Dauerkrise des FC Schalke 04: Gefangen im Gestern

Dem taumelnden Klub aus Gelsenkirchen ist nicht viel mehr geblieben als seine Tradition. Im Abstiegskampf hilft das nur wenig.

Schalkes Trainer Huub Stevens vor einer Tafel, auf den ganz groß Schalke steht

Reanimation aus der Fußballsteinzeit: Huub Stevens Foto: ap

Fußball spielen können sie nicht in Gelsenkirchen. Nicht einmal gegen Arminia Bielefeld, die das auch nicht besonders gut können, ist dem FC Schalke 04 ein Sieg gelungen. Auch wenn erst 13 Spiele in der laufenden Saison gespielt sind, glaubt kaum einer, der die Bundesliga beobachtet, dass der Klub die Klasse halten kann. Und doch muss man sich um Schalke keine Sorgen machen. Der Verein mag abgewirtschaftet haben, er mag im Schuldensumpf versinken.

Seine Mitglieder mögen sich fragen, ob es richtig war, sich vom Fleisch-Oligarchen Clemens Tönnies zu verabschieden oder ob es vielleicht besser gewesen wäre, sich diesem erst gar nicht zu unterwerfen. Der Eingetragene Verein mag den letzten Rest seiner moralischen Integrität verloren haben, als er sich zum gut bezahlten Botschafter des russischen Energieriesen Gazprom hat machen lassen. Schalke mag in den letzten Wochen viel verloren haben, eines aber hat der Klub im Überfluss: Tradition.

Und so wird dieser Klub, der von seinen Anhängern so angebetet wird wie die Schwarze Madonne in Altötting von Pilgern aus aller katholischer Herren Länder, ewig weiterleben im Gedächtnis der deutschen Fußballgemeinde. Dass man als Gegenwert für Tradition keinen sportlichen Erfolg erwarten darf, das haben andere sogenannte Traditionsvereine nur allzu oft unter Beweis gestellt.

Dass Schalke genau das immer wieder versucht, hat beinahe schon etwas Rührendes. Huub Stevens, der Trainer, den die Anhänger im Jahr 2000 zum Coach der Schalker Jahrhundertelf gekürt haben, durfte einmal mehr den in schwarz-weiß gehaltenen Bildbänden, in denen an die großen Zeiten der Schalker erinnert wird, entsteigen und auf der Trainerbank Platz nehmen. Warum eigentlich? Weil er für die gute, alte Zeit steht. Und die kann Schalke niemand nehmen. Die Aufmerksamkeit ist dem Klub in solchen Momenten der Selbtmusealisierung gewiss.

Wie wäre es mit Stan Libuda?

Noch mehr Aufmerksamkeit könnte Schalke nur generieren, wenn Stevens die noch lebenden Spieler der Jahrhundertelf auf den Platz schicken würde. Und sportlich würde sich ja nicht viel ändern, wenn Norbert Nigbur, Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik, Klaus Fichtel, Olaf Thon, Marc Wilmots und Ingo Anderbrügge spielen würden. Verlieren können die auch. Und weil man die verstorbenen Jahrhundertkicker Rolf Rüssmann, Fritz Szepan, Ernst Kuzorra und Stan Libuda ja schlecht aufbieten kann, liegt die Erklärung für Niederlagen dann beinahe schon auf der Hand. Andere mögen vom Verletzungspech geplagt sein, Schalke leidet unter einem massiven Totenpech. Klar, RB Leipzig hat es da besser.

Wie es aussehen kann, wenn Klubs an ihrer eigenen Geschichtsbesoffenheit zugrunde gehen, lässt sich andernorts ganz gut studieren. Fans des TSV 1860 München müssen weinen, wenn sie den Namen des legendären Meister­torhüters Radi Radenković hören, auch wenn sie ihn nie haben spielen sehen. Traditionsbewusstsein kann helfen, die triste Gegenwart ein wenig zu verdrängen.

Sie kann aber auch dazu führen, dass sich ein Klub immer noch zu den ganz Großen des Landes, ja Europas zählt, auch wenn die Gegner Sandhausen oder Heidenheim heißen. Als Studienobjekt bietet sich hier der Hamburger SV an. Dessen Anhänger fragen sich längst, ob ihr Uwe (Seeler, Anm. d. Red.) das, was da gerade geschieht, verdient hat. Und in Kaiserslautern haben etliche harte Landungen nach arg hochfliegenden Plänen dazu geführt, dass der Betzenberg längst eher ein Stadionarchitekturdenkmal ist denn ein Fußballtempel.

Kaiserslautern wird seinen Platz in der Fußballgeschichte behalten. In der Bundesliga wird man den Klub wahrscheinlich so schnell nicht mehr sehen. Dem FC Schalke 04 könnte es bei gleichbleibendem sportlichem Abwärtstrend ähnlich ergehen. Der Klub könnte unvergessen bleiben und doch völlig bedeutungslos werden. Glück auf!

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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