: Das stille Sterben im Mittelmeer
Aus Sfax Mirco Keilberth (Text und Fotos)
Kurz vor der Küste von Malta schlägt am Mittag des 21. Januars ein Matrose Alarm. Vom Bord des ägytischen Frachtschiffs „Star“ hatte er einen Menschen im Wasser gesichtet, der sich regungslos an einen Rettungsring klammerte. Der Kapitän änderte den Kurs. Ein von der Besatzung gedrehtes Video zeigt die Bergung von Ebrima Conteh. Der völlig unterkühlte Mann aus Sierra Leone hatte wohl 24 Stunden im Wasser ausgeharrt. Er wurde nach Malta gebracht.
Als sich das Wetter zwei Tage später, am Freitag, dem 23. Januar, langsam wieder beruhigte, dürfte sich unter der Besatzung der „Star“ Erleichterung breit gemacht haben. In den Vortagen hatte der Zyklon „Harry“ im südlichen Mittelmeer für neun Meter hohe Wellenberge gesorgt. Sogar für größere Schiffe wie die „Star“ war die Handelsroute zur Gefahr geworden. Noch immer sucht die tunesische Küstenwache nach vier Fischern, deren Trawler vor der Hafenstadt Sfax in wenigen Minuten versank. Bisher sind fünf Todesopfer im Seegebiet zwischen Malta, Libyen und Tunesien offiziell bestätigt.
Ebrima Conteh ist der einzige Überlebende einer Tragödie, die erst kaum Beachtung fand und nun droht, schnell vergessen zu werden. Am Montag, den 19. Januar, und am Mittwoch, den 21. Januar, also direkt vor und nach dem Höhepunkt des Zyklons, waren acht Boote von der tunesischen Hafenstadt Sfax aufgebrochen. 380 Migranten machten sich auf ihnen in Richtung der italienischen Insel Lampedusa auf.
Ebrima Conteh saß mit 50 anderen Passagieren in einem der Metallboote, die für gewöhnlich in nur wenigen Stunden zusammengeschweißt werden. Ohne einen Kiel sind sie lebensgefährlich, schon bei Wellen, die nur einen Meter hoch sind. Schwimmende Särge nennen sie die Migranten in den Camps in Tunesien sie deshalb. Von den acht Booten fehlt, wie von dem Hochseetrawler mit den vier tunesischen Fischern, jede Spur – und das, obwohl die tunesische Küstenwache mit Unterstützung von aus der EU gelieferten Drohnen und Flugzeugen im Dauereinsatz ist. Zyklon „Harry“ wäre damit einer der tödlichsten Stürme der vergangenen Jahrzehnte.
Der Traum von der Überfahrt
Es ist eine humanitäre Krise, die in Europa angesichts anderer Dauerkrisen nahezu in Vergessenheit geraden ist: Nahe der Handelsstadt Sfax leben seit zwei Jahren Zehntausende Migranten und aus dem Bürgerkrieg im Sudan Geflohene in selbstorganisierten Zeltstädten. In Tunis und Brüssel will man, dass diese Menschen in ihre Heimat zurückkehren. Warum sie überhaupt von dort fliehen mussten, dafür interessiert sich kaum jemand.
„Der Schock über die im Sturm vermissten Boote ist hier groß. Viele glauben, dass Ebrima Conteh der einzige Überlebende ist“, sagt eine Migrantin aus Nigeria, die in den Camps an der Küste verzweifelt nach einem Freund sucht. Er war wie viele andere in eines der Boote gestiegen, als die Schmuggler vor dem Sturm die Preise für die Überfahrt von 500 auf 200 Euro gesenkt hatten. Auch in den kilometerlangen und schnurgerade gepflanzten Olivenhainen stand das Wasser während des Sturms teilweise über einen Meter hoch. Nun sind die Zelte von Schlamm bedeckt.
Ibrahim Foufana über die Entscheidung zur gefährlichen Überfahrt
„Wir leben in einem Kriegsgebiet“, meint Ibrahim Foufana. Der 30-Jährige aus Sierra Leone spricht leise. Sein Blick ist auf die klaffende Wunde an der Schulter seines Patienten gerichtet. Während ein Assistent die Blutung stillt, näht Foufana mit einer gebrauchten Nadel, behandelt mit Sterilisierungsflüssigkeit, die Haut von Abubakr aus Guinea-Bisseau. Das Mittel zum Sterilisieren ist die Spende eines tunesischen Apothekers, der Foufanas Arbeit – wie insgeheim auch lokale Behörden – stillschweigend schätzt.
Wie fast alle Patienten hier will der 33-jährige Abubakr seinen Nachnamen aus Angst vor Repressionen nicht veröffentlicht sehen. Zusammen mit seiner Frau, seiner dreijährigen Tochter und fünf Verwandten lebt er seit zwei Jahren in einer der Zeltstädte. „Wir besitzen Decken, Kochgeschirr und das, was wir am Leibe tragen“, sagt er. Zurück in die Heimat wollen sie dennoch nicht. „Auch dort wartet nur Arbeitslosigkeit und Gewalt auf mich.“ Abubakr berichtet, er sei auf der Straße zwischen Sfax und dem Camp attackiert worden: „Die Angreifer haben mit einer Art Machete zugeschlagen, mein Telefon und das Geld geraubt, das ich bei einem Olivenbauer verdient hatte.“ Die Angreifer seien Jugendgangs aus dem Fischerdorf Al-Amra, sagt Abubakr. „Wir nennen sie Clochards.“ Aber auch unter den Migrant:innen gibt es mittlerweile immer mehr Gangs, die Menschen entführen – und, wie in den Stunden vor dem Sturm, Menschen in die Boote drängen.
In seiner Feldklinik im „Kilometer 35“ behandelt Foufana Verletzte und Kranke aus den insgesamt 17 Camps, die über 50 Kilometer verstreut liegen. Sie werden nach ihrer Entfernung von Sfax benannt und sind meist nach Nationen getrennt. Seit zwei Jahren, seit der Vertreibung aus Sfax stehen sie nun hier – und sehen aus wie gerade gebaut. Denn immer wieder rücken Beamte an und zerstören die Zelte. Auch die „Klinik“ ist im Wesentlichen ein unscheinbares, aus Holzlatten und Plastikfolie zusammengebautes Zelt. Im letzten Sommer lebten hier nach Schätzungen lokaler Menschenrechtsaktivisten bis zu 30.000 Menschen, Migranten aus Westafrika, Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Sudan. Obwohl die Bauern sie nicht anstellen dürfen, arbeiten sie als Tagelöhner oder erhalten Lebensmittelspenden in Fischerdörfern wie Al-Amra.
Wie viele junge Tunesier träumen die Bewohner der Camps von der Überfahrt nach Europa, vom Leben in einer vermeintlich besseren Welt. Einige sitzen bei Sfax seit Jahren fest, andere haben die Überfahrt bereits mehrfach gewagt. Doch die tunesische Küstenwache fängt mittlerweile fast alle der in versteckten Werkstätten gebauten Boote ab. Die Passagiere werden an Land gebracht und entweder an die Grenze zu Algerien oder Libyen deportiert oder freigelassen.
Doch auch wer es in sein Zelt zurückschafft, ist nicht sicher: Männer werden willkürlich auf offener Straße verhaftet und an die Grenze abgeschoben. Auch 15 Jahre nach dem sogenannten Arabischen Frühling, der zunächst einen demokratischen Aufbruch versprach, wurde der von Experten geschriebene Entwurf eines Asylgesetzes nicht vom Parlament verabschiedet. Damit sind alle Migranten illegal im Land. Auch die von dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ausgehändigten Identitätskarten für Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Sudan haben nur symbolischen Wert.
Ein Schuhkarton Medikamente
Die vier Behandlungsräume in Foufanas Klinikzelt sind mit Tüchern voneinander getrennt. Mit Bändern umwickelte Holzstangen und Plastikplanen halten die Konstruktion zusammen, so wie alle Zelte hier. Dicke Wolldecken dienen als Betten für die Patienten. Stabilere Zelte zu bauen, lohne sich nicht, sagen ihre Bewohner. Denn immer wieder stürmt die Polizei die Camps, zündet die Zelte an oder macht sie mit Bulldozern dem Erdboden gleich. „Dieses Krankenhaus haben wir bereits sieben Mal neu aufgebaut“, sagt Ibrahim Foufana und zeigt auf die mit Klebeband umwickelten Bruchstellen in den Holzpfeilern, die bei den letzten Räumungen beschädigt worden waren. Ein solches Zelt kostet etwa 70 Euro, die Klinik mit vier Räumen geschätzte 200 Euro – finanziert von Spenden der Migranten.
Ibrahim Foufana, Arzt in der Freiwilligen Feldklinik
Im Empfangsbereich des Behandlungsraums, der keine fünf Quadratmeter misst, warten wie jeden Morgen über ein Dutzend Menschen. Die Medikamente, mit denen Ibrahim ihre Wunden, chronische Krankheiten oder die zurzeit grassierende Grippe kurieren muss, passen in einen Schuhkarton. Falls das Freiwilligenteam Spenden von den Bewohnern der Camps oder Geld von den Angehörigen der Patienten erhält, wird ein Bote zu einer der Apotheken in den umliegenden Fischerdörfern Al-Amra oder Jebianna geschickt.
Behörden untersagen den Bewohnern, an die Migranten Wohnungen zu vermieten, sie im Taxi mitzunehmen oder sie als Tagelöhner anzustellen. Doch viele Bewohner drücken ein Auge zu und freuen sich über den Wirtschaftsaufschwung, den die mehr als 30.000 Menschen mit sich gebracht haben. Auf den täglichen Wochenmärkten wird an Frauen aus den umliegenden Camps mit Rabatt verkauft oder sogar Lebensmittel gespendet.
In einem der Behandlungszimmer schreit eine schwangere Frau vor Schmerzen. Die Geburtswehen haben begonnen. Foufana sucht in dem Schuhkarton nach Schmerzmitteln. Mehr als 100 Kinder kamen hier in den letzten beiden Jahren zur Welt. Lokale Krankenhäuser nehmen Patienten aus Subsahara-Afrika nur dann auf, wenn im Voraus gezahlt wird. Oft werden aber auch diejenigen abgewiesen, deren Angehörige in der Heimat das Geld für die Behandlung aufgetrieben hatten. „Mein Freiwilligenteam und ich ersetzen UN-Organisationen, die Flüchtlingslager im Sudan oder in Jemen organisieren. Hier dürfen sie es offenbar nicht. Aber mangels Geld muss ich viele meiner Patienten ohne passende Behandlung nach Hause schicken“, sagt Foufana.
Hilfsorganisationen unerwünscht
Die Flüchtlingshilfswerk UNHCR der Vereinten Nationen und die Internationale Organisation für Migration IOM sind wie tunesische NGOs in den Olivenhainen bei Sfax und im algerischen und libyschen Grenzgebiet unerwünscht.
Zwar bietet IOM von Tunis aus wöchentlich Rückflüge in die Heimatländer an. Doch viele Migranten meiden das Programm, weil freiwillige Teilnehmer im letzten Jahr von Offiziellen in IOM-Westen in das wüstenartige Niemandsland nahe dem libyschen Grenzübergang Ras Jadir oder an der algerischen Grenze bei Tebessa ausgesetzt wurden, ohne Wasser und Nahrung. „In den Bergen oberhalb der Stadt liegen die Temperaturen derzeit unter dem Gefrierpunkt“, sagt Ibrahim Foufana, „zwei der Deportierten sind meine Patienten. Sie waren drei Wochen lang zu Fuß von Tebessa nach Sfax gegangen und sind völlig geschwächt.“
Foufana ist gelernter Krankenpfleger, seit der Ebola-Epidemie 2014 bis 2016 in seiner Heimat Sierra-Leone ein weit verbreiteter Beruf. In der Hauptstadt Freetown hatte er mit dem Medizinstudium begonnen und als Arzt gearbeitet. „Als ich vor zwei Jahren den medizinischen Notstand in den Camps sah – es gab jede Woche Tote – habe ich mit Freiwilligen drei provisorische Kliniken aufgebaut.“ Er scrollt durch eine akribisch geführte Tabelle, mit Daten zu den mehr als 2.000 Patienten, die er hier behandelt hat.
Unter den 380 Vermissten auf dem Mittelmeer sind auch fünf Freunde und Freiwillige aus Foufanas Krankenhaus-Team. Wenn er davon erzählt, laufen Tränen über sein Gesicht: Die Krankenschwester Fanta Quraishi war mit ihrem zwei Monate alten Sohn am Dienstagmorgen um zwei Uhr an Bord eines der Boote gestiegen. Sie wollte als Pflegerin in Deutschland arbeiten.
Die junge Frau aus Freetown habe eine enorme Willenskraft gehabt, heißt es in Foufanas Team. Sie habe sie immer wieder davon überzeugt, die zerstörte Klinik aufzubauen, wenn die Bulldozer und Jeeps der Nationalgarde abgezogen waren. Oft brannten dann noch die Überreste der zusammengeschobenen und angezündeten Zelte.
Die schwimmenden Särge
Fanta Quraishi hatte die Überfahrt schon einmal versucht, damals hochschwanger. Zusammen mit den anderen Passagieren wurde sie gerettet und von der tunesischen Nationalgarde an eine libysche Grenzmiliz übergeben. Sie brachten sie in ein Gefängnis in der libyschen Stadt Zuwara, das sie erst drei Monate später verlassen konnte, nachdem ihre Verwandten in Freetown 500 Dollar aufgetrieben hatten.
Ein libyscher Schmuggler brachte sie ins Grenzgebiet nach Tebessa, wo kriminelle Gruppen Geschäfte mit den Migranten machen. „Aber wir schafften es dennoch, sie und eine andere Krankenschwester wieder hierhin zu holen. Nur wegen ihrer Willenskraft hat sie das Kind in all diesen Strapazen nicht verloren“, sagt Foufana, und bittet den nächsten Patienten vor.
Zweimal habe er Fanta Quraishi im letzten Jahr vor einer weiteren Fahrt in den schwimmenden Särgen abhalten können, sagt Foufana. In der Sturmnacht am letzten Montag behandelte er gerade einen verletzten Patienten in einem anderen Camp, als sie sich entschied, auf das Angebot einzugehen, an einem „Konvoi“ teilzunehmen. Fünf andere Krankenschwestern fuhren mit ihr.
Frauen wie Quraishi stehen unter Druck, es in Europa irgendwie zu schaffen: Zuhause warten auf sie alle Schulden, die Vorwürfe der Verwandten, erklärt Foufana die selbstmörderische Entscheidung. „Und hier in Tunesien drohen Deportation oder Gefängnis. Fanta Quraishi konnte wie die anderen auf den Booten diese Hoffnungslosigkeit nicht mehr ertragen. Sie wurde schließlich größer als ihre Angst.“
Auch er habe immer wieder überlegt zu gehen, sagt Foufana. „Aber schauen sie sich die Schlange vor der Klinik an: Ich muss trotz allen Schmerzes hier weitermachen.“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen