Debatte um Partys in Berliner Parks: „Öffentlicher Raum ist für alle da“

Statt über Partys zu mosern, sollten die Bezirke mit den Clubs über neue Konzepte und Flächen nachdenken, fordert Georg Kössler (Grüne).

Ein DJ legt in einem Park auf

„Große Tanzveranstaltungen sollten nicht in Parks stattfinden“, sagt Georg Kössler Foto: dpa

taz: Herr Kössler, Berlin gilt weltweit als Partymetropole. Warum tun wir uns so schwer mit Feiern im Sommer in den Parks?

Georg Kössler: Das liegt natürlich an der Coronapandemie. Die Vorsichtsmaßnahmen müssen eingehalten werden: Abstand, Maske, und auch wenn man es draußen vielleicht ein bisschen lockerer nehmen kann, gibt es nicht umsonst eine Personenbeschränkung. Dazu kommt – und das schmerzt mich als Öko besonders – die Vermüllung des öffentlichen Raumes, die oft mit Feiern einhergeht. Das ist eine Schande für jeden guten Raver.

Der Lärm, als den viele Unbeteiligte die Musik empfinden, ist das geringste Problem?

Das ist ja der Vorteil an Grünanlagen: Es gibt selten direkte Nachbar*innen, die sich gestört fühlen könnten. Aber dafür die Natur und die Tiere, für die es zum Problem wird, wenn es zu laut ist.

Schon im vergangenen Jahr wurde eine ähnliche Diskussion geführt wie jetzt: viele hundert, teilweise tausende junger Menschen tanzen am Wochenende zu Musik etwa in der Hasenheide, im Mauerpark oder an der Museumsinsel. Am Ende räumt die Polizei oft die Flächen. Haben wir nichts aus vergangenem Jahr gelernt?

Wir hatten wieder ein Frühjahr, in dem den jungen Leuten wieder gesagt wurde, nehmt euch für eure Großeltern zurück und beschränkt die Kontakte. Jetzt, da die Inzidenzen niedrig sind, drängt es natürlich die Menschen nach draußen, um sich zu treffen, um das Leben zu genießen.

Georg Kössler, 36, sitzt seit 2016 für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist Sprecher seiner Fraktion für Klima- und Umweltschutz, Eine-Welt-Politik und Clubkultur

Aber es kommt ja nicht überraschend, dass auch in diesem Sommer Partys gefeiert werden …

Richtig, es war absehbar. Senat und Bezirke haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Das eigentlich wunderbare, von der Senatskulturverwaltung angestoßene Projekt Draußenstadt, bei dem die Bezirke Orte für Kunst, Kultur und auch Party zur Verfügung stellen, hätte früher starten müssen. Warum läuft das jetzt erst an? Da hätte man vom letzten Jahr viel lernen können.

Das ist ja nicht das einzige Problem.

Stimmt. Ich finde es unverständlich, dass es immer noch ein Behörden-Pingpong gibt, wenn jetzt zum Beispiel gefordert wird, die Menschen, die in der Hasenheide feiern, sollen das bitte auf dem Tempelhofer Feld tun. Das alles hätten die Bezirke schon lange klären können. Und Hausaufgaben machen heißt auch: mit den Menschen besser kommunizieren.

An den vergangenen Wochenenden hatten zahlreiche meist junge Menschen in Parks – etwa der Hasenheide, dem Mauerpark und dem James Simon-Park an der Museumsinsel – teils große Partys gefeiert. Einige dieser Feiern wurden von der Polizei aufgelöst. Zurück blieben oft riesige Müllberge. Ähnliche Szenen hatten sich bereits im vergangenen Jahr abgespielt, als nach der ersten Welle der Pandemie die Menschen sich wieder treffen und tanzen konnten, die Clubs aber wegen der Corona-Auflagen nicht oder nur sehr eingeschränkt geöffnet waren. Die meisten Clubs sind auch weiterhin ganz geschlossen.

Mit Blick auf solche Partys hatten die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und der SPD-Innenpolitiker Tom Schreiber gefordert, betroffene Parks etwa in Mitte oder Neukölln einzuzäunen. Auf diese Weise könne man nachts den Zugang beschränken oder ganz verbieten.

GdP-Sprecher Benjamin Jendro hatte alternative Angebote für Jugendliche angemahnt. „Klar ist, dass die Bezirke hier in der Pflicht sind“, sagte er. Man habe es leider im ersten Corona-Jahr versäumt, Konzepte zu entwickeln, und es auch dieses Jahr nicht geschafft. (taz, dpa)

Was meinen Sie?

Statt sich nur in der Presse über die Feiernden aufzuregen, hätte man zum Beispiel größere Mülleimer aufstellen können in der Hasenheide und mehrsprachige Schilder, die auf die Vorschriften hinweisen, etwa, wie lange man feiern darf und dass der Müll weggeräumt werden muss. Solche kleinen Sachen lösen nicht das ganze Problem, aber sie würden uns helfen, mit den Symptomen klarzukommen. Da hat sich in der Hasenheide nichts getan im Vergleich zu vor der Pandemie.

Sind denn Partys in Parks für Sie überhaupt eine Option oder sollten diese mittelfristig nur noch auf besonders ausgewiesenen Flächen stattfinden?

Die Parks in Berlin sind attraktiv und junge Leute – und nicht nur die werden sich weiterhin dort treffen. Aber große Tanzveranstaltungen mit verstärkter Musik sollten in Parks nicht stattfinden, vor allem aus Naturschutzgründen. Dafür braucht es spezielle Flächen, und die gibt es auch, etwa hinter der Warschauer Straße, unter U-Bahnbrücken, auch weiter draußen zum Beispiel in Spandau. Diese Flächen hätten letztes Jahr von Senat und Bezirken klar gemacht werden müssen. Das hätte auch das Verständnis gegenüber der Polizei erhöht, wenn diese Raves mit tausenden Teilnehmenden räumt. So fragen sich die jungen Menschen: Wo sollen wir sonst hin?

Aus den Reihen der SPD wurde gefordert, einige Parks einzuzäunen und nachts zu schließen. Was bringt das?

Menschen stehen dicht an dicht in einem Park in Berlin

Gerade ein wichtiger Treffpunkt für junge Leute: James-Simon-Park an der Museumsinsel Foto: dpa

Das ist absoluter Humbug und hilft nicht. Der öffentliche Raum steht allen zur Verfügung; diese Law and Order-Mentalität passt nicht zu Berlin. Die SPD sollte lieber dort, wo sie in der Verantwortung ist, Flächen für junge Leute bereitstellen.

Muss sich denn die Politik um Partys für junge Menschen überhaupt kümmern? Das ist ja ein bisschen so, wie wenn die Eltern die Feier zum 18. Geburtstag ihres Kindes organisieren …

Die Politik organisiert das Zusammenleben in dieser Stadt, und die Politik, das sind wir alle. Wir müssen gemeinsame Regeln finden. Deswegen ist es richtig, wenn Bezirk, Senat und Abgeordnete darauf hinwirken und die Menschen daran erinnert werden, dass es gemeinsame Regeln gibt.

Berlin ist weltweit bekannt für seine Clubs. Wäre es eine Option für Politik bzw. Bezirke, mit der Clubcommission oder auch einzelnen Clubs zusammenzuarbeiten?

Ja. Die Clubs und ihre Vertretung, die Clubcommission, sind Profis. Sie wissen, wie Musikanlagen aufgestellt werden müssen, damit der Bass die Nachbarn nicht stört; sie haben Müllkonzepte, und sie wissen vor allem, wie man mit Feiernden umgeht. Mein Appell an die Bezirke: Habt Mut, mit den Clubs bei euch in den Dialog zu kommen und Orte herzurichten, wo man legal feiern kann.

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