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Debattenkultur auf Social MediaLöschen ist keine Zensur

Wer hetzt, hat keinen Anspruch auf eine Bühne. Warum wir dem Internet keine Diskussion schulden und Kommentare löschen Meinungsfreiheit bedeuten kann.

Nazis weder am Stammtisch noch im Internet Foto: Rolf Zoellner

W ir sollten alle viel mehr löschen. Denn wir schulden dem Internet gar nichts. Auch keine Diskussion. Egal auf welcher Plattform. Ich verbringe nach wie vor viel Zeit im Netz. Das ist eine alte Gewohnheit, die sich hält, obwohl es da längst nicht mehr so schön ist. So richtig loslassen kann ich noch nicht. Ohne Social Media wäre vieles von dem, was ich in meinem Leben sehr schätze, nicht da. Wahrscheinlich auch nicht diese Kolumne.

Gute Freund*innen, Teile meines beruflichen Umfelds und auch politische Weg­ge­fähr­t*in­nen habe ich online kennengelernt. Im Netz öffneten sich Schwarze, queerfeministische und migrantische Diskussionsräume. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt, diskutiert und viel gelacht. Heute lässt sich nicht mehr sagen, wann Zeitungen, Funk und Fernsehen ohne das Netz endlich auf die Idee gekommen wären, Stimmen wie den unseren Platz einzuräumen. Vielleicht hätte es nur etwas länger gedauert, vielleicht wäre es bis heute nicht passiert.

Auch zu Beginn der großen sozialen Netzwerke, das heißt vor 10 bis 15 Jahren, gab es rechte Trolle, Ras­sis­t*in­nen und Maskulisten, die versucht haben, uns wieder verstummen zu lassen. Es gab Hass und Häme und Provokation. Trotzdem waren untereinander und mit allen, die ernsthaft interessiert waren, noch Verbindung und Diskussion möglich. Um im Bild zu bleiben: Wir konnten uns noch hören. Wir waren laut genug. Wenn nicht, haben wir uns gegenseitig verstärkt.

Das ist heute nicht mehr so. Dafür ist da zu viel Lärm. Und das ist kein Partylärm, sondern boshaftes Geschrei. Zwischen organisierten Trollen, Bots und den frauenhassenden Rassisten von nebenan ist kaum noch echter Meinungsaustausch möglich. Besonders Frauen und Marginalisierte sind Hass und Drohungen ausgesetzt. Viele meiner alten Internet-Genoss*innen haben sich zurückgezogen. Gut, dass manche jetzt Bücher schreiben.

Mehr löschen

Aber ganz ehrlich: Ihr fehlt mir auf Instagram. Das alles ist ein Verlust an Perspektiven und Meinungsvielfalt und der Freiheit einiger Menschen, ihre Meinung zu äußern. Das kommt in Diskussionen zu Meinungsfreiheit im Netz allerdings selten zur Sprache. Stattdessen gilt es als demokratisch unsauber, rassistische, queerfeindliche, antisemitische oder frauenverachtende Kommentare einfach zu löschen. Ich lösche das. Und ihr solltet es auch tun.

Damit meine ich nicht nur kleine Privataccounts, sondern auch und vor allem Medienhäuser und große Creator*innen. Da ist eindeutig zu viel Angst davor, dass Demokratiefeinde einem Demokratiefeindlichkeit vorwerfen könnten. Und dann wird rechte Hetze und der aufreibende Widerspruch dagegen auch noch für die eigene Reichweite genutzt.

Viel Kontroverse bringt viel Interaktion, und das ist gut für den Algorithmus. Wut und Hass zu provozieren ist ein einfacher Reichweitenbooster auf Kosten von denjenigen, die dieser Hass trifft. Und alle, die rechten Müll nicht einfach unwidersprochen lassen können, begeben sich in etwas, das sie sonst strikt ablehnen: Diskussionen mit Nazis.

