Der Hausbesuch: Er will es wissen

An seinem 22. Geburtstag fährt Yaner Erten nach Berlin. Mit 120 Euro in der Tasche und dem Vorsatz, die beste Version seines Selbst zu werden.

Portrait von Yner Erten in seiner Wohnung in Berlin-Neukölln

Nur positiv denken- und die Dinge kommen automatisch: Yaner Erten in Berlin-Neukölln Foto: Felie Zernack

Yaner Ertens Vorbilder sind die, die es vom Tellerwäscher zum Millionär schafften. Die Großes erreichten. Auch deshalb ist er nach Berlin gezogen.

Draußen: Autorauschen. Fahrräder flitzen vorbei. Die Hermannstraße zieht sich wie eine Hauptschlagader durch Neukölln. Erst in die Seitenstraße abgebogen, wird es ruhiger. Auf dem Gehsteig ragen Pflastersteine wie kleine Gebirge aus dem Boden. Hinter der milchigen Schaufensterscheibe bewegen sich Silhouetten. Eine Klingel gibt es nicht. Mit einem verschlafenen Lächeln öffnet Yaner Erten die Tür.

Drinnen: Von der Straße hereingekommen, steht man direkt in einem Wohn- und Schlafzimmer. Stumm an die Wand projiziert läuft ein Cartoon. Lieferando-Rucksäcke stehen auf weißen Ikea-Schränken. Pizzakartons stapeln sich auf dem Küchentisch. Rechts und geradeaus geht es in die Schlafzimmer. Wer wann wo schläft, das wird unter den sechs MitbewohnerInnen immer wieder neu entschieden.

WG: Sie kennen sich aus dem Hostel und noch nicht lange. Die Airbnb-Wohnung haben sie angemietet, um erst einmal in der Hauptstadt anzukommen. Eine Mitbewohnerin huscht in Shorts durch die Wohnung, zieht den Geruch von Shampoo hinter sich her. Aufstehzeit. Yaner Erten ist der Einzige, der schon länger wach ist. „Die sind eher so partymäßig drauf.“ Er führt in sein aktuelles Zimmer. Seine Mission sei eine andere. Eigentlich will er hier ausziehen. Er brauche Ruhe, sagt Erten, kommt aus der Küche mit dampfendem Tee. „Es passiert ganz viel und ich versuche mich zu ordnen.“

Glück: Erten ist 22. Fast fünf Monate vor dieser Begegnung ist er mit 120 Euro in der Tasche in Berlin gelandet. „Seitdem bin ich so glücklich wie nie“, sagt er, über ihm ein schlichtes Hochbett. An der Wand hängt ein Berlin-Poster, auf dem Boden steht ein weißer Tisch, auf dem Erten jeden Morgen im Schneidersitz sitzt, meditiert und durch das Fenster auf den schattigen Innenhof blickt, wo die Vögel zwitschern und sich Mülltonnen aneinanderreihen. Was sonst noch zu seiner Morgenroutine gehört: Kalt duschen, ein Liter Wasser auf Ex, Yoga-Übungen („für meine Korrektur“), erst mal raus, dann Lesen. Jeden Tag sei er dankbar.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Vorbilder: „Da steckt all meine Philosophie drin“, sagt Erten und nimmt ein Buch vom Fensterbrett. „Wie gewöhnliche Menschen das Ungewöhnliche erreichen“, steht darauf. Er hat es mehrere Male gelesen. Seine Vorbilder: Steve Jobs. Nikola Tesla. Arnold Schwarzenegger. Menschen, die bilderbuchartig vom Tellerwäscher zum Millionär geworden sind. Erten lehnt sich zurück. Obwohl das Geld alleine ihm eigentlich egal wäre: „Ich will die beste Version meines Selbst werden.“ Was das bedeutet: frei sein, reisen, sinnvolle Arbeit. Also auch genau das, was seine Eltern nicht hatten. Als Allererstes möchte er ihnen seine Dankbarkeit ausdrücken. Und so gesehen … ein bisschen Geld bräuchte er ja schon, um seinen Eltern ein Haus in der Türkei zu kaufen, mit Schafen und Kühen. Erten zerfleddert einen Teebeutel in seinen Händen.

Herkunft: Seine Familie kommt aus dem östlichen, kurdischen Teil der Türkei. Wo die Berge beginnen und es „wüstenmäßig“ wird, „so ein bisschen wie in Syrien“. Erten öffnet Google Maps auf seinem Handy. Richtige Straßen gibt es dort nicht, aber Kinder, die mit Reifen oder Murmeln spielen: „Es ist wunderschön.“ Den Ort kennt Erten nur von Reisen dorthin, mit Koffern voller Milka-Schokolade.

Familie: Seine Eltern sind vor etwa 30 Jahren nach Deutschland geflüchtet, haben sich hier ein Leben aufgebaut. Yaner Erten wird in Bayern geboren. Er bewundere seine Eltern, mehr möchte er über seine Herkunft nicht erzählen, nur: „Mein Vater ist eine der diszipliniertesten Personen, die ich kenne.“ Immer zwei bis drei Jobs, so etwas wie Urlaub hatte er nie.

Hirnfuck: In der Schule habe er sich immer fehl am Platz gefühlt. Yaner Erten klemmt seine Hände in den Nacken und schaut an die Decke. Man werde immer nur auf Noten reduziert: „Aber was, wenn du Probleme hast?“ Und es gehe nur um die Fehler: „Das ist Hirnfuck!“ Was man Kindern stattdessen beibringen sollte? Erten überlegt kurz: „Wie man sich selbst liebt.“ Die Sonne wirft ein Rechteck auf den Laminatboden. In der fensterlosen Küche nebenan brutzelt etwas auf dem Herd. Musik dudelt aus dem Bad.

Anders: „Ich dachte immer, dass ich verrückt bin. Keiner hat mich verstanden.“ Die anderen Kinder mobben ihn. Er zuckt mit den Schultern. „Aber Kinder sind halt Kinder.“ In seiner Klasse sei er der einzige „Ausländer“ gewesen. Einmal habe die Lehrerin ihn bestraft und gesagt: „Nicht mal dein Allah kann dir jetzt helfen.“ Sich zu beschweren – unmöglich. Die Mutter konnte kein Deutsch und der Vater hat immer nur gearbeitet. „Ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen.“

Veränderung: In seiner Kindheit habe er jede Menge falscher Dinge in sein Unterbewusstsein „gedownloadet“, sagt Erten und bürstet sich mit der Hand durch die Haare, seine Finger sind kurkumagelb. „Du unterscheidest als Kind nicht, ob scheiße oder nicht.“ Die Veränderung kam erst mit 17. „Ich habe immer mehr gecheckt, in welcher Welt wir leben, die Eltern sind unglücklich, das System ist Bullshit.“ Da hat er sich entschieden, es anders zu machen.

Verweigerung: Er verbringt viel Zeit im Wald. Nach dem Fachabitur bricht er den Kontakt zu seinem alten Umfeld ab. An Studieren denkt er nicht. „Ich wollte Zeit in mich investieren.“ Seine Eltern können das nicht verstehen, sagen: Wenn du schon in Deutschland bist, warum wirst du nicht Arzt oder machst Maschinenbau? Stattdessen schlägt sich Yaner Erten mit Gelegenheitsjobs herum. Aber auch: mit Büchern und Theorien über das Unbewusste und Erfolg.

Aufbruch: Es ist der 30. September 2020, sein Geburtstag, als er in den Flixbus steigt. Das Ziel: Berlin. Die Eltern weinen, als er geht. Aufgeregt sitzt er im Bus, aber auch zuversichtlich: „Mein Mindset war bereit, ich wusste, es wird sich alles ergeben. Ich werde nicht auf der Straße landen.“ Dann ist er das erste Mal auf sich gestellt. Erten kniet vor dem Schrank, öffnet den Koffer, mit dem er sonst in die Türkei gefahren ist, 20 Jahre lang. Darin: ein Schachspiel, das sein Vater ihm mal gekauft hat, auch 20 Jahre alt. Und eine Reiki-Urkunde: „Ich habe all meine Kanäle öffnen lassen.“ Viel mehr hat er nicht dabei, als er in einem Berliner Hostel aufschlägt.

Zwischenstation: Keiner im Hostel ist wirklich auf Reisen, alle auf der Suche nach einem Job, einer Wohnung. Erten findet schnell Freunde. „Jeden Tag sind Sachen passiert.“ Er hat dafür eine einfache Erklärung: Nur positiv denken – und die Dinge kommen automatisch. Ein Mitbewohner kommt ins Zimmer, greift nach dem jemenitischen Honig auf dem Tisch. „Ohio“, sagt Erten, die Kurzform für Guten Morgen auf Japanisch. Einige der MitbewohnerInnen kommen daher.

Jetzt: Im Hintergrund, im Wohnzimmer sitzen sie auf der Couch, die Laptops auf dem Schoß, und rauchen Zigaretten. Passanten ziehen hinter dem Milchglas vorbei. „Wie soll ich sagen?“ Wenn Yaner Erten überlegt, schließt er kurz die Augen. „Ich bin viel mehr, like, im Hier und Jetzt.“ Die Pläne hätten schon angefangen sich zu entwickeln. „Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit.“ Er will Coaching oder Onlinemarketing machen. Richtig viel Geld verdienen, um die Möglichkeit zu haben, selbst ein Beispiel zu werden. Um andere zu empowern, die aus Kriegsgebieten kommen: „Menschen helfen, die kein System haben.“

Zukunft: „Ich bin in Deutschland, ich hab die Chance dazu.“ Eine Chance, die seine Eltern nie gehabt haben.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de