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Der Wert des Daseins

Nirgends sterben jährlich so viele Menschen an einer Überdosis wie in den USA – auch, weil Abhängige stigmatisiert werden und Konsumräume verboten sind. Doch einige Initiativen sind für die Betroffenen da. Und retten auf diese Weise Leben

Der amerikanische Fotograf Spencer Platt hat die Opioid-Krise in den USA jahrelang dokumentiert. Die Bilder auf den folgenden Seiten sind von ihm Fotos: Spencer Platt/getty images

Aus Boston Leonie Gubela

Stephen Murray hat es in seinem Job mit zwei Arten der Stille zu tun. Die eine ist harmlos, bisweilen sogar schön. Es ist die Stille, die eintritt, wenn ein Anrufer gemeinsam mit ihm schweigen will. Dann sitzen sie da, am jeweils anderen Ende der Leitung und lassen die Sekunden verstreichen. Oft legt der Anrufer irgendwann wieder auf, ohne überhaupt konsumiert zu haben. Dabei würde Murray nie auf die Idee kommen, es ihm auszureden. Er ist einfach da, hört zu, gibt Rat, erzählt und lacht mit den Menschen, die sich bei ihm melden – oder er schweigt.

Und dann gibt es noch die andere Stille. Die, in der sich Murray die Haare ausreißen will. Wenn der Anrufer, nachdem er sich die Substanz injiziert hat, plötzlich nicht mehr antwortet. Wenn er ihn einmal, zweimal, dreimal mit Namen anspricht, dabei immer lauter wird. Dann den Notruf wählt. Und die quälend langen Minuten abwarten muss, bis er durch den Telefonhörer endlich die Sirenen hört.

Murray, 37 Jahre alt, betreibt eine Hotline, bei der Menschen anrufen können, die allein in ihrem Haus Drogen nehmen. Er bleibt telefonisch bei ihnen, passt auf, dass nichts passiert.

In keinem anderen Land der Welt sterben so viele Menschen an einer Überdosis wie in den USA – durchschnittlich 100.000 Personen kommen jährlich so ums Leben. Unter 18- bis 44-Jährigen ist eine Überdosis die häufigste Todesursache. Drogensucht zieht sich durch alle Bevölkerungsgruppen und -schichten. Die Zahl der Todesfälle, die mit Drogen im Zusammenhang stehen, ist unter Native Americans und Afro­ame­ri­ka­ne­r:in­nen besonders hoch.

Dass die Drogenkrise in den Vereinigten Staaten so eskalieren konnte, hat viele Gründe. Einer ist die massive Verbreitung von Opioiden, die Ende der Neunzigerjahre begann. Opioide sind Substanzen, die eine morphinähnliche Wirkung haben, also vor allem als Schmerzmittel eingesetzt werden. Damals wurde in großem Maße das stark abhängig machende Medikament Oxycontin verschrieben. Der Hersteller Purdue Pharma hatte über Jahre hinweg Tausende Ärz­t:in­nen geschult und behauptet, das Mittel sei auch für eine langfristige Anwendung geeignet. 2007 wurde die Firma erstmals der irreführenden Vermarktung schuldig gesprochen.

Zu diesem Zeitpunkt waren längst Millionen Menschen, die sich ursprünglich mal wegen Knochenbrüchen oder Rückenleiden damit behandeln ließen, abhängig geworden. Als Oxycontin schwerer verfügbar wurde, suchten Suchtkranke nach Alternativen, stiegen um auf Heroin. Seit einigen Jahren spielen synthetische Opioide wie Fentanyl eine immer größere Rolle, die fünfzigmal stärker als Heroin und daher extrem schwierig zu dosieren sind.

