Debatte über Strompreiszonen: Brandenburg first, Bayern second
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) fordert in Brandenburg erzeugten Strom zuerst vor Ort zu nutzen. Was steckt dahinter?
Dietmar Woidke sagt, er wolle „nicht all unseren Strom an Herrn Söder nach Bayern schicken, sondern hier in der Region nutzen“. Nehmen die Bayer:innen den Brandenburger:innen den Strom weg?
Als dünn besiedeltes Flächenland mit gut ausgebauten erneuerbaren Energien erzeugt Brandenburg im Schnitt deutlich mehr Strom, als es benötigt. Mehr als die Hälfte stammt aus Erneuerbaren. Das hochindustrialisierte Bayern hingegen ist Nettostromimporteur. Grundsätzlich muss im deutschen Stromnetz immer so viel Strom verbraucht werden, wie gerade erzeugt wird, damit es nicht zusammenbricht. Wenn zu wenig Strom produziert wird, muss Strom aus dem Ausland importiert werden oder fossile Kraftwerke müssen hochgefahren werden, um das Netz zu stabilisieren. Wird mehr Strom erzeugt als benötigt, zum Beispiel an sehr windigen und warmen Tagen, müssen Windparks vom Netz genommen werden. Der Transport von Strom durch Deutschland hilft also, dass Stromnetz stabil zu halten. Gerade angesichts der hohen Schwankungen der erneuerbaren Energien ist das ein wichtiges Instrument.
Regt sich Woidke also ohne Grund auf?
Hauptkritikpunkt Woidkes ist nicht der deutschlandweite Export, sondern dass Unternehmen und Bürger:innen im Land kaum vom Brandenburger Stromreichtum profitieren. Der Strompreis ist in Brandenburg für Verbraucher:innen aktuell sogar höher als in Bayern. So beträgt der durchschnittliche Preis für eine Kilowattstunde in der Grundversorgung in Bayern nur 39,17 Cent, während er in Brandenburg 43,40 Cent betrug.
Warum profitieren Brandenburger:innen nicht vom lokalen Strom?
Die Ursachen sind vielfältig. Ein Hauptfaktor liegt allerdings darin, dass es in ganz Deutschland einen einheitlichen Börsenstrompreis gibt. Dieser richtet sich zum einen nach Angebot und Nachfrage, zum anderen aber nach dem Preis des teuersten Energieträgers im Strommix. Wenn also die erneuerbaren Energieträger nicht den gesamten Bedarf decken können und in Süddeutschland deshalb ein Gaskraftwerk hochgefahren werden muss, treibt das den gesamten Strompreis deutlich in die Höhe.
Was will Woidke dagegen tun?
Woidke fordert deutlich niedrigere Strompreise für Menschen in Regionen, in denen viel erneuerbare Energie erzeugt wird. „Selbst wenn der Produzent den Preis verdoppelt, könnte man den Strom also für 12 bis 15 Cent an Menschen in der Region weitergeben“, sagte der Brandenburgische Ministerpräsident in einem Interview mit dem Nordkurier im Februar.
Wie soll das funktionieren?
Seit Jahren fordern Brandenburg und auch die anderen Strom exportierenden Nordländer eine Aufteilung Deutschlands in unterschiedliche Strompreiszonen. Dadurch gäbe es keinen einheitlichen Börsenstrompreis mehr, sondern beispielsweise fünf. Durch das System könnten Bundesländer wie Brandenburg stärker von ihrer Überproduktion profitieren. Gäbe es zu viel Strom, sinkt der Preis, weil der Punkt, an dem Gaskraftwerke nicht mehr benötigt würden, sehr viel schneller erreicht ist als im gesamtdeutschen Markt. Für die südlichen Bundesländer würde sich der Strompreis deutlich erhöhen, weil sie beim Ausbau der erneuerbaren Energien hinterherhinken. Die Idee unterstützten auch die Brandenburger Grünen. „Das würde das ganze System stabilisieren, da die Preissignale dann zu den physikalischen Gegebenheiten passen würden“, sagt Landesvorstand Clemens Rostock. Länder wie Norwegen, Schweden und Italien arbeiten bereits mit unterschiedlichen Strompreiszonen.
Okay, der Brandenburger Strom wäre dann günstiger. Aber würde dann nicht immer noch der restliche Strom nach Bayern fließen?
Ja, aber der günstige Strom wäre ein Standortfaktor, der industrielle Großverbraucher nach Brandenburg locken soll. Dadurch würde sich der Verbrauch in Brandenburg erhöhen und der Export sinken.
Abgesehen vom Preis, warum wäre es wünschenswert, wenn der produzierte Strom vor Ort verbraucht wird?
Soll Strom über weite Strecken transportiert werden, ist das verlustarm nur über leistungsfähige Hochspannungsleitungen möglich. Doch deren Kapazitäten sind begrenzt. Das führt dazu, dass Windkraftwerke bei Spitzenlast heruntergeregelt werden, wenn die Leitungen nicht ausreichen, um den Strom nach Süden zu transportieren. Sowohl die Ausfälle für die Betreiber, als auch der Ausbau der Leitungen werden über die Netzentgelte finanziert, die bereits ein Drittel der Verbraucherstrompreise ausmachen.
Was halten die südlichen Bundesländer davon?
Nicht viel. Bereits im August vergangenen Jahres kündigten Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein damaliger baden-württembergischer Kollege Winfried Kretschmann (Grüne) an, sich „mit aller Macht“ gegen den Vorschlag zu stellen. Sie fürchten eine Schwächung der wirtschaftlichen Zentren im Süden durch hohe Strompreise.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert