Debatte um Erinnerungskultur: „Eine sehr eigenwillige Deutung“

Der Genozid-Forscher A. Dirk Moses kritisiert die deutsche Erinnerungspolitik – in einer Tonalität, die man auch aus der Neuen Rechten kennt, so der Historiker Volker Weiß.

Ein Tourist fotografiert im Berliner Holocaust-Mahnmal.

Immer wieder ist die so genannte Erinnerungskultur in der Diskussion: Holocaust-Mahnmal in Berlin Foto: Thomas Trutschel/photothek/imago

taz: Herr Weiß, vor einigen Tagen hat der renommierte, in den USA lehrende Genozid-Forscher A. Dirk Moses im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart einen polemischen Artikel mit dem Titel „Der Katechismus der Deutschen“ veröffentlicht. Dieser Artikel wurde inzwischen auch ins Englische übersetzt und hat teils eine sehr begeisterte Rezeption erfahren. Sie haben sich kritisch zu Moses’ Artikel geäußert. Was genau stört Sie?

Volker Weiß: Insgesamt ist der Text überfrachtet, er thematisiert den Kolonialismus, Auseinandersetzungen um deutsche Erinnerungskultur, die Frage nach der Singularität der Shoah, Israel und die Israel-Boykottbewegung BDS. Dabei bricht Moses hiesige vergangenheitspolitische Debatten auf fünf angebliche grundlegende „Überzeugungen“ herunter, die einen, wie er es nennt, „Deutschen Katechismus“ ausmachen würden. Doch fast keine davon hält einer Überprüfung stand.

So behauptet er etwa, in Deutschland halte man Antisemitismus für ein spezifisch deutsches Phänomen. Nun, die NS-Vernichtungspolitik war spezifisch deutsch, aber dass es Antisemitismus in vielen anderen Ländern gab und gibt, bestreitet niemand. Im Moment wird er sogar regelrecht externalisiert, als „Import“. Eine weitere Behauptung war, das Holocaust-Gedenken bilde „das moralische Fundament der deutschen Nation, oft gar der Europäischen Zivilisation“.

Was stimmt daran nicht?

Ich würde das ja für einen Fortschritt halten – aber auch das ist von keiner Realität gedeckt. Die Anerkennung einer besonderen Bedeutung der Shoah ist ein relativ neues Phänomen, das sich erst ab den Neunzigern durchsetzt. Die Akzeptanz dieser Sicht blieb aber auf eine Bildungselite beschränkt, wie schon der Blick in die Online-Kommentarspalten zeigt. Moses scheint seinen liberalen akademischen Kosmos mit der deutschen Gesellschaft zu verwechseln. Und auch in Europa ist man von einem erinnerungspolitischen Konsens weit entfernt – siehe allein die Debatten in Polen oder Ungarn.

Zudem klagt Moses die kategoriale Trennung von Antizionismus und Antisemitismus ein. Richtig, denn beides sollte man grundsätzlich auseinanderhalten, da der Antizionismus unterschiedliche, auch innerjüdische Formen kennt. Allerdings artikuliert sich Antizionismus weltweit mittlerweile fast nur antisemitisch. Am schwierigsten aber finde ich Moses’ Hauptthese, die Deutschen würden heute im Philosemitismus die gleiche Erlösung suchen wie im Antisemitismus.

geboren 1972, ist Historiker und Autor des viel beachteten Buches „Die autoritäre Revolte“ (Klett Cotta, 2017).

Könnten Sie das weiter ausführen?

Moses behauptet, die Deutschen hätten „verinnerlicht, dass für die sündige Vergangenheit ihrer Nation nur über den Katechismus Vergebung zu erlangen ist“. Er glaubt, so wurde eine „Heilsgeschichte“ geschaffen, „in der die ‚Opferung‘ der Juden durch die Nazis im Holocaust die Voraussetzung für die Legitimität der Bundesrepublik darstellt“. Das ist eine sehr eigenwillige Deutung.

Ich lese aus den Thesen vor allem Moses’ Abneigung gegen die Arbeiten Dan Diners, einen „deutschen Katechismus“ beschreibt er jedenfalls nicht. Vielleicht hätte er den Text besser „Diners Katechismus“ nennen sollen? Eine ganze Reihe von Moses’ Motiven findet sich auch in Rolf Peter Sieferles antisemitischem Pamphlet „Finis Germania“.

Inwiefern genau erinnert Sie Moses’ Argumentation und Tonalität an erinnerungspolitische Debatten von rechts?

Das beginnt schon bei seiner Terminologie. Beispielsweise wirft Moses jenen vor, die auf die Unterschiede von kolonialer Gewalt und NS-Vernichtungspolitik hinweisen, als „Hohepriester“ zu agieren und „Exorzismen“ zu betreiben, er fühlt sich an „Häresieprozesse“ erinnert. Seine „Sakralisierungsthese“ ist ja nicht gerade neu. In der Regel wird sie von Kreisen vorgetragen, die den Bedeutungsverlust von Religion beklagen und in der Gedenkpolitik Sinnstiftungskonkurrenz sehen. In Deutschland ist mir das aus den „Schuldkult“-Debatten der Neuen Rechten geläufig.

Mit dieser Argumentation muss sich Moses nicht wundern, dass er der deutschen Rechten nun als Kronzeuge dient. Martin Sellner von den „Identitären“ hat ihn bereits als „postkoloniale“ Abrissbirne der verhassten Erinnerungskultur bejubelt. Leider scheint es auch in der BDS-affinen Kunstszene eine gewisse Offenheit für diese Terminologie zu geben. Zumindest beobachte ich das in der Rezeption des Textes.

Stehen die von Ihnen kritisierten Aspekte an Moses’ Text pars pro toto für Tendenzen in der aktuellen Feuilletondebatte über das Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus sowie über postkoloniale Deutungen der Shoah? Immerhin beklagt Moses ja auch, dass der Antisemitismus in Deutschland als „ein Vorurteil und Ideologem sui generis“ gelte, das auf keinen Fall „mit Rassismus verwechselt“ werden dürfe.

Das ist sicher ein Kontext der Debatte. Doch sah der Rassismus in den Nichtweißen wirklich einen übermächtigen, allgegenwärtigen Weltfeind, der sowohl den Kommunismus als auch den Kapitalismus kontrolliert, wie der Antisemitismus in den Juden? Obwohl die rassistischen Rassengesetze in den USA etwa bis in die Sechziger galten, sammelten die Amerikaner weder im Pazifik noch in der Karibik oder ihren Südstaaten Nichtweiße ein.

Die Deutschen gaben sich in ihrer Einflusssphäre dagegen alle Mühe, der Juden habhaft zu werden, um sie zu vernichten. Natürlich sind die Phänomene Antisemitismus und Rassismus verwandt. Sie können das jetzt als „Unterform“ des Rassismus bezeichnen oder als etwas Eigenes, „sui generis“. Doch diese Differenzen müssen in jedem Fall wahrgenommen werden.

Lässt sich der Konflikt zwischen Holocaust- und Postcolonial Studies denn irgendwie auflösen?

Ich denke, die eigentliche Frage in der Auseinandersetzung ist, wie Shoah-Gedenken als Mahnung für die ganze Menschheit universalisiert werden kann, ohne dass dabei die jüdischen Opfer darin unsichtbar werden. Die Erweiterung der Perspektive durch neue gesellschaftliche Gruppen oder über nationale Grenzen hinweg ist ein objektiver Prozess. Unterschiedliche Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg finden sich bereits in der israelischen Gesellschaft selbst. Die Shoah-Überlebenden brachten andere Erfahrungen mit als die afrikanischen oder orientalischen Juden, die ehemaligen Angehörigen der Roten Armee hatten ihr Selbstbewusstsein als Sieger.

Die deutsche Gedenkpolitik wiederum war jahrzehntelang erst mal mit den eigenen Kriegstoten befasst, jüdische Positionen blieben marginal. Das Verständnis für das Spezifische der jüdischen Opfer war aber auch in anderen Ländern wenig entwickelt. Ob in Ost oder West, nationale und politische Narrative dominierten stets. Diese mussten erst einmal überwunden werden. Die überlebenden Opfer haben sich ihren Platz in der Erinnerung erstritten, so gesehen war das Shoah-Gedenken selbst ein Prozess der Entkolonialisierung.

Auffällig bei vielen der jüngsten Demonstrationen gegen Israel war, dass dort das „Schuldkult“-Motiv ebenfalls vorgebracht wurde.

Heute müssen wir vergegenwärtigen, dass sich neben dem eher leisen tradierten Antisemitismus ein eingewanderter lautstark artikuliert. Diesen anzugehen ist sicher Aufgabe der Bildungsarbeit, aber es müssen in beiden Fällen auch die politischen Strukturen angegangen werden, die ihn befördern. Den jeweils einen mit Hinweis auf den anderen zu ignorieren hilft jedenfalls nicht. Zudem gibt es deutliche Lerneffekte voneinander. Die Performanz der islamistischen Jugendgruppe Muslim Interaktiv etwa, die seit einiger Zeit medial sehr offensiv auftritt, ist deutlich an den Stil der Identitären angelehnt.

Ein letzter von Moses angeführter Glaubenssatz des „Deutschen Katechismus“ besagt: „Deutschland trägt für die Juden in Deutschland eine besondere Verantwortung und ist Israel zu besonderer Loyalität verpflichtet: ‚Die Sicherheit Israels ist Teil der Staatsräson unseres Landes.‘“ Wie bewerten Sie diesen Punkt?

Das Bekenntnis trägt als Argument recht wenig, da diese Formel kaum mehr als Symbolwert hat. Es ist bis heute völlig unklar, was das eigentlich heißen soll, vor allem angesichts divergierender Interessen. Die deutsche Wirtschaft schielt sehnsüchtig auf den Iran und die arabischen Länder als Absatzmarkt, darf aber nicht immer so aktiv sein wie früher. In der Vergangenheit hat man sich da jedenfalls recht wenig um die „Sicherheit Israels“ gekümmert. Und um bestimmte Vergleiche und Anwürfe zurückzuweisen, die im Kontext mit Israel gerne bemüht werden, braucht es keine „besondere Loyalität“, sondern nur etwas Differenzierungsvermögen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews hieß es im von der Redaktion verfassten einleitenden Teaser, der Genozid-Forscher A. Dirk Moses behaupte, die Deutschen würden „Schuldkult“ pflegen. Das trifft nicht zu. Die Stelle wurde korrigiert.

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