: Der rote Schock
Ein junger Rechtsextremer sticht in Göttingen auf einen Antifaschisten ein, der überlebt nur knapp. Die Tat wirft in der linken Szene der Stadt die selbstkritische Frage auf, wieso es gerade in einer linken Hochburg dazu kommen konnte
Aus Göttingen André Zuschlag
Da war natürlich erst mal der Schock, berichtet Lou*, während sie mit ein paar weiteren Göttinger Antifaschist:innen bei Kaffee und Mate im Kreis sitzt. Sie kam an jenem Sonntagmittag vor drei Wochen gut gelaunt nach Hause, ehe die Nachricht auch zu ihr durchsickerte: Mit „Göttingen: Jungfascho sticht Antifaschisten nieder“ war die Nachricht überschrieben, die sich seit dem Vormittag über linksradikale Portale verbreitete.
Ob der Verletzte überleben würde, war da noch unklar: Der Stich ging in die Brust, knapp am Herz vorbei. Mit hohem Blutverlust war der 23-Jährige ins Krankenhaus gebracht worden – Not-OP, Versetzung ins künstliche Koma, später noch eine weitere OP.
Im ganzen Land sind die Baseballschlägerjahre wieder da: Die rechtsextreme Radikalisierung Jugendlicher und junger Erwachsener hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen, laut dem Innenministerium hat sich die Zahl rechtsextremer Tatverdächtiger in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Junge Nazis treten gewaltsam auf, machen Jagd auf solche, die ihrem Feindbild entsprechen: Queers, Linke, Migrant:innen. Meist tauchen sie da auf, wo es kaum intakte Gegenwehr gibt – im Osten etwa oder in kleineren Städten.
Aber nun sogar im „roten“ Göttingen?
Mit 130.000 Einwohner:innen ist die Stadt nicht gerade eine Metropole. Den Wall, der um die Innenstadt führt, hat man in einer guten halben Stunde abgeschlendert. Mit dem Rad braucht es vom Zentrum keine 15 Minuten, um nur noch Felder um sich herum zu haben. Dann kommen in alle Himmelsrichtungen lange Zeit erst mal nur Dörfer.
Aber durch die Uni leben hier rund 40.000 Studierende. Nicht nur aus dem Umland zieht es viele zum Studium hierher, sondern auch aus Hamburg, Berlin, Frankfurt oder dem Ausland. Ein linksliberales Bürgertum gibt in der Stadt den Ton an, bei den letzten fünf Wahlen siegten die Grünen.
Und schon seit Jahrzehnten ist Göttingen auch einer Hochburg der linksradikalen Szene, von Antiatomaktivist:innen über Hausbesetzer:innen bis zu Antifa-Gruppen. Überall in der Stadt kleben heute noch die Plakate, die zum Widerstand gegen den Parteitag der AfD in Erfurt aufrufen; kaum eine Laterne lässt sich in der Innenstadt finden, an der nicht linksradikale Sticker kleben. Die Rote Hilfe ist hier ansässig, mehrere autonome Gruppen sind seit den 1980ern aktiv.
Auch wenn diese Gruppierungen sich immer mal wieder, typisch Linke, streiten und/oder abspalten – der Kampf gegen Rechtsextreme ist gelebte Praxis: Die Autonome Antifa [M] war in den 1990ern in der bundesweiten Bewegung tonangebend, kämpfte die rechtsextreme Kameradschaftsszene aus der Stadt; bei späteren NPD-Kundgebungen war die Stadt durch den Gegenprotest lahmgelegt.
Einzelne rechte Kleingruppen, die immer mal wieder probierten, in Göttingen Fuß zu fassen, oder rechte Burschenschafter, die am Campus zu agitieren versuchten, gaben ihre Bemühungen dank der aktiven Gegenwehr der autonomen Antifagruppen irgendwann entnervt auf.
Der gerade einmal 17-jährige „Jungfascho“ aber stach zu.
Es sei das Ergebnis einer „monatelangen Eskalation“ gewesen, sagt Nico Kuhn, der mit im Kreis sitzt. Links hinter ihm ist die Wand voll mit Kartons, Büchern und Ordnern. Hier im Antifaschistischen Bildungszentrum und Archiv Göttingen dokumentieren Aktivist:innen, was die extreme Rechte in der Region macht. Und hier recherchieren sie, wer die sind, die durch ihre Taten aufgefallen waren.
Von einer „jungen rechten Crew“ spricht Kuhn, die erstmals vor zwei Jahren in Göttingen sichtbar geworden sei: Sie tauchten an linken Orten in der Stadt auf, „um Stress zu suchen“ – mal machten sie das verbal, mal schossen sie mit Silvesterrakekten auf das „Juzi“, den linksalternativen Treffpunkt. „Sie bedrohten, aber diese 15- bis 18-Jährigen griffen nicht körperlich an“, sagt Kuhn.
Das allerdings habe sich jetzt geändert, sagt er. Vor ein paar Wochen hätten sie eine Treppe in Regenbogenfarben und eine Tafel zum Gedenken an die Bücherverbrennungen der Nazis beschmiert. Einige Tage später habe es eine Schlägerei gegeben wie einige Stunden vor der Messertat auch.
Diese fand nur wenige Meter vom Wohnhaus des 17-jährigen Messerstechers statt – im gut situierten Ostviertel, wo sich die Villen von der Innenstadt bis hoch an den Waldrand aneinanderreihen. Unbestritten ist, dass der 17-Jährige und ein weiterer Jugendlicher aus der rechten Szene sowie mehrere Antifa-Aktivist:innen nicht zufällig aufeinandertrafen. „Es sollte eine Ansage gemacht werden“, wird im Sitzkreis erzählt – die linken Aktivist:innen wollten den beiden Rechten zu verstehen geben, dass sie mit ihren Aktionen aufhören sollen. „Aber es sollte dabei keine Gewalt angewendet werden.“
Zwar nahm die Polizei den 17-Jährigen am nächsten Tag vorläufig fest, ließ ihn später aber zunächst wieder frei, da „eine Notwehrsituation nicht auszuschließen“ sei. Auch der andere Jugendliche stellte dies nach der Tat in sozialen Medien so dar.
Der Widerspruch gegen dieses Narrativ ist vehement. Der Verletzte hat laut seinem Anwalt Sven Adam ja nicht einmal Abwehrwunden davongetragen – der Messerstich sei also unvermittelt erfolgt. Der Verletzte sowie zwei weitere Anwesende haben inzwischen auch in diese Richtung gehende Aussagen gegenüber den Ermittler:innen gemacht.
Hinzu kommt: Der beteiligte Jugendliche plauderte gegenüber der Zeit aus, dass er und sein Kumpel Kampfsporterfahrung hätten – und dass sein Kumpel nicht zufällig ein Messer bei sich gehabt habe, „weil er sich schon am Tag zuvor beobachtet gefühlt habe, von Leuten, die ‚in einer dunklen Ecke gestanden‘ hätten“. Von Notwehr, die das Zücken eines Messers rechtfertigt, könne daher kaum gesprochen werden, sagt Adam.
Lou, Antifa Göttingen
Die Tat des „Jungfaschos“ wirft im „roten“ Göttingen eine Reihe von Fragen auf: Wie konnte das in einer Stadt, die über eine jahrzehntelange Antifa-Dominanz verfügt, geschehen? Warum trauen sich das die jungen rechten Männer hier? Liegt es an einer nachlassenden Präsenz der Antifa? Braucht es wieder mehr Militanz? Also auch körperliche Gewalt gegen teils noch nicht mal volljährige – man könnte sagen: halbstarke – Jungs, die wohl auch noch kein allzu gefestigtes rechtsextremes Weltbild haben?
„Vielleicht waren wir uns zu sicher, dass so etwas hier nicht passieren könnte“, sagt Lou. Ein anderer, der schon in den 2000ern in Antifa-Gruppen aktiv war, fragt: „Wo ist die Bewegung abgerissen?“ Immer häufiger gebe es rechte Graffiti in der Stadt, die wochenlang nicht übersprüht würden. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Aktivist:innen immer weiter zurückgegangen, die die tägliche Antifa-Arbeit als ernste und drängende Aufgabe ansehen.
Und: Warum fühlen sich Jugendliche kulturell offenbar zunehmend eher von Rechtsextremen abgeholt statt von linker Subkultur?
Vielleicht ist die Messerattacke auch ein Anlass, wieder verlässliche Antifa-Strukturen in der Stadt aufzubauen, sodass es keine größeren Sorgen vor Neonazis geben muss. Wirklich groß wurde die Göttinger Antifa-Bewegung Anfang der 1990er – also zu Beginn der ersten Baseballschlägerjahre, als junge Göttinger Neonazis schon einmal Jagd auf Linke machen wollten, schon einmal mit dem Messer zustachen und dabei den 21-jährigen Alexander Selchow töteten, einen Antifaschisten, der seinen Angreifern zufällig begegnete.
Anzeichen dafür gibt es: „Aus dem Schock wurde ziemlich schnell eine Wut“, sagt Lou. „Viele von uns realisieren gerade, dass wir da wieder mehr unternehmen müssen.“ Noch am Sonntag der Tat gingen abends mehr als 1.000 Linke auf die Straße, am Tag darauf und eine Woche später ebenso. Dem Hinweis vor der zweiten Demo, doch auf jegliche Gruppen- oder Parteifahnen zu verzichten und stattdessen schlichte Antifa-Fahnen mitzubringen, folgten alle und demonstrierten damit Geschlossenheit – anders als zuvor etwa in Berlin-Hellersdorf, wo sich die autonome Linke gerade über den Nahostkonflikt zerlegt.
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