Ein weiterer Grund für die Eskalation ist das Stigma. Suchtkranke werden in den USA sehr viel stärker kriminalisiert als in Deutschland. Gegen das Konzept der Harm Reduction (auf Deutsch: Schadensminderung) – also Programme, die Menschen vor einer Überdosis bewahren sollen – gibt es politische und gesellschaftliche Widerstände. So sind in den USA Konsumräume, in denen unter Aufsicht Drogen genommen werden können, staatenübergreifend verboten. Zum Vergleich: Allein in Berlin gibt es acht solcher Räume. Auch der Zugang zu Substitutionstherapien oder psychosozialer Betreuung ist in den USA mit größeren Hürden verbunden als in Deutschland. Während Überdosisprävention hierzulande überwiegend institutionalisiert und langfristig gefördert ist, haben Organisationen in den USA mit instabiler Finanzierung und beschränkten Handlungsspielräumen zu kämpfen. Die ohnehin prekäre Lage wurde im Sommer noch verschärft, als die Trump-Regierung ankündigte, weitere Gelder für Harm Reduction zu streichen.

Die meisten der unter diesen Begriff fallenden Programme in den USA gehen auf zivilgesellschaftliche Initiativen zurück – oft wurden sie ins Leben gerufen von Menschen, die selbst abhängig waren oder Menschen in ihrem Umfeld durch Drogensucht verloren haben. Wie groß und gut vernetzt diese Initiativen sind, ist von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich. Im liberalen Massachusetts ist die Gemeinschaft der Harm-Reduction-Aktivist:innen besonders stark, über die Jahre haben sie ihre Arbeit professionalisieren und teilweise an staatliche Stellen andocken können.

Der Rückgang an Überdosistodesfällen liegt in Massachusetts über dem nationalen Durchschnitt, allein in Boston sank die Zahl 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent. Zugeschrieben wird das auch diesem Netzwerk und dessen Bemühungen, Abhängigkeit zu entstigmatisieren. Doch ihre Erfolge sehen viele Ak­ti­vis­t:in­nen in diesem Bereich nun in Gefahr.

Stephen Murray sitzt in seinem Arbeitszimmer in Plymouth an der Küste von Massachusetts und schließt noch schnell sein E-Mail-Programm. „Das lenkt mich sonst ab“, sagt er in seine Laptopkamera. Eigentlich war ein persönliches Treffen abgemacht, doch das Boston Medical Center (BMC), das seine Hotline mitbetreibt, ist seit den politischen Attacken auf Initiativen wie ihre vorsichtig mit Presseanfragen. Eine Mitarbeiterin des BMC sitzt mit im Zoom-Call, sagt aber nichts.

Er habe seine Drogensucht gegen eine Arbeitssucht eingetauscht, sagt Murray, während er auf seinem Bildschirm herumklickt. Er lacht: „Und ich bereue nichts!“ Stephen Murray ist ein kräftiger Mann mit jungenhaften Gesichtszügen, der auf so gut wie jedem Bild, das es online von ihm gibt, sehr breit lächelt. Er war schon vieles in seinem Leben: Sänger einer Metalband, Abgeordneter, Feuerwehrmann, Sanitäter.

Nach einem Trauerfall wird er als junger Lokalpolitiker in Florida abhängig vom Schmerzmittel Oxycontin, zieht vor Interviews Lines in seinem Auto, oder auch nachts, wenn er wegen Entzugserscheinungen aufwacht. Zweimal nimmt er versehentlich eine Überdosis, kommt aber wieder zu sich. Irgendwann zieht er zurück zu seinen Eltern nach Massachusetts, wird clean, geht zur Feuerwehr, wechselt von dort zum Rettungsdienst. Das ist die Zeit, in der immer mehr Menschen anfangen, Fentanyl zu nehmen. An manchen Tagen wird er zu fünf Überdosisfällen hintereinander gerufen. Einer brennt sich ihm besonders ein: Bei der Hausnummer, die beim Notruf angegeben wurde, trifft er niemanden an, es muss einen Zahlendreher gegeben haben, Murray hämmert an alle Türen im Apartmentkomplex, kann die Person mit der Überdosis nicht finden. Die Frau stirbt, weil die Person, die für sie den Notruf wählte, einfach abgehauen war.

Er begreift: Menschen zu beschützen, die Drogen nehmen, bedeutet, bei ihnen zu bleiben. Er hört von der Hotline Never use alone, bei der Menschen anrufen können, bevor sie zum Beispiel Fentanyl injizieren, um beim Konsumieren nicht allein zu sein. Die Person, die den Anruf entgegennimmt, fragt dann nach der Adresse, um im Fall der Fälle einen Krankenwagen zu schicken, und bleibt in der Leitung, bis das High wieder abebbt. Murray wird ehrenamtlicher Mitarbeiter der Hotline, verteilt als Sanitäter selbst gebastelte Kärtchen mit der Telefonnummer. Während der Pandemie beobachtet er, wie sich die ohnehin angespannte Lage noch verschärft, denn „den Leuten wurde gesagt, sie sollen sich isolieren, und dann starben sie in ihren Häusern allein an einer Überdosis“.

Noch 2020 gründet Murray dann seine eigene Hotline, bekommt Unterstützung von Stiftungen und dem Suchtzentrum des Boston Medical Centers – später wird Safespot die erste staatlich finanzierte Hotline dieser Art. Heute hat sie über 70 Mitarbeiter:innen, die rund um die Uhr Anrufe aus allen Bundesstaaten entgegennehmen. Viele von ihnen mit eigener Suchtgeschichte.

Was es braucht, um bei Safespot zu arbeiten? „Mitgefühl“, sagt Murray. „Wir wollen die Person ernst nehmen und verstehen, was sie benötigt. Wir drücken ihr unsere eigenen Erfahrungen mit Drogen nicht auf, aber sind bereit, davon zu erzählen, wenn der Anrufer danach fragt.“ Oft werde gemeinsam mit der Anruferin ausgelotet, wie hoch das Risiko einer Überdosis für sie heute sei. Wie lange ist der letzte Konsum her? Wie geht es ihr körperlich? Woher hat sie die Substanz, und könnte sie verunreinigt sein? Dabei geht es nicht darum, die Person vom Drogennehmen abzuhalten, sondern bloß, sich miteinander vertraut zu machen. Denn jegliche Verurteilung, jegliches Anzeichen einer Agenda, die mit Entzug zusammenhängt, könnte dazu führen, dass sich die Anruferin nie wieder meldet.

Safespot bekommt um die 30 Anrufe am Tag, und nur etwa alle 400 Mal enden diese Anrufe in einem Notruf, erzählt Murray. Wenn das passiert, werden andere Hotline-Mitarbeiter:innen alarmiert, sodass sie ihrem Kollegen oder ihrer Kollegin beistehen können. Denn nichts dauert so lange, wie alleine am anderen Ende einer Telefonleitung auf einen Krankenwagen zu warten. Gerade er als Sanitäter kriege dann jedes Mal die Krise, weil er ja genau wisse, was jetzt zu tun sei, sagt Murray. Er hat in seinem Leben Tausende Ret­tungs­dienst­le­r:in­nen in 14 Bundesstaaten geschult, wie man möglichst einfühlsam mit einer Person umgeht, die gerade mit den Folgen einer Überdosis kämpft.

Opioide dämpfen das Atemzentrum im Hirnstamm, bei einer Überdosis wird die Atmung erst langsam, dann flach, irgendwann setzt sie ganz aus. Was der Körper also braucht, ist Sauerstoff. „Und das lösen wir, indem wir für die Person atmen, entweder Mund-zu-Mund oder mit einem Beatmungsbeutel.“ Zusätzlich kann man Naloxon geben, ein Opioid-Antagonist, der dessen Wirkung im Gehirn aufhebt. Doch Nalaxon kann auch Entzugserscheinungen auslösen, Menschen wachen oft gereizt, mit starken Kopfschmerzen und Herzrasen auf. Murray plädiert dafür, Naloxon so schonend wie möglich einzusetzen und sich auf die Gabe von Sauerstoff zu fokussieren.

Ein weites Spektrum des Konsums

„Und dann ist die Frage natürlich: Behandelst du die Menschen freundlich und respektvoll, wenn sie wieder zu sich kommen oder schreist du sie an und beschämst sie?“ In seiner Zeit als Sanitäter schickte Murray bei jedem Einsatz alle anderen Personen, insbesondere Polizeibeamte, in einen Nebenraum, damit sich die Pa­ti­en­t:in­nen in aller Ruhe wieder berappeln konnten.

Scham ist ein großes Thema für Stephen Murray. Und die Frage, was wir unseren Mitmenschen über uns selbst anvertrauen. „Nehmen wir das Beispiel Alkohol“, sagt er. Jeder kenne jemanden, der überhaupt nicht trinke, sein Großvater zum Beispiel habe in seinem Leben vielleicht ein einziges Glas Wein gehabt. Sein Vater wiederum trinke zwar gerne Bier, aber ausschließlich beim Rasenmähen. „Und dann gibt es Menschen, die jeden Tag trinken. Vielleicht nur ein Glas zum Abendessen, oder gleich die ganze Flasche.“ Einer seiner jüngeren Familienmitglieder habe ihm neulich erzählt, jetzt mal ein halbes Jahr abstinent sein zu wollen, weil er es im College total übertrieben habe. „Die Leute um dich herum, werden dir für solche Ansagen applaudieren“, sagt Murray. „Wir kennen beim Alkohol das gesamte Spektrum des Konsums, weil es legal und sozial akzeptiert ist“, sagt er.

Bei illegalen Drogen gebe es genau das gleiche Spektrum, sagt Murray. „Es gibt Menschen, die injizieren sich einmal die Woche Fentanyl.“ Nur könnten wir uns das nicht vorstellen, weil die Bilder in unseren Köpfen von Menschen, die Fentanyl nehmen, andere sind. Murray meint damit Straßenszenen, wie es sie an vielen Orten in den USA gibt. Menschen, die vornübergebeugt auf dem Gehsteig stehen und sich kaum regen, Bewusstlose zwischen parkenden Autos. Chaos. „Die Menschen stellen sich Chaos vor, wenn sie an Drogenkonsum in diesem Land denken.“ Weil man den Konsum hier eben nur sehe, wenn man ihn nicht mehr verstecken könne, sagt er. „Und das beeinflusst die Politik, die Prävention, die Therapie und die Art und Weise, wie wir über Drogenkonsum sprechen.“

In den USA sterben die meisten Menschen allerdings in ihrem eigenen Haus an einer Überdosis. Einer der Gründe dafür ist, dass eine Überdosis in der Öffentlichkeit schneller auffällt und sich Menschen, die auf der Straße konsumieren, oft gegenseitig „spotten“ – also aufeinander achten. Was deren Situation keinesfalls weniger dramatisch macht.

Murray hat seine Drogensucht gegen eine Arbeitssucht eingetauscht

In der Albany Street im Süden Bostons hat das Boston Health Care for the Homeless Programm (BHCHP) seinen Sitz, eine Gesundheitseinrichtung für wohnungslose Menschen. Unweit der Albany Street befand sich jahrelang ein Zeltcamp, das Ende 2023 von den Sicherheitsbehörden aufgelöst wurde. Viele der Obdachlosen sind im Viertel geblieben, das Gebäude des BHCHP ist für sie eine zentrale Anlaufstelle. Hier bekommen sie Verpflegung, Hygieneartikel und Zugang zu medizinischen Dienstleistungen. Und sie können sich nach ihrem Drogenkonsum dort bewachen lassen, um nicht an einer Überdosis zu sterben.

SPOT nennt sich dieser Raum im Erdgeschoss des BHCHP, die Abkürzung steht für Supportive Place for Observation and Treatment (auf Deutsch: Unterstützender Ort zur Beobachtung und Behandlung). SPOT ist das erste Angebot dieser Art in den USA und im Grunde ein Kompromiss. Denn es ist das, was legal gerade so möglich ist, wenn man eigentlich lieber einen Konsumraum hätte – also einen Ort, an dem Menschen geschützt Drogen nehmen können. Bei SPOT dürfen Menschen keine Drogen nehmen, sie bekommen hier lediglich medizinische Versorgung, nachdem sie beispielsweise Fentanyl injiziert haben. Denn das „Crack House Statute“, ein Gesetz aus dem Jahr 1986, verbietet bundesweit Konsumräume. Damals wie heute befürchten Für­spre­che­r:in­nen dieses Gesetzes, dass Konsumräume Abhängigkeit nur befeuerten und die Kriminalität in der Umgebung verschlimmerten. Daten aus Ländern, in denen es seit Langem Konsumräume gibt, widerlegen diese Annahmen. Wis­sen­schaft­le­r:in­nen in Toronto fanden beispielsweise heraus, dass in Gegenden rund um Konsumräume weniger Menschen sterben. Und die Tatsache, dass seltener unter freiem Himmel injiziert wird, bedeutet, dass Spritzen so entsorgt werden können, dass sie niemanden gefährden.

„Im Gedenken an einen wunderbaren Menschen“ steht auf einem laminierten Blatt Papier, das auf einem Ampelpfahl an der Albany Street befestigt ist. Drumherum hängen Blumen. „Darling, was suchst du?“, fragt eine Frau, die in ihrem Rollstuhl neben dem Ampelpfahl sitzt, die Reporterin. Sie heißt Maria, ist um die 60, hat eingefallene Wangen, einen langen grau-schwarzen Pferdeschwanz. „SPOT, ja natürlich“, sagt sie und rollt bis zum Eingang des BHCP, deutet auf die Tür. „Das sind gute Leute“, sagt sie.

Maria meint Frauen wie Jessie ­Gaeta oder Michelle Whitaker. Die eine hat sich das Konzept von SPOT ausgedacht, die andere leitet die Einrichtung aktuell. Gaeta ist Ärztin, Whitaker Krankenschwester.

Gaeta sitzt in einem spartanischen Besprechungszimmer des BHCHP-Gebäudes und streicht sich die blonden schulterlangen Haare hinter die Ohren. Leise und mit Bedacht spricht sie über die Anfänge von SPOT im Jahr 2014, „als wir, ehrlich gesagt, ziemlich naiv an die Sache rangegangen sind“. Für die Mitarbeitenden im BHCHP war es alltäglich, dass die Menschen in der Lobby des Gebäudes, in den Wartezimmern und Toilettenräumen sediert wegkippten. „Darauf mussten wir natürlich reagieren, aber das passierte ja alles zusätzlich zu unserem Tagesgeschäft.“ Die meisten dieser Menschen hatten keine lebensbedrohliche Überdosis, brauchten also weder Naloxon noch Krankenwagen. Sondern bloß Überwachung und Sauerstoff.

„Es musste also einfach nur jemand ein paar Stunden auf sie aufpassen“, sagt Gaeta. „Aber dafür hatten wir keine Kapazitäten.“ Dann wird ihr klar, dass zwar das Personal fehlt, die Infrastruktur jedoch gegeben ist. Man müsste nur einen Konferenzraum im Erdgeschoss freiräumen, ein paar Sessel und Sauerstoffgeräte hineinstellen. Gaeta wirbt bei Stiftungen für die Idee, schnell bekommt sie genug Geld zusammen. Doch was sie nicht auf dem Zettel hat, ist der öffentliche Widerstand.

Nachdem ein lokaler Radiosender über die Pläne für SPOT berichtet, bekommt das BHCHP Dutzende Anrufe von Politikerinnen und Anwohnern, die glauben, in Boston entstehe ein Konsumraum. „Egal, wie oft ich erklärt habe, dass das nicht so ist: Die Leute sind davon nicht mehr abgerückt.“

Die SPOT-Eröffnung wird erst mal auf Eis gelegt, Gaeta und ihr Team halten stattdessen über Monate zahllose Treffen mit gewählten Vertretern aller Art, Geschäftsverbänden und Nachbarschaftsinitiativen ab. „Da haben wir dann versucht, zu entmystifizieren, was wir vorhaben. Und wir haben gelernt, wie tief verankert das Stigma wirklich ist.“

Irgendwann erhalten sie das Go all dieser Gruppen, aber unter einer Voraussetzung: Daten zu erheben. „Das war eine ziemliche Mammutaufgabe“, erinnert sich Gaeta, denn die Leute von SPOT verpflichteten sich, in einem Radius von 500 Metern alles aufzuzeichnen, was auf Drogenkonsum hinweist – von herumliegenden Spritzen bis hin zu sichtlich sedierten Menschen. 12 Wochen vor dem Start des Programms bis 12 Wochen danach. „Und dann kam heraus, dass alles gleich geblieben war, bis auf die Zahl der Menschen, die auf der Straße lagen“, sagt sie. „Denn die kamen jetzt zu uns und gingen erst, wenn sie wieder ohne Hilfe laufen konnten.“

Mit dieser Sprühpistole wird den Abhängigen Naloxon verabreicht

Um das Vertrauen der suchtkranken Menschen in der Umgebung zu gewinnen, rechnet SPOT in diesen ersten Jahren keine medizinischen Leistungen ab, das Programm ist also völlig anonym. Ein in der Obdachlosencommunity bekannter Mann, der selbst abhängig ist, führt die Bewerbungsgespräche mit den SPOT-Mitarbeitenden, „und das war echt eine meiner liebsten Dinge, die wir da am Anfang gemacht haben“, sagt Gaeta und lächelt. Der Mann habe die Be­wer­be­r:in­nen mit sehr spezifischen Szenarien konfrontiert und ein feines Gespür dafür gehabt, ob sie auch nur einen Hauch von Herablassung in sich trugen.

Mittlerweile stehen in dem keine 20 Quadratmeter großen Raum von SPOT sechs blaue Sessel und sechs Vitalzeichenmonitore, an der einen Wand Schränke mit medizinischem Material, an der anderen ein großes Whiteboard. „Pssst! Die Leute schlafen“, hat jemand in Pink darauf geschrieben, jemand anderes in Lila: „Du bist wertvoll, wir haben dich lieb.“ Und oben links in der Ecke, wieder in Pink: „DANKE an das tolle Team, ihr habt mir das Leben gerettet. Ich stehe für immer in eurer Schuld.“

Vermehrte Polizeipräsenz

Aber, sagt Gaeta, sie wolle auch nicht lügen, die ersten Wochen und Monate seien nervenaufreibend gewesen. Denn der Start von SPOT fällt in eine Zeit, in der die Menschen auf der Straße immer häufiger verschiedene Substanzen miteinander mischen, zum Beispiel Fentanyl und das Pferdebetäubungsmittel Xylazin, auch bekannt als Tranq. „Und da herauszufinden, wer genau was braucht und wer mit welcher Dringlichkeit behandelt werden muss, das war wirklich kompliziert.“

SPOT behandelt heute um die tausend Menschen im Jahr, viele von ihnen kommen täglich oder mehrmals die Woche. Genau wie bei Stephen Murrays Hotline geht es darum, eine langfristige Beziehung zu ihnen aufzubauen, sie zu akzeptieren, wie sie sind und niemals in eine bestimmte Richtung zu drängen. „Aber wenn jemand von sich aus mit dem Thema Entzug oder Therapie an uns herantritt, dann springen wir. Dann leiten wir Dinge für sie in die Wege“, sagt Gaeta. Etwa ein Viertel der Pa­ti­en­t:in­nen sei seit dem Start von SPOT in Suchtbehandlung gegangen, im Schnitt fragten die Leute ungefähr beim 13. Besuch danach. „Und das zeigt einfach nochmal, wie wichtig es ist, dass sie uns vertrauen.“

Auffällig sei auch, wie viele Frauen täglich SPOT besuchten. „Sie kommen, weil es für sie auf der Straße natürlich nochmal besonders gefährlich ist, wenn sie sediert sind.“ Es sind Frauen, die mit ihren Verletzungen niemals in die Notaufnahme gehen würden, sich dem SPOT-Team aber in einem kleinen abgetrennten Raum anvertrauen. „Wir sehen da oft wirklich grauenvolle Dinge und können ihnen dann zumindest anbieten, sie zu versorgen und auf sexuell übertragbare Krankheiten zu testen.“

Doch aktuell beobachte man bei SPOT, dass diese besonders vulnerablen Gruppen der Einrichtung fernblieben. Grund ist die vermehrte Polizeipräsenz im Viertel, Beamte patrouillieren seit einigen Wochen täglich die Bürgersteige hoch und runter, auch vor dem BHCHP. Seit die Stadt das Zeltcamp aufgelöst und den Menschen dort keine Alternative angeboten hat, halten Obdachlose sich wieder öfter in den Hauseingängen auf. „Na ja“, sagt Michelle Whitaker, die leitende Krankenschwester von SPOT, „wenn man Menschen verbietet, sich an Ort A aufzuhalten, dann gehen sie zu Ort B, das ist jetzt keine große Überraschung.“ Die Polizei schüchtere die Pa­ti­en­t:in­nen ein, die nun nur noch unregelmäßig kämen. Dabei bräuchten sie Wundversorgung und müssten ihre Medikamente nehmen, die man hier für sie lagere.

Ein Gesetz aus dem Jahr 1986 verbietet Konsumräume

Whitaker, eine Frau mit einem langen braunen Pferdeschwanz, die einen Schlüsselbund um den Hals trägt, wirkt so voller Energie, dass man keine Sekunde anzweifelt, dass sie ihre Schichten hier früher auf Rollschuhen absolvierte. Sie kam über Umwege zu ihrem heutigen Beruf. Denn die meiste Zeit ihres Lebens dachte sie, kein Blut sehen zu können. Doch als ihr Vater sehr krank wird, sagt er zu ihr: „Ich weiß, du willst Dinge verändern – mit deinem Politikwissenschaftsstudium oder was auch immer“, sie lacht, als sie das erzählt. „Aber guck dich doch mal um, diese ganzen Schwestern und Pfleger, die reißen hier wirklich was.“ Als er stirbt, macht sie also das, was man eigentlich nicht tun sollte: in großer Trauer eine lebensverändernde Entscheidung treffen. „Aber den Gedanken, als Krankenschwester wirklich soziale Gerechtigkeit praktizieren zu können, bin ich nicht mehr losgeworden.“

Mittlerweile schult sie auch andere angehende Me­di­zi­ne­r:in­nen im Umgang mit suchtkranken Patient:innen. „Ich spreche dabei gerne von Kundenservice“, sagt sie. Denn sich um eine Person zu kümmern, die unter Drogeneinfluss steht, kann extrem frustrierend und nervig sein, „und ich möchte dann, dass sie sich vorstellen, sie seien die persönliche Assistenz einer berühmten Person mit einem Suchtproblem, der sie in ihrem schönen Haus den ganzen Tag hinterherrennen müssen, damit sie nicht die Treppe runterfällt oder in der Badewanne ertrinkt“, sagt Whitaker. „Denn wären wir die persönlichen Assistenten eines Promis, würden wir die Person ganz bestimmt nicht beschämen, wir würden nicht die Klatschpresse rufen, sondern auf möglichst würdevolle Weise leise und effizient mit der Situation umgehen.“ Die SPOT-Pa­ti­en­t:in­nen verdienten die exakt gleiche Behandlung.

Auch wenn Whitaker das mit den Stars etwas im Scherz sagt – der Titel „persönliche Assistenz“ wäre zumindest hilfreich, um zu verschleiern, was man bei SPOT wirklich tut. Denn seit die US-Regierung die Förderung für Überdosisprävention gestrichen hat, dürfen sich die Pfle­ge­r:in­nen offiziell nicht mehr Harm-Reduction-Specialists nennen. Zwar bekam SPOT nie direkte Gelder von der Bundesbehörde für Substanzmissbrauch, andere Bereiche von BHCHP aber schon. So zum Beispiel das Anfang der Neunziger gegründete Spritzentauschprogramm nebenan. Harm Reduction aus der Jobbezeichnung zu streichen, ist bei SPOT nun eine Sicherheitsmaßnahme geworden.

An diesem Mittwochnachmittag im Herbst, kurz nach Ende der Öffnungszeiten, sind alle Pa­ti­en­t:in­nen schon weg – bis auf einen. Russell, 31 Jahre alt, roter Hoodie, bleibt jeden Tag länger, um noch ein bisschen mit aufzuräumen. „Ich mag einfach nicht, wie die Leute draußen so drauf sind“, sagt er. „Es ist dreckig. Und das macht uns allen einen schlechten Ruf.“ Deshalb räumt er auf, wischt die Sessel mit ab, hilft, den Boden zu putzen. Russell ist auf der nahegelegenen Halbinsel Cape Cod aufgewachsen, mit den Drogen hat er als Teenager angefangen: Opioide, Kokain, Gras. Auf seinem linken Augenlid ist „Game“ tätowiert, auf seinem rechten „Over!“.

