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Debatte um FC Bayern-Talent KarlÜb' immer Treu und Redlichkeit

Bayern Münchens hochtalentierter Karl wird angefeindet, weil er von Real Madrid träumt – eine üble Form des Fußballpatriotismus.

Genug Herz für den FC Bayern? Karl werden gerade seltsame Fragen gestellt Foto: Sven Hoppe/dpa

F ußball ist immer. Auch wenn gerade nicht gespielt wird in der Bundesliga, liefern Spieler und Klubs genug Geschichten, um die Sportseiten der Republik zu füllen. Der leiseste Furz, den irgendein Fußballprofi irgendwo absetzt, wird schnell zum Aufreger. In diesen Tagen geht es viel um einen 17-jährigen Fußballprofi und seinen Auftritt beim FC-Bayern-Fanklub in Burgsinn, einem Kaff in Unterfranken, in dessen Historie der Besuch von 50 Schafen in einer Supermarktfiliale das einzig nennenswerte Ereignis ist. Da hat der junge Lennart Karl doch glatt gesagt, dass es sein Traum ist, irgendwann einmal bei Real Madrid zu spielen.

Das fanden derart viele Fans des FC Bayern so unerhört, dass man getrost von einem wahren Shitstorm sprechen kann, der da über den gewiss hochbegabten Kicker aus dem Jugendinternat des FC Bayern München hereingebrochen ist. Der gilt seit seinen ersten Auftritten in der Bundesliga, seit seinem ersten Treffer in der Champions League als neues Wunderkind des deutschen Fußballs.

Und statt nun dem FC Bayern auf immer und ewig dankbar dafür zu sein, dass ihn der Klub, dessen Trikot Karl trägt, seit er mit 14 Jahren aus Aschaffenburg nach München übergesiedelt ist, redete er von Real Madrid als seinem Traumverein.

Lebenslanger Treueschwur

Das finden viele Fans des FC Bayern so verwerflich, dass man sich angesichts ihrer Judasvorwürfe fragt, ob sie vielleicht nicht mitbekommen haben, in welche Richtung sich das Geschäft mit dem Profifußball in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Sie scheinen immer noch zu träumen vom deutschen Supertalent, dessen erstes Kleidungsstück ein Bayernstrampler aus dem Fanshop des Rekordmeisters ist, der von der Jugend bis zur Fußballrente dem Klub treu bleibt und der es wirklich ernst meint, wenn er nach einem Tor das Klubwappen auf seinem Trikot küsst.

Und eine doch arg unangenehme Portion Fußballpatriotismus schwingt bei dem Hass, der über Karl in den vergangenen Tagen ausgekübelt wurde, auch noch mit. Tenor: Das deutsche Supertalent möge doch bitteschön beim deutschen Superklub bleiben. So weit wie in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, als nicht für die Nationalmannschaft nominiert werden durfte, wer im Ausland unter Vertrag stand, wird es schon nicht kommen. Aber die Karl-Debatte reiht sich durchaus ein in die Diskussionen über Bekenntnisse zum Deutschtum, die es in der jüngsten Nationalmannschaftsgeschichte gegeben hat.

„Die Nationalmannschaft hat nichts damit zu tun, ob ich da oder da eher spielen kann. Es geht darum, ob ich stolz bin, für das Land zu spielen. Ich muss das fühlen“, hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann vor den letzten Qualifikationsspielen zur WM im Herbst gesagt. Daraufhin sah sich Verteidiger Jonathan Tah bemüßigt klarzustellen, dass er sein Herz habe sprechen lassen, als er sich für das Trikot Deutschlands und gegen das der Elfenbeinküste, dem Herkunftsland seines Vaters, entschieden hat.

Je globaler das Fußballbusiness wird, desto identitärer wird gerade das Nationalmannschaftswesen. Die nervigen Hymnendebatten der vergangenen Jahre waren die Vorboten einer Entwicklung Richtung Nationalismus, die zum gesellschaftlichen Rechtsruck dieser Tage leider nur allzu gut passt.

Lennart Karl übrigens musste sich bei den Chefs des FC Bayern für seinen Traum entschuldigen. Beim letzten Test vor dem Ende der Winterpause in der Bundesliga bei Red Bull Salzburg hat er zwei Tore geschossen und eins vorbereitet. Sein Auftritt soll zum Schwärmen gewesen sein. Möge er noch oft glänzen – in welchem Trikot und wo auch immer!

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Andreas Rüttenauer
Sport, dies und das
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