Danke, Frankreich: Der (vor)letzte Akkord
Frankreich scheitert im Halbfinale an Spanien. Dabei hatte die Mannschaft zuvor eine atemberaubende Show abgeliefert. Man kann sich nur bedanken.
„Darum sagen wir: auf Wiedersehn. Die Zeit mit euch war wunderschön. Es ist wohl besser, jetzt zu gehn, wir können keine Tränen sehn. Schönen Gruß und auf Wiedersehn.“ So singen es die Toten Hosen in ihrem Song „Schönen Gruß, auf Wiedersehn“. Das passt gerade perfekt: Das letzte Album der Band ist fertig, die Abschiedstour steht bevor und bald wird der allerletzte Ton erklingen.
Ähnlich ergeht es der französischen Équipe Tricolore. Als Schiedsrichter Iván Barton das Spiel abpfiff, war klar: Das war’s. Zeit, Abschied zu nehmen. Eine Ära geht zu Ende, die mit dem Weltmeistertitel 2018 begann. Doch wie im Lied der Hosen blieb auch hier das Meer der Enttäuschung trocken. Kaum eine Träne war zu sehen. Dabei hätten die Franzosen allen Grund dazu gehabt. Denn was war das für ein Turnier, das hier endete!? Was für eine atemberaubende Show Didier Deschamps’ Mannschaft in den Stadien der USA abgeliefert hatte!
Frontmann Kylian Mbappé führte das Team an. Er glänzte auf dem Platz, übernahm Verantwortung neben dem Rasen und erzielte acht Tore. Mal traf er aus der Distanz, mal im Strafraum, mal vom Elfmeterpunkt. Er wirkte unaufhaltsam. Selbst die rassistischen Äußerungen der paraguayischen Senatorin Celeste Amarilla brachten den 27-Jährigen nicht aus der Ruhe. Und Mbappés Stärke beruhte auf einem eingespielten Ensemble. Hinter ihm standen Spieler, die für ihn spielten und trotzdem glänzten, als stünden sie selbst im Rampenlicht. An solchen Teamplayern mangelte es der französischen Offensive nicht.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Eine perfekte Mannschaft
Michael Olise war der Taktgeber. Mit kühlem Kopf lenkte er das Offensivspiel und setzte seine Mitspieler immer wieder perfekt in Szene. Während Mbappé bis zum Finale mit fast jedem Abschluss Gefahr ausstrahlte, sorgte Olise mit nahezu jedem Pass für Präzision. Ousmane Dembélé, Désiré Doué und Bradley Barcola kämpften um die beiden Plätze auf den Flügeln und stellten ihre Egos hintenan.
Besonders Dembélé beeindruckte in dieser Rolle, obwohl er selbst Weltfußballer und zweifacher Champions-League-Sieger ist. Im letzten Gruppenspiel glänzte er mit einem Dreierpack. Es war ein Soloauftritt, der sich sehen lassen konnte. Danach fügte er sich wieder ins Ensemble ein. Mit explosiven Dribblings und Tempoläufen setzte er Akzente, ohne den Frontmann zu überstrahlen.
Dass diese Mannschaft so harmonierte, war auch ein Verdienst von Didier Deschamps. Im Gruppenspiel gegen Norwegen fehlte der Trainer wegen der Beerdigung seiner Mutter. Im Sechzehntelfinale gegen Schweden kehrte er zurück. Als Mbappé kurz vor der Pause das 1:0 erzielte, rannte er direkt zu Deschamps und fiel ihm in die Arme. Sekunden später stürmte die gesamte Mannschaft hinzu. Ein Sinnbild für den Zusammenhalt der Mannschaft.
Die Auflösung
Doch wie die meisten großen Bands blieb auch das französische Ensemble nicht von Auflösungserscheinungen verschont. Spanien hat die Équipe Tricolore zermürbt und ihr phasenweise die Lust am Fußball genommen. Die zuvor so harmonierenden Stars wirkten plötzlich ratlos. Sinnbildlich dafür war Mbappés Frustattacke gegen Spaniens Torhüter Unai Simón kurz vor dem Schlusspfiff. Das letzte Konzert findet nun nicht wie erhofft im MetLife Stadium in New Jersey statt, sondern in Miami, beim ungeliebten Spiel um Platz drei.
Trotzdem reiht sich Frankreich nicht in die Liste jener Starteams ein, die an ihrem eigenen Ego zerbrachen, wie Brasilien 2006 oder Deutschland 1994. Dafür funktionierte das Miteinander über weite Strecken zu gut. Diese Mannschaft wird anders in Erinnerung bleiben. Denn bei aller individuellen Klasse war sie mehr als die Summe ihrer Stars.
Und Mbappé ist immer noch ihr Anführer. Das zeigte sich auch nach dem Halbfinal-Aus. Die Niederlage stand längst fest, die Spieler waren – mit sich selbst beschäftigt – auf dem Weg in die Katakomben, ohne sich von den französischen Fans zu verabschieden. Wahrscheinlich wären sie einfach verschwunden. Doch Mbappé pfiff seine Mitspieler noch einmal zurück. Gemeinsam gingen sie zur Kurve und bedankten sich. Das war ein letzter gemeinsamer Akkord, bevor sich der Vorhang langsam schloss.
Noch sagen wir nicht auf Wiedersehen, denn einmal wird man sie noch sehen. Trotzdem bleibt: Die Zeit mit euch war wunderschön.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert