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Demo in den ElbvorortenKämpfen für Parkplätze?

Kommentar von

Johannes Strauch

Hamburg ist geübt im Umgang mit Demos und Krawall. Wenn auch nicht überall: An der noblen Elbchaussee gibt es da offenbar noch Nachholbedarf.

Gefühlter Ausnahmezustand: die Hamburger Elbchaussee Foto: Daniel Reinhardt/dpa

E s ist kein angenehmer Sonntag, nein, kein Einmummeln unter der warmen Bettdecke, während draußen der Regen an die Fensterscheibe prasselt. Stattdessen geht es zu einer Demo. Demo – das heißt doch Einstehen für das Gute, kämpfen für die eigenen Interessen. Manchmal muss das eben sein, auch an einem verregneten Sonntag.

Das Besondere: Die Demo ist im Hamburger Westen, in den noblen Elbvororten. Und sie ist für den Erhalt der Elbchaussee. Die muss nämlich „gerettet“ werden, vor drohenden Fahrradwegen und dem totalen Verkehrschaos. Die Elbchaussee, das ist etwas „ganz Besonderes“. Eine Straße mit Elbblick, schicken Villen und ganz viel Lebensgefühl. „Auch da im Stau zu stehen, auf der Elbchaussee, ist doch herrlich“, sagte einst Otto Waalkes in einer NDR-Reportage. Hier scheint die Welt noch in Ordnung.

Und damit das auch so bleibt, stehen hier rund 100 Menschen. Sie wollen ein Zeichen setzen, gegen „die da oben“, die einfach so über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Wobei – „das Problem sind nicht die Grünen, das Problem sind die, die sie wählen“, raunt ein Mann, kurz bevor er die anwesenden Polizisten maßregelt, sie sollen doch den Motor ihres Autos abstellen.

Straßenkämpfer in den besten Jahren

Der Altersdurchschnitt ist – nett formuliert – etwas gehobener, genauso wie das „Klientel“, das sich zu dieser Demo eingefunden hat. Trotz des Alters scheint es für die meisten hier die erste Demo zu sein. „Ich bin auf der Demo, ja, meiner ersten Demo“, spricht ein Mann in seine Smartwatch, selbst ein wenig ungläubig.

Doch es geht ja um was. Darum, dass die Straße nicht zu lange voll gesperrt wird; am Ende dann doch aber irgendwie nur um eins: ihre Parkplätze. Die sollen nämlich weg, ein Fahrradweg soll dafür her. Das geht natürlich nicht, wo sollen sie dann parken, die schicken Autos?

Ein neuer Fahrradweg geht natürlich nicht. Wo sollen dann die Autos parken?

Also protestieren sie, die Menschen von der Elbchaussee. Eine Menschenkette ist ihr Mittel der Wahl. Eine Strecke von 550 Metern wollen sie abdecken, dafür reichen die rund 100 Anwesenden natürlich nicht aus. Sie probieren es trotzdem, stellen sich auf die Straße – „auf die Straße, nicht auf dem Gehweg?“ – und halten sich an den Händen. Es wirkt etwas unkoordiniert, Lücken reißen auf, vereinzelt wird der Ruf nach etwas mehr Ordnung laut. „Kann das einer hier mal dirigieren?“

Das mit dem Dirigieren scheint nicht so recht zu klappen. Stattdessen mutiert die Kette mehr und mehr zu einem Spaziergang. Im Gänsemarsch, 550 Meter für die Parkplätze. Zwischendurch gibt es immer wieder Zwischenstopps, „Bildangebote“ für die anwesende Presse. Man stellt sich auf, versucht sich möglichst zu strecken. Das gelingt nicht immer, es herrscht Unklarheit, welcher Teil der Kette jetzt in welche Richtung aufrücken soll.

Ein Ordner scheint sichtlich Spaß an seiner neuen Rolle zu haben. „Alle Mann in Reih und Glied“, scherzt er und ist auch sonst bestens gelaunt. Demo – vielleicht kommen sie ja doch noch auf den Geschmack.

Es bleibt friedlich

Die Demo zieht weiter, immer die Straße hinauf. Die anfängliche Skepsis über das Auf-der-Straße-Gehen ist schnell überwunden, und man kann auch froh sein, nicht auf dem Gehweg laufen zu müssen, der von tiefen Pfützen übersät ist.

Es geht vorbei an den Parkplätzen, die teilweise noch frei sind. Auf der Straße steht ein Tesla, niemand scheint sich daran zu stören. Auch Autos lässt man bereitwillig passieren. So richtig will kein Demofeeling aufkommen. Niemand schreit irgendwelche Parolen oder hält Schilder in den Händen. Noch nicht mal ein Megafon ist organisiert. Ganz ruhig, besonnen und leise zieht sich der Demonstrationszug die Elbchaussee entlang.

wochentaz

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Und nach einer halben Stunde ist es auch schon wieder vorbei. Der Demozug ist angekommen, am „Schulberg“, einem wirklich steilen Weg, direkt hinunter zum Elbstrand.

Im Rücken steht die „Weiße Villa“, ein Prachtbau mit schicken Säulen am Eingang und ganz viel Rasenfläche drumherum. Auch die anderen Häuser geizen nicht gerade an Platz. Könnten die nicht etwas abgeben? Für die Parkplätze?

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