Neulich waren ein paar Me­di­zin­stu­den­t:in­nen im Gebäude, Michelle Whitaker machte sie mit Russell bekannt. „Wer seid ihr?“, fragte Russell. „Wir sind M1“, sagten die Studierenden. „Was soll das heißen?“, fragte Russell. „Medizinstudierende im ersten Semester“, sagten die. „Ah, verstehe“, sagte Russell. „Ich bin S15. Auf der Straße seit 15 Jahren.“

Seit das Zeltcamp aufgelöst wurde, sei es schwer, draußen mal ein bisschen zur Ruhe zu kommen, erzählt er. „Du hast Glück, wenn du 15 Minuten dösen kannst.“ Jeden Moment komme die Polizei und hupe dich weg. SPOT sei für ihn ein sicherer Hafen, wo er einen Tee und einen Cracker bekomme, es sich im Sessel bequem machen könne. Manchmal brauche er Sauerstoff, aber am wichtigsten sei für ihn, mal wie ein Mensch behandelt zu werden. „Sie geben einem so viel mehr als nur einen Ort, an dem man sich aufhalten kann“, sagt er. „Sie machen dir Arzttermine und regeln alles für dich, wenn du in den Entzug willst.“

Streetworker in Philadelphia, 2024

Clean zu werden, sei für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. „Wenn du einmal obdachlos bist, dann bist du einfach nonstop umgeben von dem Zeug.“ Russell steht mittlerweile vor dem BHCHP-Gebäude, in der Nähe der Ampel mit den Blumen. In der Hand hält er ein Stück Salamipizza. Ein Bekannter aus der Gegend läuft an ihm vorbei und fragt, wo er das her hat. „Hier, nimm!“, sagt Russell. „Oh mein Gott, danke, Mann!“, sagt der Bekannte.

Eine Dosis Heroin erhöhe das Dopaminlevel im Gehirn so ungefähr auf das zweitausendfache des normalen. „Für mich würde es Jahre, Jahre dauern, bis sich da wieder so was wie ein Gleichgewicht einstellt im Kopf“, sagt Russell und bezieht sich damit auf das Belohnungssystem im Gehirn, das durch Drogenkonsum extrem gestört wird. Dies wieder in den Griff zu bekommen, sei eine Lebensaufgabe. Seine Lebensaufgabe. Immerhin wisse er die Menschen von SPOT an seiner Seite, wenn er sich daran wieder mal versuchen wolle.

Die Menschen, die von Frauen wie Whitaker und Gaeta betreut werden, haben aufgrund ihrer Suchterkrankung eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben als die meisten anderen Menschen. Der Tod gehöre für sie zum beruflichen Alltag dazu sagt Whitaker: „Wir müssen als Team natürlich auch Wege finden, mit unserer eigenen Trauer umzugehen.“ Bei SPOT finden deshalb regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt, für Familienangehörige und das Team.

Solche Wege sucht auch Stephen Murray, der Gründer der Safespot-Hotline. Er lädt seine Leute regelmäßig zu sich nach Hause zum Barbecue ein und nach jedem Überdosisfall gibt es eine ausführliche Nachbesprechung. Manchmal, sagt er, fühle sich sein Aktivismus an, als würde er mit bloßen Händen Wasser aus einem kaputten Boot schöpfen. Seine Lösungen für die Drogenkrise lägen so weit außerhalb der öffentlichen Debatte, dass es für ihn gar nicht so einen großen Unterschied mache, wer gerade die Regierung anführe.

„Was mich antreibt, sind die vielen Menschen, denen wir jeden Tag ein bisschen Selbstwertgefühl geben, Sicherheit und Hoffnung“, sagt Stephen Murray. Das gebe ihm Kraft, das Boot weiter vor dem Versinken zu bewahren.

Leonie Gubela, 33, ist Redakteurin der wochentaz.

Diese Recherche wurde durch das Daniel-Haufler-Stipendium der taz Panter Stiftung ermöglicht.

Quelle: CDC

Quelle: „The Lancet

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