Das Ende von „Nachsitzen“: Über das Dasein als Kolumnistin

Ko­lum­nis­t*in­nen werden als Aushängeschild des Mediums wahrgenommen. Gleichzeitig bekommen sie in der Regel aber wenig Lohn und Schutz.

Nach drei Jahren beendet Melisa Erkurt ihre Kolumne bei der taz Foto: Jeff Mangione/picture alliance

Bitte nicht bei mir beschweren, wenn euch was beim Spiegel nicht passt. Ich hab da nix zu melden, also ich bin da nur freie Autorin und das ist in der Hierarchie auch nur knapp über Leserbriefschreiber“, twitterte die Autorin und Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski einmal.

Ko­lum­nis­t*in­nen sind in der Regel nicht bei dem Medium angestellt, für das sie schreiben, sie genießen also keine positiven Aspekte eines Anstellungsverhältnisses, keine Sicherheit, keinen Schutz und müssen auch im Urlaub liefern. Gleichzeitig werden sie von Le­se­r*in­nen als das Aushängeschild des Mediums wahrgenommen, denn im Gegensatz zu den Berichten, Reportagen und Interviews der anderen Redakteur*innen, ist neben ihrem Text ihr Foto abgebildet und die Ko­lum­nis­t*in­nen vertreten meist kontroverse Meinungen, die in Erinnerung bleiben und für die sich die anderen Jour­na­lis­t*in­nen zu objektiv halten, obwohl sie natürlich genauso starke Meinungen haben, die nur subtiler einfließen lassen, wie in der Wahl ihrer Interview-Partner*innen oder Themen.

Ko­lum­nis­t*in­nen werden eher schlecht bezahlt und kriegen ziemlich viel Hass ab. Die Redaktionen profitieren von den Klicks, die ihnen die starken Meinungsstücke bringen, können sich im Ernstfall aber gleichzeitig von den Ko­lum­nis­t*in­nen distanzieren. Weil Ko­lum­nis­t*in­nen immer in denselben regelmäßigen Abständen einen neuen, innovativen Text und Take liefern müssen, werden sie oft persönlich. Dieser Drang, in regelmäßigen Abständen und innerhalb der immer gleichen Zeichenanzahl stets etwas Neues bringen zu müssen, verleitet manche dazu, polemisch und verallgemeinernd zu werden – nicht selten zulasten marginalisierter Gruppen.

Die meisten schreiben Kolumnen aus Existenzgründen

Ich wage aus Mangel an neuen Ideen jetzt auch einmal eine steile These zulasten einer von manchen mittlerweile als marginalisiert angesehenen Gruppe: Nur weiße, wohlhabende Männer schreiben eine Kolumne des Prestiges wegen, der Rest macht es aus Existenzgründen. Viele Ko­lum­nis­t*in­nen sind Freiberufler*innen, die von regelmäßigen Honoraren abhängig sind.

Ich habe an dieser Stelle fast drei Jahre lang jede dritte Woche und gleichzeitig für eine österreichische Wochenzeitung jede Woche eine Kolumne geschrieben. Ich musste also nicht nur darauf achten, Themen von anderen nicht wiederzukäuen, sondern auch meine eigenen nicht. Ich weiß schon, ich spreche gerade aus einer sehr privilegierten Situation heraus und gerade als Ar­bei­te­r*in­nen­kind konnte ich mein Glück lange nicht fassen, nicht so schuften zu müssen wie meine Eltern und ein Publikum zu haben, das sich für meine Worte interessiert.

Aber um welchen Preis? Möchte ich wirklich ständig Meinung von mir preisgeben, die für immer im Internet bleibt, selbst wenn ich sie mal ändern sollte und somit nicht mehr mir gehört? Für mich zahlt sich das nicht mehr aus. Danke fürs Lesen – machen Sie es gut.

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Autorin "Generation haram", Journalistin, ehemalige Lehrerin, lebt in Wien

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