Debatte: Christliche Wahrheit und Abwehr
Es ist nicht nur Populismus: Sogar der evangelischen Kirche in Deutschland fällt es heute noch schwer, davon abzurücken, dass nur das Christentum der wahre Glaube sein kann.
Auf den ersten Blick mag man über diese Leute die Nase rümpfen: über Bürger Kölns, die nicht wollen, dass am Ende das Minarett einer von einem Kirchenbaumeister entworfenen Moschee höher sein könnte als die Spitzen ihres Doms; oder über die Bürger von Frankfurt-Hausen, die sich in hoher Erregung dagegen sträuben, dass in ihrem nicht sonderlich wohlhabenden Stadtteil eine dritte Moschee gebaut werden soll. Dumpfer Rassismus, verständliche Ängste und populistische Stimmungsmache überlagern sich hier wechselseitig.
Doch der Schein trügt: Hinter und mit dem rechtspopulistischen Aufbegehren formiert sich ein bisher noch vornehm zurückhaltender bildungsbürgerlicher Aufstand, dessen Protagonisten von Henryk Broder zu Necla Kelek, von Seyran Ates zu Ralph Giordano, von der "Theo-van-Gogh-Gesellschaft" zu den Webseiten "Politically incorrect" und den Kreuzrittern von "Deus vult" reichen, ein Potenzial, das, wenn es sich irgendwann politisch organisiert, der Union im parlamentarischen Raum erfolgreich Konkurrenz machen könnte.
Erfolgreicher als die von der NPD betriebene NS-Nostalgie dürfte das antiislamische Programm, Pim Fontuyn hat es in den Niederlanden vorgemacht, allemal sein und Jörg Haider in Kärnten sowie Christoph Blocher in der Deutschschweiz sind schon eifrig am Üben. Der Generaltenor all dieser Personen und Gruppen, ihr kleinster gemeinsamer Nenner, besteht in der Überzeugung, dass Islam und Islamismus miteinander identisch sind, eine Überzeugung, die in etwa so sinnvoll ist wie jene, die den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und die den Nationalsozialisten nahestehenden "Deutschen Christen" auf einen Nenner verrechnet: letztlich alles Christen!
Zu wenig ist bei alledem bekannt, dass auch und gerade die christlichen Kirchen, gemeinhin als Inbegriff von Dialogizität und Gastlichkeit bekannte Institutionen, durch die islamische Immigration in Teilen verängstigt, mindestens aber stark beunruhigt sind. Während die katholische Kirche schon vor Jahren in ihrer autoritär souveränen Art aus der Feder von Joseph Ratzinger beschieden hat, dass der katholische Glaube einfach der wahre ist: "Dominus Jesus!", tun sich die protestantischen Kirchen mit alledem sehr viel schwerer.
So hat die EKD, beziehungsweise ihre theologische Kammer, schon vor einiger Zeit eine Broschüre mit dem tendenziösen Titel "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen" publiziert - einen Traktat, der schon im Titel erkennen lässt, dass nur das Christentum wahrer Glaube ist, während alle anderen lediglich soziologisch zu betrachtende Formen irgendwelcher Meinungen über Gott und die Welt darstellen. Dem folgte im letzten Jahr eine fürsorgliche Handreichung unter dem verschwiemelten Titel "Klarheit und gute Nachbarschaft", in der neben differenzierten Mitteilungen über den Islam vor allem die absolute Wahrheit des christlichen Glaubens beschworen wird und damit alle anderen Glaubensbekenntnisse des Irrtums geziehen werden.
Dass sich die Handreichung gleichwohl auf respektvolle und zivile Umgangsformen verpflichtet, dürfte selbstverständlich sein. Es lohnt, den Duktus dieser innerkirchlichen, gewiss auch aus Angst vor der wachsenden Anhängerschaft der evangelikalen Konkurrenz verfassten Text in Auszügen näher zu betrachten:
"Christliche Mission bedeutet mehr als respektvolle Begegnung. Sie umfasst das Zeugnis vom dreieinigen Gott, der den Menschen durch Jesus Christus zu wahrer Menschlichkeit befreit. Es ist für die evangelische Kirche ausgeschlossen, dieses Zeugnis zu verschweigen oder es Angehörigen anderer Religionen schuldig zu bleiben. In einer Zeit, in der alle Wahrheiten relativiert werden, kann die evangelische Kirche leicht in den Verdacht geraten, sich mit diesem Verständnis der Wahrheit Gottes dem Zeitgeist beugen zu wollen. Denn in einer Gesellschaft des weltanschaulichen und religiösen Pluralismus scheint der absolute Wahrheitsanspruch einer Religion per se wahrheitswidrig zu sein. Wenn aber gefordert wird, den Glauben an die absolute Wahrheit Gottes aufzugeben, kann Wahrheit nur noch als subjektiv beliebige Überzeugung verstanden werden."
Diesem Bekenntnis zur Mission ging im Text das Eingeständnis voraus, dass Christentum und Islam mit ihrem beiderseitigen absoluten Wahrheitsanspruch in einer grundsätzlich konfliktuösen Beziehung zueinander stehen.
Die Denkschrift "Klarheit und gute Nachbarschaft" ist dabei, das ist durchaus einzuräumen, allemal um politische Vernunft, um Mäßigung, Aufklärung und Differenzierung bemüht, nur in den theologischen Passagen kommt deutlich ein verdrückter Rest des alten christlichen Triumphalismus zum Ausdruck. So heißt es in einer sonst vernünftigen Zurückweisung jeder gewaltsamen Mission: "Bezeugt die evangelische Kirche diesen Gott den Menschen einer anderen Religion wie dem Islam, dann darf sie Gottes Geduld nicht durch die Anwendung von Zwang in Frage stellen." Das aber heißt im Umkehrschluss nichts anderes, als dass in den Augen der EKD Gott wenn auch geduldig darauf wartet, dass sich schließlich alle Menschen zum Christentum bekehren. Genauer: Gott selbst missbilligt es irgendwie, dass die Nichtchristen seine (christliche) Wahrheit nicht erkennen.
Bei aller Anerkennung dieser insgesamt moderaten Stellungnahme, die - wenn die Moscheefeinde von Köln und Frankfurt-Hausen sie nur akzeptieren würden - zu einer erheblichen Entschärfung der Lage beitragen könnte, bleibt daher ein Unbehagen. Es rührt daher, dass sogar eine so aufgeklärte religiöse Organisation wie die EKD in einem wenn auch letzten Rückzugswinkel nicht umhinkann, eine große andere Religion in einigen Hinsichten abzuwerten. Zu behaupten, es ginge dabei nur um das ehrliche Herausarbeiten von Differenzen, wird dem theologischen Duktus der Handreichung nicht gerecht. Bei aller Toleranz im zivilen Umgang klammert sie sich krampfhaft an einen absoluten Wahrheitsanspruch.
Versucht man, diese Befunde zu deuten, so bleibt kaum ein anderer Schluss übrig, als dass die christlichen Kirchen in Deutschland der Weiterentwicklung des Landes zu einer multireligiösen Gesellschaft keineswegs mit fröhlicher Zuversicht entgegensehen, sondern mit einem gerüttelt Maß an ganz unchristlicher Angst.
Schrumpfende gesellschaftliche Macht und Verunsicherung der eigenen Mitgliedschaft gehen Hand in Hand. Angst und Abwehr sind indes allemal schlechte Ratgeber. Sosehr es die Aufgabe der Kirchen in Zukunft sein wird, verängstigten Christenmenschen in ihren meist, nicht immer unbegründeten Befürchtungen ernst zu nehmen, so sehr sollten sie darauf achten, in ihren Theologien nicht genau das zu reproduzieren, was sie dann im seelsorgerlichen und sozialen Bereich mühsam wieder ruhigstellen müssen.
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