Ich muss zugeben, dass mir das auch manchmal passiert. Meine kleine Gegenstrategie ist es, mehr linken Inhalten Aufmerksamkeit zu schenken und mal ein paar Komplimente unter schönen Posts und klugen Kommentaren dazulassen. Und unter den Seiten, die ich betreue, selbstbewusst zu löschen, damit alle anderen sich in Ruhe weiter unterhalten können. Hätte ich eine Kneipe, würde ich ja auch keinen Nazi­stammtisch dulden.

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Simone Dede Ayivi
Simone Dede Ayivi ist Autorin und Theatermacherin. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Aktuell arbeitet sie zu den Themen Feminismus, Antirassismus, Protest- und Subkultur.
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10 Kommentare

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  • Als Mitglied einer Minderheit kenne ich den Hass und rassistische Kommentare. Polen klauen, Ukrainer sind Schmarotzer und Araber alles Zuhälter blablabla

    Aber durch Zensur treibt man die Menschen eher in ihre Bubble wo diese sich dann weiter radikalisieren.

    Stattdessen frage ich nach Statistiken, Forschungen die die, oftmals, dummen Kommentare belegen. Meistens kehrt da schon Einsicht beim Gegenüber ein.



    Ist anstrengender, aber nur so denke ich, geht es voran/aufeinander zu.

    Ich bin immer für den Dialog sofern möglich. Und wenn nicht, dann ignorieren. Aber Canceln ohne es zu versuchen ist für mich persönlich der falsche Weg.

    Einen aufgeklärten Menschen muss ich nicht überzeugen, dass nicht alle Menschen aus Osteuropa kriminell sind, es sind die uninformierten Starrköpfe. Und da freue ich mich über jeden den ich etwas aufklären kann.

  • Michaela Dudley , Autorin , Journalistin/Kabarettistin

    „Stattdessen gilt es als demokratisch unsauber, rassistische, queerfeindliche, antisemitische oder frauenverachtende Kommentare einfach zu löschen. Ich lösche das. Und ihr solltet es auch tun.“

    Brava. Genau so. Denn Hetze ist keine Meinung. Selbst wenn die bedenklichen Ansichten nicht rechtswidrig sind, müsste man solche Antipathien nicht erdulden. Oft verstoßen derartige Kommentare schon gegen die selbstauferlegte Netiquette. Doch selbst dann werden sie nicht rechtzeitig gelöscht, auch wenn man sie explizit darauf hinweist. Gerade viele ÖRR-Sender haben hier viel Nachholdbedarf.

    Die Gründe für die Toleranz der Intoleranz? Fehlende Sensibilisierung für die Opfer. Oder sogar eine Sympathie gegenüber dem Angreifenden. Wiederum nicht selten aus einem vorauseilenden, falschen Gehorsam bezüglich des Grundgesetzes.

  • Die Grenzen zwischen Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit einerseits und strafbarer oder nur unangenehmer Beleidigung und Volksverhetzung andererseits sind verschwommen und nicht mit Lineal und feinem Strich gezogen. Da geht auch aus Respekt vor bewährten Rechtsgrundsätzen nichts, ohne konkrete Einzelfallentscheidung. Vielleicht sollten einfach mal alle einen zivileren Umgangston auch im Alltag pflegen, fünf auch mal gerade sein lassen und nicht hinter jedem Debattenbeitrag und (sprachlichen) Missgriff schon den Aufstieg eines Reichs des Bösen sehen. Lesen, zuhören und auf die Argumente der anderen Seite mit angemessener Kritik eingehen, so holt man vielleicht mehr Leute dort ab, wo sie gerade stehen. Unsere Gesellschaft hätte dafür ja Institutionen der Bildung und die ÖR-Medien, um dafür den Boden zu bereiten. Nur versagen gerade letztere völlig, da sie mehr auf sinnliche Affizierung denn auf kritische Bildung setzen. Schulen und Universitäten sind noch stärker darauf ausgerichtet worden, einen prüfungsrelevanten Bildungskanon zu vermitteln und FachidiotInnen hervorzubringen, als menschliche Bildung zu vermitteln.

