Der Hausbesuch: Sie ist, wer sie sein will

Die Schriftstellerin Priya Basil will Dinge stets aus neuen Perspektiven sehen. Das gilt auch für die Geschichte ihrer Familie.

Priya Basil sitzt auf einem Tisch

Regale voller Bücher, viele von Frauen: Priya Basil in ihrer Wohnung Foto: Heike Steiweg

Priya Basil sagt, jede kann aufsaugen, was sie will, und sein, wer sie will. Zu Besuch bei einer Autorin, die versucht, sich von ihren Prägungen zu befreien.

Draußen: Eine ruhige Gegend in Berlin-Mitte. Eine Frau nimmt ein Kind an die Hand, das schreit. Ein Mann, vielleicht der Vater, schiebt den Kinderwagen. Ein echter Frühlingstag. Die ersten Menschen laufen im T-Shirt rum. Priya Basil öffnet, fragt: „Wie geht’s?“ und bietet das Du an.

Drinnen: Regale voller Bücher, viele von Frauen. Basil zeigt eine Ausgabe der Modezeitschrift Vogue, in der auch sie abgebildet ist. Es grüßt Matti, Basils Mann. Seit 2010 wohnen sie in der Wohnung. Und sie wollen nicht weg – wegen der Nachbarinnen und Nachbarn, sagt Basil. „Freunde sind wichtig“, sagt ihr Mann.

Im Garten: Überall weiße Blüten, die vom Baum fallen. Das Gespräch findet wegen der Pandemie draußen statt. Basil stellt einen Tisch ins Gras, darauf: Muffins und Marzipan. „Ich bin damit aufgewachsen, dass niemand als Gast kommen und ohne Essen wieder gehen kann“, sagt sie.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Die Maximen: Eine gute Gastgeberin sein – in ihrer Familie war das wichtig. Der Mutter, „Mitgründerin einer Benimmschule“, ging es darum, alles perfekt und den anderen recht zu machen. Ihre Großmutter Mumji wiederum wollte gelobt werden – und in der Küche zugleich so etwas ausüben wie Macht. „Die Küche war das Feld, wo sie wirklich geherrscht hat. Man musste immer mehr essen, als man will.“ Diese Haltungen der Frauen hätten sie geprägt. Wichtig sei es aber, nichts nachzuahmen, sondern „herauszutreten und etwas anders zu sehen“. Basil hat Gastfreundschaft als politische und soziale Idee untersucht und darüber ein Buch geschrieben. Es heißt „Gastfreundschaft“. Das Wort „bedeutet für mich, offen zu sein für das, was kommt.“ Das ist auch ihre persönliche Maxime. Sie übt sich stetig darin, Dinge aus verändertem Blickwinkel zu sehen.

Kosmopolitin: 1977 wurde sie in London geboren – als Kind indischer Eltern. Als sie ein Jahr alt war, zog die Familie nach Kenia. Sie führten ein Leben zwischen England und der indischen Sikh-Community in Nairobi. Als das ostafrikanische Land noch britische Kolonie war, sind viele von Indien dorthin gezogen, um für die Kolonialregierung zu arbeiten. So auch ihre Großeltern.

Komplizin: Ihre Familie habe sich in einer „sonderbaren Situation“ befunden: Als Inder waren sie Kolonialisierte, als indischstämmige Briten Kolonialisten. Basil spricht von „Komplizenschaft“. Bei ihrer Großmutter sei es viel um Hautfarbe gegangen, darum, dass ihr Basils Mutter zu dunkel sei. Basil spricht von einer „Hierarchie der Schönheit“, sagt: „Sie war vom kolonialen Erbe geprägt.“

Bildung: Mit 16 Jahren ging Basil auf ein Internat in England. Über Kolonialismus habe sie dort kaum etwas gelernt, mehr über den Holocaust. Studiert hat sie danach englische Literatur in Bristol. „Vieles, was ich in meinem Leben gelesen habe, war eurozentrisch und männlich.“

Wege: Nach dem Studium arbeitete sie zunächst in der Werbebranche. „Es ist für mich erstaunlich, dass ich mich für diese Branche entschieden habe“, sagt sie. „Ich dachte, es ist kreativ und ich würde gut verdienen, aber es war so oberflächlich.“ Sie brach aus, der Umzug nach Berlin machte es leicht.

Liebe: Matti lernte sie im Italienurlaub kennen. Ein Deutscher, zwölf Jahre älter, nicht indisch, er war geschieden. Basil erzählt, dass die Familie mit ihm zunächst nicht einverstanden war. Basil wuchs in der indischen Community in Kenia mit traditionellen Familien- und Rollenbildern auf – und mit vielen Religionen. Die indische Community sei vielfältig gewesen, ihre beste Freundin war Muslimin. Zugleich gab es Spannungen. „Es gab eine Nähe und gleichzeitig Distanz“, sagt Basil. „Meine Eltern haben gesagt, du kannst niemals einen Muslim oder einen Weißen oder Schwarzen heiraten.“

Schriftstellerin: Ihr erster Roman handelt von einem Familiengeheimnis, einem unehelichen Kind. Auch ihre Großmutter hat eine uneheliche Tochter – und hielt das geheim. „Die Frauen in unserer Familie konnten nicht solidarisch miteinander sein“, sagt Basil. „Das Bedürfnis, das Gesicht nicht zu verlieren, war wichtiger, als sich zu unterstützen in einem patriarchalen System.“

Erinnerung: In Deutschland habe sie begonnen, sich über Kolonialismus und Erinnerungskultur stärker Gedanken zu machen – ausgehend von der Sichtbarkeit des Holocausts im Berliner Stadtbild. Sie begann auch, ihr Leseverhalten zu ändern, las viele Übersetzungen. Und: „In den letzten Jahren habe ich versucht, nur Bücher von Frauen zu lesen.“

Eine Hand greift in Stoff

Text und Textil haben etwas gemeinsam meint Priya Basil Foto: Heike Steiweg

Vorbild: Basil gefällt die Vorstellung, „dass man beim Denken und Handeln mit anderen sich selbst entdeckt“. Inspiriert hat sie vor allem die Idee der Pluralität von Hannah Arendt und deren damit verknüpfte Vorstellung von Macht, die durch das Zusammenkommen vieler entsteht. Basil sagt: „Das hat mich wirklich verlockt.“

Textil: Auch beim Schreiben gehe es ihr um „die Macht der vielen Stimmen“, die zusammenkommen. Basil spricht davon, dass Text und Textil etwas gemeinsam haben: „Die Idee der Vielstimmigkeit, dass Dinge verwoben sind.“ Basil verknüpft Theoretisches gern mit dem Alltäglichen, dem Persönlichen, dem Hadern mit ihrem Umfeld und den Kämpfen mit sich selbst. So auch in ihrem neuen Buch „Im Wir und Jetzt. Feministin werden“.

Vogue: Solidarität unter Frauen erlebte sie während eines Projektes für die Vogue. Gemeinsam mit anderen aus der gemeinnützigen Organisation „Wir machen das“ gestaltete sie eine Ausgabe der Modezeitschrift. Basil setzte sich mit der Beziehung zu Kleidung auseinander. „Es war die Bereitschaft, in dieses Kraftfeld des Kapitalismus, des Sexismus, des Rassismus zu treten und zu versuchen, dem zu widerstehen und daraus etwas anderes zu machen.“ Da war sie wieder, die Macht der Vielen, von der ­Arendt spricht. „Ich habe seitdem weniger Angst, allein zu sein.“ Das klinge wie ein Widerspruch, sei aber keiner. Gemeinschaft ist ihr wichtig – und politisches Engagement. Darum hat sie auch die Vereinigung Authors for Peace gegründet: „Ich dachte, wenn ich etwas mit anderen tue, wird es wirksamer sein.“

Alt werden: Die Angst vor der Einsamkeit macht Basil zu schaffen. Sie fürchtet sich davor, alleine alt zu werden, weil ihr Mann älter ist. Basil geht davon aus, dass sie ihn überlebt. „Ich denke fast jeden Tag darüber nach, weil meine Mutter alleine lebt.“ Ihre Eltern sind geschieden. Während ihre Großmutter in einer Ehe verharrt sei, die sie nicht glücklich machte, habe ihre Mutter den Mut aufgebracht, sich zu trennen. Basils Geschwister leben verstreut, der Bruder in Kenia, die Schwester in Australien. Die Mutter esse allein „mit Geräuschen vom Fernseher“.

Glück: Basil entschied mit 30, keine Kinder zu bekommen. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das brauche“, sie sei zufrieden, wenn sie schreiben kann und Freundschaften habe. Ihre Großmutter habe dafür kein Verständnis. „Sie kann sich nicht vorstellen, dass jemand ein Leben ohne Kinder hat und dennoch glücklich und zufrieden sein kann.“ Sie sieht das anders.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben