: Der Geschichtenerzähler
Durch einen angeblichen Mordversuch wurde der Neuköllner Schulleiter Hudhaifa Al-Mashhadani bekannt. Doch an seiner Darstellung bestehen Zweifel
Von Yossi Bartal und Daniel Bax
Ende letzten Jahres geriet Berlins berühmter Einwandererbezirk Neukölln mal wieder in die Schlagzeilen. Hudhaifa Al-Mashhadani, Direktor der Deutsch-Arabischen-Sprachschule Ibn-Khaldun, der sich gegen Islamismus und Antisemitismus engagiert, soll knapp einem Mordversuch entgangen sein. Ein Unbekannter habe versucht, ihn vor eine einfahrende U-Bahn zu stoßen. Als dies misslang, habe der Angreifer, der ein rotes Palästinensertuch trug, auf ihn eingeschlagen und, als er in einen Waggon floh, mit dem Tod bedroht, berichtete Al-Mashhadani auf seiner Facebook-Seite.
Das schlug Wellen. „Mordanschlag auf Islamismuskritiker“ titelte die FAZ. Berlins Bürgermeister Wegner verurteilte „die feige Tat“, der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel, ebenso. In mehreren Interviews führte Al-Mashhadani den Angriff als Beleg für die große Gefahr an, die in Neukölln von islamistischen und propalästinensischen Gruppen ausgehe. Auch in der taz.
In einem Facebook-Post warnte der 45-jährige später zudem vor einer „geheimen Struktur“ mit dem Namen „Armee der Gefährten Mohammeds“, die in Berlin aktiv sei – ein Bündnis aus Islamisten und Linksradikalen, dem seinen Angaben zufolge auch Mitglieder der Grünen und der SPD angehören sollen.
Wer ist dieser Mann, den prominente „Islamkritiker“ wie Ahmad Mansour als „großartigen Menschen“ loben und der von der Berliner Landespolitik mit Preisen überhäuft wird? Neuköllns SPD-Bezirksbürgermeister Hikel zeichnete ihn mit der Ehrennadel seines Bezirks aus, Berlins Regierendem Bürgermeister mit dem „Band für Mut und Verständigung“ der Hauptsstadtregion.
Auf der Website der Ibn-Khaldun-Schule war bis vor wenigen Wochen noch ein Dokument mit dem Titel „Lebenslauf Dr. Huthifa“ zu finden. Darin stand, der irakische Sohn einer Politikerfamilie habe „sich nach einem abgeschlossenen Medizinstudium dem Studium der Politikwissenschaft“ gewidmet, 2010 in Bagdad einen Master zum Thema „Abbau extremistischer Gesellschaftsformen“ erworben und 2014 am renommierten Baker Institute der Rice University in Texas promoviert.
Zwischen 2006 bis 2008 soll er im irakischen Staatsdienst bei der Terrorbekämpfung, später für das US-Außenministerium in Afghanistan gearbeitet und von 2014 bis 2016 im irakischen Verteidigungsministerium an der Zerschlagung der Terrororganisation IS mitgewirkt haben.
In Interviews erzählte Al-Mashhadani zudem, er habe im Irak als Kandidat bei einer Parlamentswahl 170.000 Stimmen erhalten. 2013 sei er jedoch wegen proisraelischer Äußerungen inhaftiert und im Gefängnis gefoltert worden und 2019 in seinem Haus im Irak von Islamisten bedroht worden. Deshalb sei er nach Deutschland geflohen.
Hier habe ihn seine „medizinische Expertise“ in die Forschungsabteilungen des Virchow-Klinikums und des Gesundheitsministeriums geführt, hieß es in seinem Lebenslauf. Zudem lehre er deutschlandweit an Hochschulen und stehe der Polizei und dem Verfassungsschutz „beratend zur Seite“. In Pressemitteilungen seiner Schule gab er sich zudem als Vorsitzender eines „Dachverbands von 36 eingetragenen Vereinen“ aus, „die den größten Teil des arabischen und kurdischen Spektrums in Berlin repräsentieren“.
Recherchen der taz legen nahe: Zahlreiche dieser Angaben sind falsch oder lassen sich nicht unabhängig beglaubigen. Auch an seiner Darstellung des angeblichen Mordversuchs bestehen erhebliche Zweifel. Zwar will die Staatsanwaltschaft „zum Schutz der Ermittlungen“ keine Auskunft erteilen. Nach Angaben einer mit den Ermittlungen vertrauten Quelle bei der Polizei sollen die Videoaufnahmen der BVG vom Tag der Tat aber keinen tätlichen Angriff auf Al-Mashhadani zeigen. Offizielle Angaben dazu gibt es bislang nicht. Doch laut Dokumenten, die der taz vorliegen, ermittelt die Polizei gegen den Schuldirektor im Fall nun sogar wegen „falscher Verdächtigung“.
Weder auf Deutsch, Arabisch oder Englisch lassen sich zudem Belege für seinen imposanten Lebenslauf finden. Auf Fragen der taz zum Angriff auf ihn und zu seiner akademischen Laufbahn antwortet er nicht, ein persönliches Treffen lehnt er ab. Doch nach der ersten Anfrage verschwindet sein Lebenslauf von der Webseite der Schule.
Nach Auskunft von Mitarbeitenden der Rice University in den USA vergibt deren Baker Institut gar keine Promotionen, und der Name Al-Mashhadani lasse sich – auch in unterschiedlichen Schreibweisen – nirgendwo im Uni-Archiv finden. Eine Suche nach einer „National Defense University Bagdad“, wo er seinen Master erlangt haben will, führt zu einer ähnlich klingenden Militäreinrichtung – jedoch ohne Befugnis, akademische Titel zu vergeben.
Auf der Webseite des Bezirksamts Neukölln, das ihm erst im Dezember die lokale „Ehrennadel“ verlieh, wird er als „Prof. Dr. phil. Hudhaifa Al-Mashhadani“ geführt. Auf Nachfrage zu den Titeln verweist das Bezirksamt auf ein Dokument der irakischen Botschaft, das ihm vorliegen soll. Daraus gehe hervor, dass ihm die beiden Titel ab 2015 von einer „Universität für Verteidigungsstudien“ verliehen worden seien. Das Bezirksamt Neukölln weigert sich bislang, der taz eine Kopie des Dokuments auszuhändigen.
Auch die Angaben zu Al-Mashhadanis Karriere im irakischen Staatsapparat oder zu seiner Kandidatur lassen sich nicht bestätigen. Das Irak-Team von Amnesty International weiß auch nichts von der Verhaftung einer Person mit seinem Namen. Dafür lebt er offenbar schon seit 2016 in Berlin. Schon 2018 erscheinen auf einigen arabischen Foren und Nachrichtenseiten Beiträge unter seinem Namen – mal mit dem Zusatz „Arabisches Bündnis Berlin“, mal mit dem Hinweis auf die Ibn-Khaldun-Schule.
Die Schule, eine der ältesten arabischen Institutionen in Berlin, wurde von 1995 bis kurz vor dessen Tod 2023 vom irakischen Pädagogen Kahtan Jassim geleitet. Aus Vereinskreisen heißt es, Al-Mashhadani habe sich nach seiner Ankunft in Berlin seinem Landsmann, dem alternden Jassim, angenähert. Sein energischer Einsatz habe der Schule, die seit den 1990er Jahren an Besucherschwund litt, neuen Schwung verliehen. 2022 übernimmt Al-Mashhadani den Vereinsvorsitz.
Im Jahr 2020 organisiert Al-Mashhadani in Berlin in einer Neuköllner Kirche ein arabisches Literaturfestival, zu dem auch Bezirksbürgermeister Martin Hikel kommt: der Beginn einer Art Freundschaft. Eine Person, die Al-Mashahdani damals kannte, berichtet, er habe sich gerühmt, für die Innenverwaltung zu arbeiten, und eine angebliche Nähe zu Sicherheitsbehörden suggeriert.
