Der Hausbesuch: Elternliebe macht stark
Ihren Glauben hat sie von einer Nonne, ihr Selbstbewusstsein von ihren Adoptiveltern, ihre Karriere ist selbst gemacht. Zu Besuch bei Dorothea Böhm.
Dorothea Böhm ist ein Familienmensch. Dabei war es nicht selbstverständlich, dass sie eine hat, denn sie startete ihr Leben ohne Wurzeln. Doch reichlich Liebe ließ sie wachsen.
Draußen: In einer Wohngegend im Westen von München reihen sich Neubauten mit weißen Fassaden an ältere Häuser mit verwilderten Vorgärten. Ordentlich stehen am Dienstagmorgen die braunen Biotonnen am Straßenrand. Dorothea Böhm wohnt in einer Doppelhaushälfte, von ihrem Garten sieht sie ihr Elternhaus. Am Mäuerchen zu ihrem Grundstück wachsen Flechten, unter dem Vordach ihrer Haustür sitzt neben Fahrrädern ein großer Teddybär.
Drinnen: Wenn Minimalismus heißt, sich schlicht einzurichten, dann ist Böhms Zuhause maximalistisch. Auf den Tischen liegen Zeichnungen, geöffnete Briefe, Bücher. An den Wänden hängen Bilder von Böhm mit Papst Franziskus. Auf der Fensterbank im Wohnzimmer sitzen Schwarze Puppen neben Nippes und einer Büste von Böhms verstorbenem Vater. So lebendig wie die Einrichtung ist auch Dorothea Böhm. Sie spricht laut und schnell und kommt von einem Thema zum nächsten. Für das Treffen hat sie sich schick gemacht, trägt Rock und Blazer.
Im Waisenhaus: Erinnerungen und Gegenstände geben Dorothea Böhm ein Gefühl von Heimat. Sie sei ein „entwurzelter Mensch“ gewesen, das komme aus der Zeit im Waisenhaus. 1959 wird Böhm in Köln geboren, ihre Mutter gibt sie nach der Entbindung ins Waisenhaus. Böhms leibliche Eltern sind Studierende, die Mutter kommt aus Griechenland, der Vater aus Nigeria. Im Waisenhaus ist ein Mensch Böhm besonders nah: Säuglingsschwester Leni. Sie tauft das Mädchen auf den Namen Dorothea und geht mit ihr spazieren, obwohl es „verboten war, mit den Schwarzen Kindern rauszugehen“. Böhm bleibt mit Schwester Leni ein Leben lang in Kontakt, die beiden schreiben sich Briefe und besuchen sich. „Die Leni hat mir ihre ganze Liebe gegeben.“
Die Böhms: Als Dorothea Böhm anderthalb Jahre alt ist, kommen Paul und Ehefrau Roswitha Böhm in Begleitung von Roswithas Bruder ins Waisenhaus. Die Böhms wollen ein Kind adoptieren. „Der Direktor hat zu ihnen gesagt: ‚Ich habe viele Kinder, aber nur eins, das zu Ihnen passt.‘“ Aber das Kind sei Schwarz. „‚Och‘, hat meine Mutter zunächst gesagt, ‚auch das noch!‘“ Als die Böhms sie dann sahen, seien sie sofort verliebt gewesen. Ihr Onkel hätte sie adoptiert, wenn es ihre Eltern nicht getan hätten. Auch wenn Böhm die Geschichte nur aus der Erzählung ihrer Eltern kennt, spricht sie voller Stolz darüber.
Kindheit: Böhm wächst in einer akademischen Familie in Köln-Marienburg auf. Als ihr Vater eine Stelle als Chefarzt für Innere Medizin in München bekommt, zieht die Familie um. Mit dem Ortswechsel ändert sich der Umgang mit den Böhms. Ihre Mutter wird mit Schwarzem Kind in der Metzgerei fast nicht bedient. Dorothea Böhm wird von anderen Kindern beim Spielen ausgegrenzt. „Das war purer Rassismus.“ Ihre Eltern seien immer an ihrer Seite gewesen. „Die haben mir ein starkes Selbstbewusstsein gegeben.“
Identifikation: Lange kennt Böhm bis auf ihren Klavierlehrer keine Schwarzen Personen. Einmal bringt ihr ein Bekannter ihrer Eltern ein Kinderbuch über einen afrikanischen Jungen mit. „Das fand ich toll, weil der aussah wie ich.“ Heute sammelt Böhm Schwarze Puppen und Abbildungen des „Sarotti-Mohren“. „Ich habe die wahrscheinlich größte Sammlung nach der Firma Sarotti selbst.“ Stört sie sich nicht an dem kolonialrassistischen Hintergrund der Figur? „Der Mohr ist ein Maure, ein Schwarzer Mensch, der König und Magier ist.“ Er sei weise, klug und wohlhabend. Damit kann Böhm sich identifizieren. Die Bestrebungen zur Umbenennung von Mohrenapotheken und Mohrenstraßen hält sie für falsch. Dahinter stecke, „dass man nicht mehr Schwarz sein darf“.
Glaube: Von Schwester Leni bekommt Dorothea Böhm ihren Namen und den katholischen Glauben. Böhm geht regelmäßig in die Kirche und pilgert nach Rom. Als Vorstand im Bund katholischer Unternehmer wurde sie Mitglied in einer päpstlichen Stiftung und so schließlich „Dame im Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. Der Orden setzt sich für die Christen im Heiligen Land ein. Acht Mal hat Böhm Papst Franziskus getroffen, darauf ist sie stolz. Sie ist erleichtert, dass mit Papst Leo XIV. wieder ein liberaler Papst Oberhaupt der katholischen Kirche ist. Der Glaube gebe ihr den Halt, „ein gutes Leben zu führen und die Gewissheit, dass es nach dem Tod nicht vorbei ist“.
Beratung: Nach dem Abitur studiert Böhm an der LMU in München Psychologie und schließt 1984 mit Diplom ab. Dann geht sie für die psychologische Denkfabrik Intelligenz System Transfer nach Paris. In Frankreich etabliert sie sich als psychologische Beraterin und spezialisiert sich auf Eignungsdiagnostik. Sie wird schwanger und zieht zurück nach München. In der Beratung trifft sie viele Menschen, die unglücklich in ihrem Beruf sind. „Wenn die als Jugendliche schon gelernt hätten, was zu ihnen passt, dann wären die in ihrem Job viel besser.“ 1994 gründet Dorothea Böhm ihre Karriereberatung für Jugendliche, Junior Career Coaching. Sie hilft jungen Menschen, ihre Stärken und Schwächen zu finden und so eine geeignete Studien- und Berufswahl zu treffen. Ein Tag mit ihr kostet so viel wie ein kleiner Urlaub. „Für die Zukunft seiner Kinder muss man eben was investieren.“
Aufbruch: Neben der Karriere zieht Dorothea Böhm zwei Kinder groß: Paul und Florentine. Beide Kinder hat sie zusammen mit ihrem Ex-Partner, Diplompsychologe und Gründer der Denkfabrik. Nach langer Beziehungskrise entscheidet sich Böhm für die Trennung. „Ich habe meine Freundinnen geholt, Klaviertransport, Küchentransport und einen Lieferwagen bestellt und bin innerhalb von 24 Stunden ausgezogen.“ Die beiden Kinder, damals sieben und neun Jahre alt, nimmt sie mit. Böhm mietet das Haus nah bei ihren Eltern, in dem sie heute noch wohnt.
Der Vater: Mit ihrem Vater hatte Böhm eine innige Beziehung. Als er mit 99 Jahren nach einem Sturz im Krankenhaus lag, hätten alle gesagt, er würde sterben. Sie habe zu ihm gesagt: „Vater, lass dir nicht mal im Traum einfallen, jetzt zu gehen. Ich brauche dich, ich will nicht wieder Waisenkind werden.“ Es wirkt, ihr Vater erholt sich. Mit ihren Eltern fährt Böhm sogar zum 100. Geburtstag des jüngeren Bruders ihres Vaters nach Köln. Vor vier Jahren, hochbetagt mit 103 Jahren, stirbt Paul Böhm. Wenn Dorothea Böhm von ihm erzählt, spürt man die Liebe. Und manchmal klingt es so, als würde ihr Vater noch leben.
Die Mutter: Böhms Mutter ist 101 Jahre alt, gebrechlich und fast blind. Die Pflege übernimmt geschultes Personal, Böhm ist für das Organisatorische und das Emotionale zuständig. Jeden Tag ist sie bei ihrer Mutter und singt mit ihr die Lieder der Kindheit. „‚Einmal am Rhein‘ ist Mamas Lieblingslied.“ Manchmal erkennt Böhms Mutter ihre Tochter nicht. „Dann bin ich ihre Schwester oder ihre Mutter, aber man muss das mit Liebe nehmen.“ Ihre Mutter habe ihr so viel geschenkt, das wolle sie zurückgeben. „Wenn sie nur eine Stunde am Tag glücklich ist, dann ist das Leben viel wert.“
Alter: Ob sie selbst mal so alt werden wird? Böhm glaubt es nicht. Sie treibe zu wenig Sport und habe zu viel Stress. Und sie hat einen Deal mit ihrem Vater geschlossen: „Jedes Jahr, das du länger lebst, verzichte ich auf zehn Jahre.“ An Rente denkt sie nicht. „Ich werde wahrscheinlich arbeitend sterben.“
Ihr Platz: Dorothea Böhm hat Karriere gemacht, zwei Kinder großgezogen und lebt in einem großen Haus. Als Erwachsene hat sie ihre leibliche Mutter ausfindig gemacht und einmal mit ihr telefoniert. Da habe sie viel über ihre Herkunft erfahren. Ihre Mutter habe sie gefragt, was ihr leiblicher Vater heute mache. „Die beiden hatten wohl nie wieder Kontakt.“ Ihre Eltern und ihre Familie, das sind die Böhms. Dorothea Böhm sagt, dass sie ihren Platz in der Welt gefunden habe. „Und das, obwohl ich mitnichten gewollt war.“ Sie habe lange gesucht. „Und auf Gott vertraut.“
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