Defekte Fischtreppe in Geesthacht: Endstation für den Stint

Die Stintbestände drohen einzubrechen, weil die Fischtreppe in Geesthacht ganz oder teilweise außer Betrieb ist. Die Frage ist: Wer kümmert sich?

Die defekte Fischtreppe am Stauwehr Geesthacht.

Kein Durchkommen mehr: Die defekte Fischtreppe am Stauwehr Geesthacht im Juli 2020 Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

GÖTTINGEN taz | Europas größte Fischtreppe in Geesthacht galt über Jahre als Erfolgsmodell. Mehr als zwei Millionen Fische sollen die Aufstiegshilfe am Nordufer der Elbe seit ihrer Inbetriebnahme im August 2010 genutzt haben. Rund 50 verschiedene Arten konnten mit Hilfe der Fischtreppe zum Laichen elbaufwärts schwimmen. Lachse, Welse, Meerforellen und Stinte wurden beobachtet, aber auch Exoten wie der Streifenbarsch und der Sibirische Stör.

Der schwerste und längste Fisch war ein knapp 30 Kilogramm schwerer Wels mit einer Länge von 1,60 Meter, berichtete stolz der Energiekonzern Vattenfall. Das Unternehmen hatte die 30 Millionen Euro teure Fischtreppe als Ausgleichsmaßnahme für das Kohlekraftwerk Moorburg bauen müssen. Bis zum Herbst 2019 erholten sich die Fischbestände. Doch seitdem gehen sie wieder zurück, denn die Fischtreppe funktioniert nicht mehr richtig. Es gab Schäden am Geesthachter Stauwehr, die Strömung hatte Teile des Damms angegriffen und eine Spundwand weggedrückt.

In der Folge wurden Rinnen, die den großen Fischen den Weg zur Vattenfall-Fischtreppe am Nordufer weisen, mit mehreren Tausend Tonnen Sandgemisch und Wasserbausteinen verfüllt. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, eine Bundesbehörde, ließ die kleine Fischtreppe am Südufer gleich mit zuschütten. Hier kann zurzeit kein Fisch mehr passieren, und auf der Nordseite der Elbe finden nur noch wenige Tiere den Weg in die Aufstiegsanlage von Vattenfall. 90 Prozent der wandernden Fische könnten nicht mehr aufsteigen, schätzt die Initiative „Rettet die Elbe“. Genaue Zahlen über den Umfang der Schäden für die Fischwelt gibt es allerdings nicht, weil Vattenfall seit 2018 keine Zählungen mehr vornimmt.

Der Landkreis Herzogtum Lauenburg, in dem Geesthacht liegt, sieht den Energiekonzern in der Pflicht, die Schäden zu beheben und verpflichtete ihn unter Androhung eines Zwangsgeldes, die nördliche Fischtreppe instand zu setzen. Das Unternehmen wehrte sich gerichtlich gegen die Anordnung und hatte Erfolg. Weil Vattenfall das Kraftwerk Moorburg im vergangenen Dezember vom Netz nahm, ist nach Auffassung des Konzerns die vertragliche Verpflichtung zum Betreiben der Fischtreppe vollends entfallen. Das Aktionsbündnis „Future 4 Fishes“, ein Zusammenschluss mehrerer Umweltverbände und der Grünen, argumentiert hingegen, der Eigentümer könne die Anlage „nicht von heute auf morgen aufgeben“. Eigentum verpflichte schließlich.

Gefundenes Fressen für die Möwen

Die Dringlichkeit einer funktionierenden Fischtreppe verdeutlichten dieser Tage Beobachtungen des Hamburger Abendblatts. Demnach machen sich Scharen von Möwen über die vielen Stinte her, die am Geesthachter Stauwehr feststecken. Zusätzlich zu den beschriebenen Schäden wurde dort im Winter wegen der Gefahr von Eisgang auch noch die Lockströmung außer Funktion gesetzt, erst Ende April wird sie wieder in Betrieb genommen. Lockströmungen sollen den Fischen den richtigen Weg zu den Treppen weisen.

Nachdem schon die Laichsaison 2020 für den Stint ausgefallen ist, stehen die Chancen auch in diesem Jahr schlecht. Sollte die Saison ein drittes Jahr in Folge ausfallen, könnte sich der Stint erst in 25 Jahren davon erholen, warnen Umweltschützer wie Jens Gutzmann vom Nabu in Geesthacht. Vorausgesetzt, die Fische fänden dann optimale Bedingungen vor.

Die in der Regel 15 bis 20, höchstens 30 Zentimeter langen Stinte sammeln sich in Februar und März und wandern in die Unterläufe der großen Ströme ein, um dort über sandigen Stellen abzulaichen. In den vergangenen Jahrzehnten war der Stint kommerziell kaum von Bedeutung, da er in den verschmutzten Flüssen nur in geringer Zahl anzutreffen war. Mit zunehmend saubereren Gewässern wird er wieder öfter in größerer Menge gefangen. Vom Fang und Angebot des Stintes profitieren Restaurants, die diesen etwas nach Gurken riechenden Fisch saisonal als kulinarische Besonderheit anbieten.

Der Verzehr durch Menschen macht allerdings nur den geringsten Teil der wirtschaftlichen Bedeutung aus. Weitaus höher ist sein Stellenwert in der Aquaristik. Stinte werden in Norddeutschland und den Benelux-Staaten massenweise in riesigen Anlagen gezüchtet, um als Haustier oder in Zoos gehaltenen Raubfischen jeglicher Art als Futterfische zu dienen.

Ob die Elb-Stinte in diesem Jahr doch noch zu ihren Laichplätzen schwimmen können, entscheiden letztlich weder die Umweltbehörden der Anrainerländer noch Vattenfall. Zuständig ist das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Die für Geesthacht zuständige Unterabteilung sitzt in Lauenburg. Sie hat zunächst das Funktionieren des Stauwehrs im Auge. Die Fischtreppen erscheinen da eher nachrangig.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de