Zudem tritt er wiederholt als Sprecher eines ominösen „Deutsch-Arabischen Rats“ auf. Aus wem dieser Rat besteht – außer aus Vereinen, die er selbst führt –, ist unklar. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport erklärt auf Nachfrage, dass Al-Mashhadani weder für sie noch für „eine ihrer nachgeordneten Behörden gearbeitet oder diese beraten“ habe.
Nach dem 7. Oktober 2023, als Israel nach dem Angriff der Hamas den Krieg im Gazastreifen beginnt, veröffentlicht das Bezirksamt Neukölln eine „Erklärung der Neuköllner Zivilgesellschaft“, die den Terrorangriff der Hamas verurteilt, zum bereits begonnenen Bombardement des Gazastreifens aber kein Wort verliert. Al-Mashhadani ist der einzige arabische Name auf der Liste der Unterzeichner. Hinzu kommen arabische Vereine, von denen einige gar nicht oder zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existieren. Böse Zungen behaupten, deren Unterschriften stammten alle von Al-Mashhadani.
Im April 2024 nehmen Al-Mashhadani und einige seiner Schüler im Neuköllner Rathaus an einer von der israelischen Botschaft organisierten Begegnung mit „Jugendbotschaftern“ aus Israel teil. Seitdem soll er Drohungen erhalten haben. Die Polizei bestätigt der taz, dass im Zusammenhang mit der Schule und deren Leiter bis Ende 2025 vier Anzeigen wegen Sachbeschädigung sowie zwei wegen Bedrohungen aufgenommen wurden.
Ab diesem Moment wird Al-Mashhadani zu einer öffentlichen Person, und seitdem steht die Schule unter Polizeischutz. Medien interessieren sich immer mehr für ihn, und immer mehr Politiker besuchen ihn und seine Schule. Für ein Schulprojekt erhält er mehr als 50.000 Euro aus dem Antisemitismusfond des Berliner Senats.
Er tritt als Redner bei einer proisraelischen Kundgebung auf und veröffentlicht in den Sozialen Medien regelmäßig längere Stellungnahmen unter seinem Namen, im Namen seiner Schule oder des „Deutsch-Arabischen Rats“. Darin begrüßt er die „neue israelische Ära“ im Nahen Osten oder ruft zum Verbot propalästinensischer Veranstaltungen auf. Mehrere dieser Texte wirken wie intensiv mit KI bearbeitet und stark theatralisch.
Den angeblichen Angriff auf sich im November 2025 nutzt er ebenfalls zur Selbstdarstellung. Die Süddeutsche Zeitung widmet seinem Fall im Dezember sogar ihre prominente Reportage-Seite 3. Darin kolportiert sie ein angebliches Telefonat zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Al-Mashhadani.
Demnach soll Söder den Schulleiter angerufen, ihm einen Umzug nach Bayern empfohlen und der Berliner Polizei unterstellt haben, sie schütze ihn nicht genug. Das Büro des Ministerpräsidenten erklärt gegenüber der taz, es habe „keinerlei Gespräch oder Kontakt“ seitens Söders mit Al-Mashhadani gegeben. Inzwischen hat die Süddeutsche Zeitung diese Episode aus der Online-Version ihres Artikels entfernt.
Weitere fragwürdige Aussagen über Al-Mashhadani finden sich aber weiterhin im Artikel. Auf die Frage, ob und wie die Süddeutsche Zeitung seine Angaben vorab überprüft habe, verweist der Autor des Artikels, Thorsten Schmitz, darauf, sie seien „sorgfältig recherchiert“ und mit dem Lebenslauf auf der Schulwebseite „abgeglichen“ worden – dem aufgeblähten Lebenslauf, der nach der ersten kritischen Anfrage der taz entfernt wurde.
Doch nicht nur der Autor könnte einem Hochstapler aufgesessen sein. Am Ende waren die vielen Übertreibungen Al-Mashhadanis wohl vor allem eines: zu nützlich für jene, die ihn brauchten.
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