  • Ja, es gibt Grenzen.



    Wenn aber die Grenzen so eng und willkürlich gezogen sind, dass nur noch die Stimmen, die meiner gleichen, zu hören sind, dann wird aus jedem Dialog, ein Monolog.

    Für den privaten Bereich mag dies akzeptable sein, für den Prozess der demokratischen Meinungsbildung, ist es das Ende.

  • Zwischen organisierten Trollen, Bots und den frauenhassenden Rassisten von nebenan ist kaum noch echter Meinungsaustausch möglich. ...



    ---



    Ja. leider! Mit/nach der "Kommerzialisierung" des Netzes ohne Regeln, war's das mit der "Anfangsidee" des Netzes!



    Wir werden lernen müssen, mit weniger "Freiraum" auszukommen & das impliziert auch "Löschen, Rauswurf, Sperren & gesetzlich vorgegebene Moderation!" :-(

  • Bezüglich (verhältnismässig) angenehmen Plattformen im Internet kann ich allen immer wieder Mastodon (das Fediverse im Allgemeinen) empfehlen, wo die taz ja bereits aktiv ist. Keine intransparenten Algorithmen, keine grössenwahnsinnige, milliardenschwere Techbros, keine Influencer im klassischen Sinne.

    Klar, schräge Vögel gibt's auch dort (mich eingeschlossen), aber in Sachen Austausch und Interaktion mit anderen Menschen halte ich es für das angenehmste mir bekannte Angebot. Zugegeben, ein Minimum an Bereitschaft punkto Einarbeitung und Gewöhnung muss man mitbringen, es lohnt sich meines Erachtens aber.

    • @Claudio M.:

      Dazu fällt mir ein Witz, den mir mal ein jüdischer Geschäftsfreund erzählt hat:

      Ein katholischer Pfarrer und ein Rabbi trinken gemeinsam ein Glas Wein und unterhalten sich. Der Pfarrer: "Gestern habe ich vom jüdischen Paradies geträumt umd mit Verlaub, es hat mir nicht gefallen. Es war hektisch und laut und dreckig und überfüllt, gar nicht schön." Darauf der Rabbi. "Sowas, ich hab vom Christlichen Paradies geträumt und es war wunderschön. Eine ruhige, saubere Parklandschaft, und kein Mensch weit und breit!"

  • "Stattdessen gilt es als demokratisch unsauber, rassistische, queerfeindliche, antisemitische oder frauenverachtende Kommentare einfach zu löschen."

    Was jemand dafür hält ist halt Geschmackssache. Es gibt ja keine offizielle Definition von queerfeindlich. Für die einen ist es schon fehlendes Gendern, für die anderen erst Gewaltandrohung.

    Die Rezipienten in ihren Blasen sind heute sehr empfindlich geworden. Löschen wird da schnell das neue "ich halte deine Meinung nicht aus und nenne sie deswegen Hass und Blocke dich"...

    Und das ist undemokratisch, denn zur Demokratie gehören eben unterschiedliche Meinungen und Debatten.

    • @Petzi Worpelt:

      Warum dann nicht kombinieren? Queerfeindlich = kein Gendern, Gewaltandrohung, und weiteres.

      Keiner, der ernsthaft queer ist wird als Definition die Hautfarbe nennen oder weil du Tomaten auf dein Brot tust.

    • @Petzi Worpelt:

      Sie relativieren und betreiben Schuldumkehr. Hasskommentare sind keine Debatten und müssen in einer Demokratie auch nicht als angeblich legitime Meinungsäußerung geduldet werden. Die Grenzen zieht das Grundgesetz und nicht irgendwelche zurechtgebogene Vorstellungen über Demokratie.