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Mit gezielter Desinformation nagt Russland an der gesellschaftlichen Solidarität mit der Ukraine. Die Auswirkungen bekommen Ukrai­ne­r:in­nen in Berlin direkt zu spüren

Parolen für und gegen die Unterstützung der Ukraine Foto: Uwe Rada

Von Maria Dybcio

Vladyslava Vorobiova lebt seit 2017 in Berlin. Seitdem hat sich die Stimmung gegenüber Menschen aus der Ukraine gleich mehrmals verändert – von Gleichgültigkeit über großen Enthusiasmus bis zu stiller Unterstützung – und manchmal sogar offener Abneigung. Unlängst hat sie allerdings an einer Mauer etwas gelesen, was sie nicht mehr loslässt: „Das ist nicht unser Krieg“. Die Parole gegen die Unterstützung der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg ist nämlich nicht nur eine Meinung. Sie ist auch Teil des russischen Informationskriegs.

Vorobiova ist eine der Gründerinnen von Vitsche, einer Organisation, die Ukrainerinnen und Ukrainer in Berlin unterstützt und sich für eine freie Ukraine einsetzt. Die Aktivistin beobachtet, wie die Solidarität mit der Ukraine bröckelt. „Mit der Zeit sind andere innen- und außenpolitische Themen stärker in den Vordergrund gerückt und haben die Aufmerksamkeit vom russischen Krieg in der Ukraine weg verschoben.“, sagt sie. „Viele Menschen sind der Meinung, dass sie der Krieg nicht direkt betrifft.“

Eine grobe Fehleinschätzung, findet Vorobiova. „Die Ukraine verteidigt nicht nur ihr Land, sie schützt auch Europa“, sagt sie. „In Deutschland haben gerade viele Panik wegen der Wehrpflicht, was verständlich ist, weil der Krieg etwas Entsetzliches ist. Auf der anderen Seite wissen wir, dass das Leben in einem freien Land ein goßes Privileg ist.“

Der Stimmungsumschwung fordert inzwischen auch Opfer. Im Juni 2025 wurde in Charlottenburg ein Ukrainer mit einem Messer angegriffen. Er sagt, dass die Angreifer gehört hätten, wie er auf Ukrainisch etwas zu seinem Hund gesagt hätte. Sie hätten ihn nach seiner Nationalität gefragt, und als er antwortete, er sei Ukrainer, wurde er attackiert. „Ich habe von vielen Fällen gehört, bei denen Ukrainer verbal angegroffen wurden und als Faschisten beschimpft wurden, nur weil sie Ukrainisch sprachen“, sagt Vladyslava Vorobiova.

Unterdessen nimmt die russische Propagandamaschine nicht nur Einfluss auf die deutsche Unterstützung der Ukraine an der Front. Sie konzentriert sich auch auf die Ukrainer, die in Deutschland leben – mit Folgen für ihr Alltagsleben.

Propaganda gleich um die Ecke

Eine Stunde Zugfahrt vom Büro von Vitsche entfernt, zeigt sich die Parole „Das ist nicht unser Krieg“ im brandenburgischen Erkner nicht nur in Gestalt von Graffiti, sondern eines Woche für Woche stattfindenden Rituals. Jeden Montagabend mobilisiert eine Bürgerinitiative zum Marsch durch die Straßen der Kleinstadt. Die Demonstranten tragen Transparente mit Friedenstauben, russische Flaggen, Plakate Parolen gegen die Nato. Neben den Friedenstauben und den Forderungen nach einem Ende der Gewalt sind auch die Parolen von Impfgegnern zu hören sowie jene der „Opas für Rechts“.

Für Dietmar Pichler, einen österreichischen Experten für Desinformation im deutschsprachigen Raum, sind diese Verbindungen kein Zufall. Er weist darauf hin, dass das Thema Frieden seit Jahrzehnten zum Vokabular Moskaus und seiner Verbündeten gehört. Schon zu Zeiten des Kalten Kriegs hätten die DDR-Staatssicherheit und der KGB Friedensbewegungen unterstützt, die nicht selten unter dem Deckmantel des Pazifismus prorussische Stimmungen in Westeuropa verstärkt haben. „Es geht dabei nicht um die Forderung nach Frieden an sich, das ist nicht das Problem“, sagt Pichler. „Das Problem beginnt, wenn damit gemeint ist, dass sich die Ukraine nicht wehren soll. Das dient nichts anderem als dem Interesse des Aggressors.“

Pichler hat inzwischen mehr als hundert Interviews mit Ukrainerinnen und Ukrainern geführt, die im Ausland leben – und alle von ihnen sind in Kontakt mit russischer Desinformation gekommen. Die Themen der Desinformation sind dabei sehr unterschiedlich. Pichler nennt drei, die ihm besonders häufig aufgefallen sind. Das erste betrifft die Nato als Bündnis, das Russland provoziert habe und damit für den Krieg verantwortlich sei. Das zweite beschäftigt sich mit angeblichen Repressionen gegen die russischsprachige Bevölkerung der Ukraine, die als nationalistischer und repressiver Staat dargestellt wird. Die dritte Erzählung lautet, dass die Ukraine zu korrupt sei, um Hilfe aus Europa bekommen zu können. „Die Rede von der Korruption in der Ukraine steht womöglich im Zusammenhang mit der Debatte um ihre Zukunft in der Europäischen Union“, sagt Pichler. „Wenn sie aber dazu führt, die Invasion zu bagatellisieren oder die Hilfe einzuschränken, ist es ganz einfach russische Propaganda.“

Nicht nur Russland

Russland ist ein Meister des Informationskriegs geworden und führt Desinformationskampagnen inzwischen an vielen Fronten durch. Schnell verbreiten sich die Inhalte in den sozialen Medien, durch Fakeaccounts oder ein Netz von Trollen und Bots, die die einen Beiträge verstärken und andere verdrängen.

Dietmar Pichler betont allerdings, dass viele der einschlägigen Narrative bereits im deutschen Diskurs angelegt sind. Die russischen Aktivitäten verstärken dabei die Emotionen, verknüpfen die Narrative und schaffen aus ihnen eine schlüssige Erzählung – etwa dass „Russland unser Freund ist“ und „ein Teil Europas bleiben muss“.

Die Desinformation stammt nicht nur von Trollfarmen, die irgendwo in Russland liegen. Dietmar Pichler betont, dass die Realität viel beklemmender ist. „Die Leute lieben es, über Trollfarmen und Bots zu reden, doch das viel größere Problem ist die Propaganda im wirklichen Leben, von realen Menschen verbreitet: Akademiker, Journalisten, die Aktivisten der Friedensbewegung, kirchliche Gruppen“, sagt er. „In Westeuropa sind viele Einflussagenten aktiv und ebenso viele nützliche Idioten, die die Propaganda verbreiten.“

Pichler hat auch festgestellt, dass die extreme Rechte in Deutschland die Ukrainer als Sozialleistungsbetrüger brandmarkt, die gleichzeitig teure Autos fahren. Dazu kommt die Bewunderung Wladimir Putins als entschlossenem Führer. Auf der anderen Seite steht ein Teil der Linken, die in der Sprache des Antiimperialismus und Antikolonialismus das Geschäft Russlands betreibt.

Eine Ausnahme sind die Grünen. Anfang der achtziger Jahre war die damals linksalternative Partei ein wichtiger Teil der Friedensbewegung. Inzwischen verteidigen sie das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung. Aus genau diesem Grund sind auch die Grünen zum Ziel einer Desinformationskampagne geworden. 2024 etwa kam es in einigen deutschen Städten, darunter Berlin, zu einer Welle von Sachbeschädigungen an Autos. An mindestens 270 Fahrzeugen wurde Schaum in den Auspuff gesprüht. An den Autos wurden Aufkleber mit der Aufschrift „Sei Grüner“ und ein Konterfei des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck hinterlassen. Obwohl zunächst vermutet wurde, dass hinter der Aktion Umweltaktivisten stecken, schlossen Ermittler auch nicht aus, dass russische Einflussagenten dahinterstecken.

Das Russische Haus in Berlin

Nach der russischen Invasion in der Ukraine wurden viele russische Kulturaktivitäten in Berlin eingefroren. Manche Institutionen aber sind bis heute aktiv. Eine von ihnen ist das Russische Haus, ein von der staatlichen Agentur Rossotrudnitschestwo betriebenes Kulturzentrum. Die Agentur unterliegt seit 2022 den Sanktionen der Europäischen Union.

Am 9. Dezember hat das Russische Haus eine Weihnachtsfeier organisiert. Das Haus in der Friedrichstraße war festlich mit einem Weihnachtsbaum geschmückt, mit goldenen Leuchten, Kunstschnee – alles unter Polizeischutz.

Nach Ansicht von Vitsche ist das Gebäude kein harmloser Ort für Sprachkurse, Filmabende oder Ausstellungen. Vielmehr stehe es für die Ausweitung der Softpower des Kreml. In einer Erklärung bezeichnete die Organisation das Russische Haus als ideologische, politische und logistische Plattform, die den Plänen Moskaus zur Destabilisierung des Westens diene. Dort fänden regelmäßig Treffen Rechtsradikaler und prorussischer Aktivsten statt.

Während der Weihnachtsfeier gab es vor dem Russischen Haus keine größere Demonstration. Nur ein paar ukrainische Aktivisten haben sich eingefunden. In Berlin, das für seine Demos und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten bekannt ist, fällt auf, wie wenig Unterstützung die Ukraine inzwischen bekommt. „Berlin hat eine Unzahl an zivilgesellschaftlichen Aktivitäten“, sagt Dietmar Pichler, „aber wenn es um die Ukraine geht, ist von dieser Energie nicht mehr viel geblieben.“

Jeden Tag durchhalten

Für die Ukrainer in Berlin besteht der Alltag nicht nur darin, sich gegen die russische Desinformation zur Wehr zu setzen, sondern auch mit den Schwierigkeiten auf dem Weg zur Integration umzugehen.

Die Ukraine verteidigt nicht nur ihr Land, sie schützt auch Europa

Vladyslava Vorobiova, Vitsche

Vladyslava Vorobiova meint, dass sich einige Dinge in Deutschland ändern müssten, damit sich die Ukrainer im Land sicher und integriert fühlen können. Ihr Rechtsstatus muss stabil bleiben, Abschlüsse müssen anerkannt und Hilfsorganisationen sollten finanziell unterstützt werden. Viele von ihnen haben derzeit mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen.

Statt sich um die Hilfe für Bedürftige zu kümmern, um medizinisches Gerät oder Generatoren, müssen die Organisationen Crowdfunding-Kapagnen starten, um die Miete zahlen zu können“, sagt Vorobiova. „Es ist nicht einfach Hilfe zu leisten, wenn die Parolen, dass die Migranten den Deutschen zur Last fallen, immer lauter werden.“

„Die Abwehr von Desinformation ist mehr als die Einführung rechtlicher Regeln, auch wenn diese unerlässlich sind“, sagt Dietmar Pichler. Trollfabriken zu behindern, bekämpfe das Problem nicht an der Wurzeil. Wichtig seien deshalb Bildungsprojekte zum Thema russischer Imperialismus, der Geschichte der Sowjetunion und eine kritische Betrachtung der Rolle Russlands in Europa. Vladyslava Vorobiova glaubt, dass in Deutschland nicht mehr länger die Sowjetunion ausschließlich mit Russland gleichgesetzt werden dürfe. Das habe zur Folge, dass die leidvollen Erfahrungen der anderen Nationen, unter ihnen der Ukraine, ignoriert werden.

„Die Parole, dass der Krieg in der Ukraine nicht unser Krieg sei, ist besonders gefährlich“, meint Dietmar Pichler. „Sie dient der Entsolidarisierung mit der Ukraine. Aber diese Krieg wird so lange dauern, solange sich die Ukraine für uns, die europäische Gemeinschaft entscheidet, und nicht für Moskau.“

Aus dem Polnischen von Uwe Rada Maria Dybcio

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