Der Artenschützer Josef Settele ist tot: Ein Ökologe, der unermüdlich forschte und aufklärte
Es trifft jede und jeden, wenn die Natur verschwindet, warnte der Schmetterlingsforscher Josef Settele. Jetzt ist er plötzlich gestorben.
Foto: Hendrik Schmidt/picture alliance/dpa
Es fängt mit dem Frühstück an. Das „wäre deutlich übersichtlicher, es gäbe natürlich kein Honigbrötchen, aber auch keines mit Erdbeermarmelade. Tomaten wären weg wie auch die Haselnusscreme. Außerdem säßen Sie auch nicht im Baumwollhemd, sondern in Kleidung aus Synthetikfasern am Tisch.“ Das erklärte Insektenforscher Professor Josef Settele mehrfach. Heißt: Jede und jeden betrifft es, wenn Natur schwindet. Und das tut sie.
Settele, weltweit anerkannter Insektenforscher, genauer: Spezialist für Schmetterlinge, hat das untersucht, sein Leben lang. Am vergangenen Freitag ist er mit 65 Jahren überraschend gestorben – und mit ihm einer, der die Krise des Artensterbens wieder und wieder erklärte, der sich nicht unterkriegen ließ, den Zeiten zum Trotz.
Europa, so sagte er zum Beispiel, verliere „die Motive des Landschaftsmalers der Romantik, Caspar David Friedrich“, „die reich strukturierten Kulturlandschaften“, damit auch Heimat. Das sei es aber nicht allein: „Wir geben auch die Versicherung für die Zukunft auf, wenn wir den Artenverlust nicht stoppen. Wir wissen nicht, ob wir noch eine Art besonders brauchen werden, weil sie zum Beispiel Obst oder Gemüse bestäuben kann und einspringen muss, weil andere Arten durch den Klimawandel, Parasiten oder Ackergifte ausfallen.“
Von Josef Settele lässt sich lernen, warum die Menschen eine neue Haltung zu Pflanzen und Tieren brauchen, schonender mit ihnen umgehen sollten. Dass dies nicht nur Sache einiger weniger Nerds ist, ihr Schutz und Erhalt auch durch und durch konservativ. „Die Insekten werden nie gehen. Die Mücken zum Beispiel werden durchkommen.“ Das ist noch so ein Settele-Satz.
Einer der berühmtesten Ökologen Deutschlands
Seine Stimme: gewichtig. Er war Umweltweiser, also Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die deutsche Bundesregierung berät. Er, einer der berühmtesten Ökologen Deutschlands, forschte lange Zeit als Professor am UFZ, dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, wenn er nicht gerade auf der Suche nach Insekten durch die Wiesen strich.
Für andere mag die Welt der Insekten eine Unbekannte sein, allein in Deutschland leben 33.000 Insektenarten, viele davon winzig klein. Für Settele nicht. Er wuchs im Dörfchen Kohlhunden im Allgäu auf – „Da war in den Schulferien sonst nicht so viel los“, sagte er – und fing schon als Sechsjähriger an, Insekten zu sammeln. Seine Eltern seien gar nicht so glücklich darüber gewesen, schrieb er in einem seiner Bücher. Denn Autor war er auch. Dann habe seine Mutter aber mal gefragt, was denn das für ein Falter sei. Da sei er nicht mal zehn und stolz wie Bolle gewesen.
Seine Expertise: enorm. „Tagfalter kenne ich wirklich gut. Da mache ich bei 1.000 Bestimmungen vielleicht mal ein bis zwei Fehler“, sagte er von sich selbst, um dann hinzuzufügen, das könne jeder erreichen, wenn man sich „da reinhängt“.
Eine Schmetterlingsgattung trägt seinen Namen
Die oft schillernden Schmetterlinge gelten als ein Frühwarnsystem, ändert sich etwas an ihren Lebensumständen, reagieren sie prompt. Darum hat Settele mit seinen Leuten am UFZ vor vielen Jahren ein Mitmachprojekt gestartet: das bundesweite Tagfalter-Monitoring. Wer mag, kann helfen, Schmetterlinge zu zählen, sucht sich dafür eine Strecke aus, läuft diese von April bis September jede Woche einmal ab und zählt rechts und links des Weges Zitronenfalter, Kohlweißlinge und so fort. Mittlerweile sind in einem Jahr 500 Bürgerinnen und Bürger dabei. Ein Ergebnis: Seit 2016 nimmt die Zahl der Falter auf Wiesen und Weiden „eindeutig ab“.
Settele, nach dem auch eine Schmetterlingsgattung benannt ist, Settelia, hat sich einen Namen gemacht, auch international. Er saß im Weltbiodiversitätsrat IPBES, war einer der drei Co-Vorsitzenden des globalen Berichts zur biologischen Vielfalt, der Bestandsaufnahmen schlechthin, wie es Tieren und Pflanzen auf der Erde insgesamt geht. Auch für den Weltklimarat IPCC war er Leitautor.
Sein Anliegen: zeigen, wie Artensterben, Klimawandel, auch Pandemien zusammenhängen. Er machte das gut gelaunt, nie resigniert, appellierte lieber: Handelt! Die nächste Chance kommt am kommenden Montag. Dann trifft sich die internationale Staatengemeinschaft für zwölf Tage auf der COP 17, der Weltnaturkonferenz in Armenien.
Josef Settele wird nicht mehr dabei sein. Er, schwarze Lederweste, kariertes Hemd, auch mal die Zigarette in der Hand, hat einen hineinkatapultiert in seine Forschung. Wissend, unprätentiös, aber doch seiner Expertise bewusst, war er einer der besten seiner Art, vielleicht der Beste. Wie gern würden man noch einmal üppig frühstücken mit ihm.
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