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Ausstellung über New Yorker KunstDer Tod ist nah

Der Gropius Bau in Berlin stellt die sezierenden Aufnahmen Peter Hujars der minimalen Kunst Liz Deschenes gegenüber. Das Konzept geht auf.

Peter Hujar, Candy Darling on Her Deathbed, 1973 Foto: The Peter Hujar Archive/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Augen sind schon lange aus dem Schädel verschwunden, der, das Kinn auf die Brust gekippt, mit Rosen gekrönt und Spitze bedeckt, durch die Scheibe eines gläsernen Sargs zu erkennen ist. Seit Jahrhunderten gebettet auf weißem Chiffon, leuchten die Gebeine der unbekannten Toten als heller Bildmittelpunkt in dem dunklen Abzug, aufgenommen von Peter Hujar, 1963 in der Kapuzinergruft Palermos, die er gemeinsam mit seinem damaligen Partner, dem Künstler Paul Thek, auf einer Italienreise besuchte.

Peter Hujar, Liz Deschenes:Persistence of Vision“ Gropius Bau, Berlin, bis 28. Juni

Der katholisch aufgewachsene Hujar machte viele Aufnahmen der aufgebahrten Skelette. Später kann man über den Fotografen lesen, dort hätte seine Faszination für den Tod begonnen, die in vielen seiner Bilder als stille Antizipation spürbar ist: So werden wir alle enden. In der aktuellen Ausstellung „Persistence of Vision“ im Berliner Gropius Bau von Peter Hujar und Liz Deschenes kann man dies in bedrückender Deutlichkeit betrachten.

Dort leuchtet auch „Candy Darling on Her Death Bed“ von 1973 mit weißer Haut auf weißen Laken inmitten des dunklen Krankenhausraums, bewacht von gefüllten Chrysanthemen. Die Haut spannt sich über die mageren Glieder, der Kopf ist gesenkt, die glamourös geschminkten Augen blicken direkt aus dem Bild heraus. Gerade mal 29 Jahre alt ist die Schauspielerin und Muse Andy Warhols auf den Fotos. Darling stirbt an einem Lymphom. Hujar hält sie fest mit trotzigem Blick und sinnlicher Pose: Es ist das Mädchen selbst, das hier den Tod verführt.

Liz Deschenes, Untitled (Claude Glass 1), 2023 Foto: Courtesy of Liz Deschenes and Miguel Abreu Gallery, New York, Foto: Stephen Faught

1934 als Sohn ukrainischer Einwanderer in New Jersey geboren, wächst Hujar bei seinen Großeltern auf. Als die Großmutter stirbt, zieht er als Zwölfjähriger zur Mutter und ihrem zweiten Ehemann nach Manhattan. Schon in jungen Jahren beginnt er zu fotografieren, seine Mutter, und auch Tiere, ein Sujet, das ihn zeitlebens begleiten wird. Anfang der 1950er Jahre besucht er eine Schule für Kunst und Design, arbeitet in einem Buchladen, bewegt sich immer mehr in der Bohème von East Village und Lower Manhattan.

Der Junge, der nie blinzelt

Zeitweise gehört Peter Hujar wie Candy Darling zur Factory-Szene um Andy Warhol. „The boy who never blinks“ tauft der Pop-Künstler den jungen Fotografen. Warhols vierminütiger „Screentest“ Hujars, der die Schau eröffnet, erbringt den Beweis: Der junge Hujar blickt darauf direkt in die Kamera, fast unbewegt in der verlangsamten Filmaufnahme, nur selten schließen sich die Augen zum Blinzeln. Hypnotisiert starrt man in das Gesicht des jungen Mannes, bis sich die Schatten auf dem Schädel in abstrakte Rorschach-Tests verwandeln.

Peter Hujar, David Wojnarowicz (Hand Touching Eye), 1981 Foto: The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Und als hätte man in dieser kleinen Übung des konzentrierten Schauens seinen Blick für die Zusammenhänge des Visuellen geschärft, fügen sich die abstrakt gestreiften Fotogramme der New Yorkerin Liz Deschenes, auf die man hinter der Projektion trifft, absurd glatt in den Raum ein. Dichte, schmale Streifen voll tief bewegtem Braungrau reihen sich an den Wänden des Ausstellungsraums, in ihrer uneindeutigen Materialität und Farbe seltsam harmonierend mit den semitransparenten Rollos vor den Fenstern und den Negativräumen der Heizkörperverkleidung.

Auch die knapp dreißig Jahre jüngere Deschenes lebt in New York. Die von Eva Respini kuratierte Gegenüberstellung Deschenes zeitgenössischer post-konzeptioneller Fotografien und minimalen Skulpturen mit Hujars Portraits, seinen Tieren, Landschaften und Architekturen, bekommt den historischen Aufnahmen. Deschenes Werke unterstreichen die totale Abwesenheit des Kitschs.

Der katholisch aufgewachsene Hujar machte viele Aufnahmen aufgebahrter Skelette. So soll seine Faszination für den Tod begonnen haben.

Besonders deutlich wird das in ihren Werken aus Claude-Glass, einem polierten schwarzen Stein, der im 17. Jahrhundert zur farbentsättigten Spiegelung der Natur von Landschaftsmalern verwendet wurde. Im Gropius Bau spiegelt sich der minimale Raum mit den Betrachtenden darin im kühl glänzenden Stein, dessen begehrenswerte Textur die Dichte des Materials an sich betont. Wie Hujar zeigt auch Deschenes schlicht, was ist.

Peter Hujar, Self-Portrait (I) Jumping, 1974 Foto: The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Viele haben nicht überlebt

Hujars Material sind seine Motive. Während die Zeitgenossin Diane Arbus, deren Bilder zuvor in den gleichen Räumen in einer kompliziert-irritierenden Installation ausgestellt waren, mit zärtlichem Blick Unbekannte und Außenseiter einfing, ist Hujars Bildsprache von hoher technischer Präzision und sezierendem Blick geprägt. Deutlich wird dies beispielsweise an seinen exakt inszenierten Selbstportrait „Im Sprung“ von 1974: Einmal mit und einmal ohne Hemd, in akkurater Pose. Hujar blickt mit Ernsthaftigkeit in die Kamera, die Hand zum ironischen Gruß an die Stirn gelegt.

Lange kann man vor diesen beiden Bildern stehen bleiben, das Brusthaar betrachten, die Jeans, die Clogs, das um Schatten verschwimmende New Yorker Apartment im Hintergrund. Seine radikale Neugier richtet Hujar auch auf sich selbst. Die darin deutlich werdende Kompromisslosigkeit seiner Kunst, die er in einer Meisterklasse Richard Avedons gelernt haben soll, bringt ihm geringen Erfolg zu Lebzeiten, dafür große Bewunderung, auch bei jüngeren Künst­le­r:in­nen wie Nan Goldin und David Wojnarowicz, mit dem Hujar eine kurze Liebesbeziehung und eine lebenslange Freundschaft verband.

So wie Portraits seines zeitweiligen Lebensgefährten Paul Theks finden sich auch anrührende Aufnahmen Wojnarowicz' in der Ausstellung. Da sind Fotos der Autorinnen Susan Sontag und Fran Lebowitz, William S. Burroughs und Sheryl Suttons, Bill Elliotts und Charles Ludlams und viele andere. Fast alle sind mittlerweile verstorben. Viele von ihnen, so wie Hujar selbst, an den Folgen von AIDS. Und so liegt in der retrospektiven Betrachtung der geduldigen Bilder Hujars auch immer das gesellschaftliche Versagen im Angesicht der Epidemie offen. Wie in einem gläsernen Sarg.

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