaft

In Zeiten der Corona-Einschränkungen ist das Hamburger Derby keines. Dabei folgt das Spiel der perfekten Dramaturgie für ein Duell ewiger Rivalen.

Ein Fußballspieler krabbelt über einen anderen Fußballspieler und irgendwo muss auch der Ball sein.

Fast wie m richtigen Derby: Moritz Heyer (unten) und Daniel-Kofi Kyereh (oben) im Kampf um den Ball Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | Ein Derby, das ist wohlig-schauriges Kribbeln, das in den Wochen davor ganz allmählich die Stadt erfasst. Ja, mitunter auch Leute, die mit Fußball gar nichts am Hut haben, das ist ja das Besondere. Da werden Polizeieinsatzkonzepte und Formkurven diskutiert, Flaggen rausgehängt, Fankneipen überfallen, je nach Lage Giftpfeile über den Boulevard geschickt oder der Frieden in der Stadt beschworen.

Der Tag beginnt mit einem Fanmarsch in die eine oder andere Richtung, Reiterstaffel, Böller, Alkoholverbot. Im Stadion gibt’s dann aus tausenden Kehlen die schönsten Beleidigungen für die jeweils andere Seite – und die blödsten, die auch. Das Spiel ist hitzig, es geht rauf und runter. Am Ende ist manchmal ein neuer Held geboren, oder es gibt Tränen.

Gemessen an alldem ist es gar kein richtiges Derby am Freitagabend in Hamburg. Es ist ein ganz normales Zweitligaspiel zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli, zwei Clubs, die zufällig beide in Hamburg ansässig sind, und das im Wesentlichen im Fernsehen stattfindet (wo eigentlich?).

Zehn Minuten vor Anpfiff kann man gemütlich mit dem Auto anreisen. Drinnen verlieren sich 1.000 HSV-Fans. Im unbarmherzigen Beton hört man genau, wie sie sich, das muss man leider so sagen, zum Affen machen. Sie krakeelen, meckern, kreischen, es klingt mehr nach Hagenbeck als nach Volksparkstadion. Nichts von jenem herzerwärmend sonoren, kollektiven Gebrüll einer Nordkurve ohne Pandemie.

Jubelsturm zum leeren Block

Wenn sie pflichtschuldig „Scheiß St. Pauli“ piepsen, ist da niemand, den das aufregen könnte. Die bedauernswerten neuen Stadionsprecher*innen beim HSV, die versuchen, Stimmung zu machen wie immer, verhalten sich bei dieser Kulisse zu ihrem reibeisigen Vorgänger Lotto King Karl wie ein Kinderchor zu – Lotto King Karl.

Fußball wird auch gespielt. Am Ende steht es 2:2 und alle sind ein bisschen mehr zufrieden als unzufrieden. Der HSV, obwohl er die ersten Punkte der Saison liegenlässt. Aber er bleibt in der Tabelle einsame Spitze. Und, noch wichtiger, er hat, nach zwei Niederlagen in der Vorsaison, ein regelrechtes Derby-Trauma abgewendet. Hätte man damals jeweils gewonnen, spielte der HSV nun in der Ersten Liga.

Bei St. Pauli kann man sich weiterhin „Stadtmeister“ nennen, trauert aber ein wenig jenen zwei Minuten hinterher, in denen dieser Status sich zu zementieren schien: St. Paulis neuer Sturm-Hüne Simon Makienok, der schon das 1:1 vorgelegt hat, bringt seinen Club nach 82 Minuten in Führung und stürmt jubelnd auf den Block zu, in dem die St.-Pauli-Fans fehlen. Doch zwei Minuten später gleicht HSV-Topzugang Simon Terodde mit seinem zweiten Treffer aus.

Mit ihren Offensiv-Transfers liegen beide Clubs trotz knapper Budgets nicht schlecht, auch wenn der HSV vielleicht schon ein bisschen zu abhängig von Terodde ist: Der hat mit acht Treffern mehr als die Hälfte aller HSV-Tore erzielt. Mit Makienok hat nun schon der vierte der fünf neuen St.-Pauli-Offensivspieler getroffen. Welches Modell auf die Dauer mehr Erfolg verspricht, wird man beim nächsten Derby wissen. Hoffentlich einem richtigen.

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